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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Sarah Sonja Lerch

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Sarah Sonja Lerch - Münchens vergessene Revolutionärin.

 

Vor über hundert Jahren kam unter nicht ganz geklärten Umständen eine Politikerin zu Tode, die heute kaum jemand kennt: Sonja Lerch. Sie war neben Kurt Eisner die geistige Führerin der Novemberrevolution von 1918. Nach dem Scheitern der Massenproteste wurde sie verhaftet und am 29. März 1918 tot in ihrer Zelle im Gefängnis München-Stadelheim aufgefunden. Doch was ist passiert?

Mitgestalterin der Politik

Ihr Geburtsname war Sarah Sonja Rabinowicz. Sie war eine Frau, die bereits vor über 100 Jahren zu den Intellektuellen gehörte, was zu jener Zeit sehr ungewöhnlich war. Frauen hatten damals noch nicht einmal ein Wahlrecht. Dieses gab es erst ab dem 12. November 1918, also mehr als ein halbes Jahr nach ihrem Tod. Sonja Lerch war nicht nur eine Frau, sondern auch Jüdin, Revolutionärin und außerdem Russin. All dies war eine schwierige Ausgangslage.
Trotz dieser Umstände wollte Sonja Lerch die Politik mitgestalten, um auf diese Weise zu erreichen, dass die Welt nach ihren Vorstellungen ein wenig gerechter wird. Lerch durchbrach das Bild, welches man bis dahin von Frauen hatte. Sie spielte an der Seite von Bayerns späterem ersten Ministerpräsidenten, Kurt Eisner, eine bemerkenswerte Rolle.
Erstaunlich ist es, wie es damals eine Frau schaffen konnte, eine solch bedeutende Position einzunehmen. Möglicherweise hatte sie sogar auf die spätere Novemberrevolution von 1918 einen entscheidenden Einfluss. Ihr Lebenslauf liest sich jedenfalls von Anfang an so, als wäre diese Frau viel später geboren.

Bildung und Beruf

Sie erfuhr während ihrer Kindheit für diese Zeit ungewöhnlich viel Bildung und Entfaltungsmöglichkeiten. Sonja Lerch war die Tochter des russischen Schriftstellers Saul Pinchas Rabbinowicz. Ihr Vater war bereits in der Politik aktiv und musste später nach Deutschland fliehen.
Lerch wurde Lehrerin und übersetzte nebenher Bücher aus dem Deutschen ins Russische. So beispielsweise „Das jüdische Weib“ von Nahida Remy. Schon früh war sie Mitglied im Jüdischen Arbeiterbund. Während sie als Lehrerin in Odessa tätig war, beteiligte sie sich an der Russischen Revolution im Jahr 1905. Schon 1907 wurde sie wegen ihrer Mitgliedschaft im Arbeiter- und Deputiertenrat inhaftiert, doch sie floh und gelangte letztendlich nach Deutschland, wo bereits ihre Eltern nach der Flucht aus Russland angekommen waren. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, schrieb Lerch für die SPD-Zeitung Münchener Post, weswegen sie öfter in München war. Außerdem studierte sie noch Nationalökonomie. Ihre Promotion schrieb sie zum Thema „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung in Russland bis zur großen Revolution von 1905“.

 Sonja Lerch wollte aktiv Politik mitgestalten. Neben Kurt Eisner gilt sie als geistige Führerin der Novemberrevolution von 1918.

Sonja Lerch wollte aktiv Politik mitgestalten. Neben Kurt Eisner gilt sie als geistige Führerin der Novemberrevolution von 1918.

Chr. Zimmer, Gießen; (CC-PD-Mark) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sonja_Rabinowitz_1909_Giessen_Ausschnitt.jpg?uselang=de; Privatarchiv Hans-Jürgen Bracker, Bodman-Ludwigshafen

Politisches Engagement

Im Jahr 1912 heiratete sie den Romanisten Heinrich Eugen Lerch, den sie erstmals in München getroffen hatte. Eugen Lerch kam aus einem christlichen, bürgerlichen und kaisertreuen Elternhaus. Sonja Lerch hat sich daraufhin vom politischen Leben etwas zurückgezogen. Doch schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges engagierte sie sich wieder: Sie kritisierte als Pazifistin die Burgfriedenspolitik der SPD. Anschließend hat sie die Partei verlassen und trat der USPD bei. Sie agierte einerseits als Pazifistin aber auch als Anhängerin der Russischen Revolution von 1917. Ihr Ziel war es eine Vereinigung mit dem russischen Proletariat zu erreichen, da sie glaubte, dass sich mit der Erfüllung dieser Vorgabe auch andere europäische Arbeiter anschließen könnten.
Auch mobilisierte sie für den Generalstreik. Dieser sollte den Krieg beenden und Frieden mit Russland schaffen. In großen Reden versuchte sie im Januar 1918, die Arbeiterinnen und Arbeiter zu einem Streik aufzufordern.
Nach nur einer Woche wurde sie am 1. Februar 1918 verhaftet und als „Landesverräterin“ verurteilt. Sonja Lerch wurde zu Hause bei ihrem Mann festgenommen, als sie ihn noch einmal sehen wollte. In den fast acht Wochen ihrer Untersuchungshaft besuchte Eugen Lerch sie nicht.

Am 15. März 1918 wurde Sonja Lerch vom Untersuchungsgefängnis Neudeck in das Gefängnis München-Stadelheim überstellt. Eugen Lerch hatte die Scheidung schon eingereicht, der Verhandlungstermin stand bevor. Kurz vor der Scheidung nahm sich Sonja Lerch das Leben. Kurt Eisner war zur selben Zeit in Haft. Er glaubte, dass die Ursache ihres Selbstmordes auch im Privaten lag. Ihm zufolge erlebte sie das Martyrium doppelt: als russische Sozialistin in der deutschen Partei und als russische Frau bei dem deutschen Universitätsgelehrten.

Ihr Einfluss

Die Erinnerung an Sonja Lerch ist stark geprägt von ihrem frühen Tod – vielleicht wurde dieser durch eine private Tragödie ausgelöst.
Ihr Einfluss auf die Geschehnisse im Januar war kurz; möglicherweise nahm sie aber Einfluss auf den Verlauf der Revolution im November des gleichen Jahres. Laut Kurt Eisner waren es diese Arbeiterstreiks, die wenige Monate später zur Revolution führten. Neben Eisner und Ernst Toller gehörte Lerch zu den Hauptrednerinnen auf den Versammlungen, wobei die Polizeiprotokolle sie nur namentlich erwähnen, aber ihre Reden nicht mitschrieben. Einem Bericht der Staatsanwaltschaft München an das Bayerische Justizministerium zufolge forderte Lerch in ihrer Rede Kurt Eisner zum Massenaufstand auf und sprach von der Verbindung des deutschen mit dem russischen Proletariat. Sie sprach auch davon, dass der Freiheitsgedanke in München endlich zur Verwirklichung kommen müsse. Ihr Ziel war es, dass die Arbeit so lange niedergelegt werden müsste, bis die Freiheitsidee sich durchgesetzt habe. Ihre Reden übten auf die Zuhörer eine große Wirkung aus, so dass tatsächlich beschlossen wurde, die Arbeit niederzulegen. Lerch selbst sah in der Aufforderung zum Massenstreik keinen Landesverrat.

Sarah Sonja Lerch wurde auf dem neuen israelitischen Friedhof in München begraben. Weggefährten von der USPD legten einen Kranz nieder. Reden durfte es keine geben. Ganz vergessen wurde sie nicht. 2017 wurde ihr Grabstein saniert – und seit 2019 gibt es in München die Sarah-Sonja-Lerch-Straße.

Autorin: PD Dr. Karin B. Schnebel ist Hochschullehrerin für Politikwissenschaften an der Universität Passau und Vorsitzende des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts für Zukunftsfragen München.

Thomas Anz: (04.05.2018): Zum Tod der pazifistischen Revolutionärin Sonja Lerch vor 100 Jahren in München. Fiktionen, Dokumente und Hinweise. In: literaturkritik.de. rezensionsforum. 4. Mai 2018. Abzurufen unter: https://literaturkritik.de/tod-pazifistische-revolutionaerin-sonja-lerch-1918-naumann-gerstenberg,24380.html, [Stand: 25. Mai 2021].

Steckbriefe gegen Eisner, Kurt und Genossen wegen Landesverrates. Ein Lesebuch über Münchner Revolutionärinnen und Revolutionäre im Januar 1918.  Hrsg. von Günther Gerstenberg, Cornelia Naumann. Lich 2017.

Streikbewegung in München (Januar 1918). In: Bundesarchiv RY 19/ II 143/ 3; enthält: Briefe und Zeitungsausschnitte über den Selbstmord Sonja Rabinowitsch-Lerchs im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim.

Rudolf Stumberger: Nur eine Woche Agitation. 1918 erregte die Münchner Revolutionärin Sonja Lerch die Presse. Heute ist sie fast vergessen. In: Neues Deutschland (1./2. Dezember 2018). S. 18.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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