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Gegen den Missbrauch
Kinderschutz braucht starke Netze

Die Zahl der sexuellen Missbrauchsfälle steigt. Was können wir als Gesellschaft tun? Hinschauen, Aufdecken, Handeln! Das fordert Staatsministerin Kerstin Schreyer.

  • Hinschauen, Aufdecken, Handeln
  • Kinderpornographie leichter verfügbar
  • Prävention und Sensibilisierung
  • Bayerische Standards auf Bundesebene?

Für das Jahr 2019 verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik knapp 16.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland, das sind über 1.300 mehr als 2018. Auch die Zahl der polizeilich erfassten Delikte im Bereich der Kinderpornografie erhöhte sich um etwa 65% auf mehr als 12.200 Fälle. Allerdings gehen Experten von einem großen Dunkelfeld sexualisierter Gewalt an Kindern aus. Das sind Zahlen, die betroffen stimmen und aus denen ein klarer Auftrag hervorgeht: Der Kinderschutz muss weiter gestärkt werden! Als bayerische Ministerin für Arbeit, Familie und Soziales setzt sich auch Carolina Trautner dafür ein, dass „Risikofaktoren frühzeitig durch gute Präventionsarbeit erkannt werden, damit es gar nicht erst zu einer Kindeswohlgefährdung kommt und unsere Kleinsten gewaltfrei und unversehrt aufwachsen“.

Ein kleiner Junge sitzt traurig auf einer Bank

„Ein Prozent der männlichen Bevölkerung weist eine sexuelle Prägung auf das kindliche Körperschema auf und bei 40 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle liegt beim Täter eine pädophile Neigung vor“ (Prof. Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin der Charité)

Xavier_S; ©HSS; IStock

Hinschauen, Aufdecken, Handeln

„Politik, Sicherheitsbehörden, Jugendämter und Schulen leisten einen unschätzbaren Beitrag zum Kinderschutz. Es braucht aber auch ein Hinschauen, ein Aufdecken und ein Handeln von uns allen, damit Warnzeichen frühzeitig bemerkt werden“, bekräftigt unsere stellvertretende Stiftungsvorsitzende, Staatsministerin Kerstin Schreyer. Wir haben mit Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Behörden darüber gesprochen, welche Maßnahmen es bereits gibt, um den Kinderschutz zu stärken und wo noch Handlungsbedarf besteht.

Um Kinder besser schützen zu können, müsse man gerade bei Risikogruppen besonders genau hinschauen, betont die Forschungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts, Prof. Sabine Walper. Dazu zählen etwa Heranwachsende, die in ihren Familien Gewalt oder Vernachlässigung erfahren, oder Kinder mit einer Beeinträchtigung. „In diesen Konstellationen ist oft eine besonders stark ausgeprägte emotionale Bedürftigkeit der Kinder gegeben, die dann instrumentalisiert wird“, erklärt Walper.

Schreyer lächelt in die Kamera

„Um Kinder vor Missbrauch schützen zu können, braucht es eine Kultur des Hinsehens in allen Teilen der Gesellschaft.“ (Staatsministerin Kerstin Schreyer, stellv. HSS-Vorsitzende)

Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr

Auch mit Blick auf die Gruppe potenzieller Täter gibt es klare wissenschaftliche Befunde: „Ein Prozent der männlichen Bevölkerung weist eine sexuelle Prägung auf das kindliche Körperschema auf und bei 40 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle liegt beim Täter eine pädophile Neigung vor“, erläutert Prof. Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin der Charité. Doch längst nicht jeder Mensch mit einer pädophilen Neigung lebe sie auch aus. Vielmehr gebe es Risikofaktoren, die die Hemmschwelle zum sexuellen Missbrauch senken: Dazu zählen ein Mangel an Empathie sowie eine Wahrnehmungsverzerrung, bei der der Wunsch nach einem Sexualkontakt auf das Kind projiziert wird.

Kinderpornographie leichter verfügbar

Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die gestiegene Verfügbarkeit von Missbrauchsdarstellungen im Netz, auf die der Freistaat im vergangenen Oktober mit der Gründung des Zentrums zur Bekämpfung von Kinderpornographie und sexuellem Missbrauch im Internet reagiert hat. „Wir sind Zeuge einer qualitativen und quantitativen Entgrenzung“ berichtet Oberstaatsanwalt Thomas Goger, der das ZKI leitet. Nicht nur die Menge an kinderpornographischem Material nehme deutlich zu, immer häufiger stießen die Ermittler auch auf so genannte „Hurtcore“-Produktionen, bei denen Kinder gequält oder gefoltert werden. Die Digitalisierung begünstige zudem auch eine räumliche Entgrenzung sexuellen Missbrauchs und erleichtere die Vernetzung innerhalb des Milieus.

In Deutschland wächst die Zahl der Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs. 16.000 solche Verbrechen stehen in der Kriminalstatistik von 2019. 1300 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Verbrechen im Bereich der Kinderpornographie stieg um mehr als die Hälfte. Unsere stellvertretende Stiftungsvorsitzende, Staatsministerin Kerstin Schreyer, fordert „Hinschauen, Aufdecken und Handeln von uns allen!“ und die Bayerische Ministerin für Arbeit, Familie und Soziales, Carolina Trautner will den präventiven Kinderschutz stärken. Risikofaktoren müssten „frühzeitig durch gute Präventionsarbeit erkannt werden“. Sehen Sie hier die Diskussion in voller Länge.

©HSS

Trautner lehnt an einer Hausecke und lächelt

„Kinderschutz braucht starke Netze“, betont Bayerns Familienministerin Carolina Trautner.

Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales

Im Umkehrschluss erfordere dies auch einen grenzüberschreitenden Schulterschluss zwischen den Strafverfolgungsbehörden. „Mir fällt kein Deliktfeld ein, wo sich die Zusammenarbeit mit anderen Strafverfolgungsbehörden oder der Privatwirtschaft so unkompliziert gestaltet“, zeigt sich Goger erfreut. Denn: „Je schneller wir die Täter identifizieren, desto früher können wir auch die Opfer aus dieser Missbrauchssituation herausholen“. Eine Beschleunigung der Ermittlungen sei zudem auch möglich geworden, nachdem der deutsche Gesetzgeber so genannte „Keuschheitsproben“ für zulässig erklärt habe. Dabei handelt es sich um künstlich erstellte Missbrauchsdarstellungen, die den verdeckten Ermittlern als „Eintrittskarte“ in die hermetisch abgeschotteten einschlägigen Internetforen dienen.

Die Stärkung des Kinderschutzes ist jedoch nicht nur eine Aufgabe von Justiz und Strafverfolgungsbehörden. Auch in unserer Gesellschaft „braucht der Kinderschutz starke Netze“, wie Staatsministerin Trautner betont. Um diese „Schutznetze“ zu stärken, hat der Freistaat eine Reihe an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Ein wichtiger Meilenstein war beispielsweise die Etablierung der Kinderschutzambulanz, die eine Lücke zwischen medizinischer Diagnostik und Jugendhilfe schließt, im Jahr 2011. Am Institut für Rechtsmedizin der LMU München werden Kinder und Jugendliche kostenlos und umfassend auf Spuren von Missbrauch untersucht und Ärzte im richtigen Umgang mit Kindeswohlverdachtsfällen geschult.

Trau dich!

In Bayern besteht darüber hinaus eine Meldepflicht für Ärzte, sofern gewichtige Hinweise auf eine Kindswohlgefährdung vorliegen. „Allein 2019 sind auf diesem Wege 1.200 Meldungen eingegangen, in 900 Fällen bestand ein starker Handlungsbedarf und davon waren 300 Fälle dem Jugendamt noch nicht bekannt. Diese Zahlen illustrieren, wie wichtig ein guter Informationsaustausch und institutionelle Schnittstellen im Bereich des Kinderschutzes sind“, bilanziert Isabella Gold vom bayerischen Staatsministerium für Arbeit, Familie und Soziales.

Weiterführende Informationen zum Thema Kinderschutz in Bayern:

Weitere wichtige Ansprechpartner auf Bundes- und Landesebene:

Von links nach rechts: Thomas Goger, Isabella Gold, Dr. Sarah Schmid (Moderatorin), Prof. Dr. Klaus Beier und Prof. Dr. Sabine Walper.

©HSS

Auch die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schulen wurde durch die bundesweite Initiative „Trau dich!“ gestärkt, deren Ziel es ist, Mädchen und Jungen zwischen acht und zwölf Jahren über ihre Rechte aufzuklären, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und sie zu informieren, wo sie im Falle eines Übergriffs Hilfe finden. Künftig sollen zudem auch Schutzkonzepte in Institutionen wie Schulen oder Kindergärten verstärkt gefördert und eine Kinderschutz-App auf den Weg gebracht werden.

Nicht zuletzt gibt es auch Ansätze, die auf Ebene der potenziellen Täter ansetzen und Männer mit einer pädophilen Neigung therapeutisch dabei unterstützen, diese zu kontrollieren. Ziel dieser Präventionsnetzwerke ist es, sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum von Missbrauchsabbildungen zu verhindern. Programme wie „Kein Täter werden“ richten sich nur an Personen, die nicht bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten sind. Seit Anfang 2021 gibt es auch in München einen Standort des Netzwerkes, der vom bayerischen Staatsministerium der Justiz gefördert wird.

Auch wenn für den Kinderschutz bereits ein breites Netz gespannt wurde, sehen Expertinnen und Experten in einigen Bereichen noch Handlungsbedarf. Thomas Goger beklagt etwa, dass in Ermittlungen des ZKI zwar oftmals IP-Adressen identifiziert werden können, die aufgrund einer mangelnden – weil rechtlich nicht gestatteten –  Sicherung von Telefon- und Internetverbindungsdaten durch die Anbieter dann nicht mehr weiterverfolgt werden können. Er plädiert dafür, dass „Datenschutz nicht zum einzigen abwägungsfesten Grundrecht werden darf“ und begrüßt die Forderung des bayerischen Justizministers Georg Eisenreich nach einer Vorratsdatenspeicherung ausdrücklich.

Bayerische Standards auf Bundesebene?

Auch Isabella Gold aus dem Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales spricht sich dafür aus, bayerische Standards auf die Bundesebene auszuweiten. So existiere auf Bundesebene beispielsweise noch keine Meldepflicht im Falle von Kindeswohlgefährdungen, was in einer Schutzlücke resultiere. Aktuell arbeite der Gesetzgeber allerdings bereits daran, diese zu schließen und im Bundesrat zeichne sich eine Mehrheit für das Vorhaben ab. Doch auch in Zukunft gibt es noch einiges zu tun: So spricht sich Gold beispielsweise für eine Fortbildungspflicht für Familienrichter aus, um diese im richtigen Umgang mit minderjährigen und traumatisierten Opfern sexueller Gewalt vor Gericht zu schulen. Sensibilisierung und Weiterqualifizierung sind auch für Sabine Walper wichtige Anliegen. Sie wünscht sich, dass Lehreinheiten zum richtigen Umgang mit Verdachtsfällen des sexuellen Missbrauchs künftig ins Lehramtsstudium integriert werden, damit Pädagogen von Anfang an bestmöglich vorbereitet sind.

In einem Punkt sind sich alle Experten einig: Damit das Netz des Kinderschutzes auch in Zukunft trägt, braucht es nicht nur einen starken Rechtsstaat und eine gut aufgestellte Jugendhilfe, sondern auch eine Kultur des Hinsehens in allen Teilen der Gesellschaft. Wie die Zunahme von Cyber-Grooming illustriert, verlagern sich Bedrohungen für den Kinderschutz zudem immer mehr auch ins Netz. Daher gilt es auch in diesem Bereich die digitalen Kompetenzen aller mit dem Kinderschutz befasster Akteure zu vertiefen und zu stärken.

Autorin: Dr. Sarah Schmid, Dr. Susanne Schmid, HSS

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Leiterin: Dr. Sarah Schmid
Verfassung, Europäische Integration und Gesellschaftliche Partizipation
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