Print logo

Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Süßkind von Trimberg

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Süßkind von Trimberg - der jüdische Minnesänger.

Im Mittelalter hatten Juden ganz selbstverständlich Anteil an der höfischen Kultur: Einerseits rezipierten sie mittelhochdeutsche Epen und Minnesang, andererseits dichteten sie selbst. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der aus Franken stammende Minnesänger und Sangspruchdichter Süßkind von Trimberg.

Im Mittelalter war Minnesang modern. Die Frage, ob auch Juden Anteil an dieser höfischen Lyrik hatten, glaubte die Germanistik bis vor kurzem – mit wenigen Ausnahmen – verneinen zu müssen. Doch seit einigen Jahren hat sich diese Vorstellung gewandelt und es gilt als gesichert, dass Juden wie Christen gleichermaßen an der höfischen Kultur partizipierten. Zugangsbedingung war freilich ein gewisser Wohlstand, weshalb wohl arme Christen und Juden weder Nibelungenlied noch Minnesang kannten.

Höfische Kultur

Einen Hinweis darauf, bietet der Erfurter Schatzfund, der Ende des 20. Jahrhunderts in der dortigen Altstadt entdeckt wurde. Neben einem jüdischen Hochzeitsring wurde auch ein Gürtel mit Applikationen aus Metall entdeckt. Darauf befinden sich mittelhochdeutsche Silben, die zusammen ein Minnegedicht ergeben. Das zeigt, dass um 1350 in der jüdischen Oberschicht Minnesang genauso als galante Unterhaltung gepflegt wurde, wie in der christlichen. Die gemeinsame höfische Kultur erweist sich auch beim Heldenepos „Dukus Horant“. Dieses mit der mittelhochdeutschen „Kudrun“ aus Regensburg verwandte Werk ist in hebräischen Lettern geschrieben. In Zusammenschau deuten diese Beispiele darauf hin, dass mittelhochdeutsche Epik und Lyrik im Mittelalter von Juden wie Christen gleichermaßen geschätzt wurden.

Reich gekleidet wird der Minnesänger Süßkind von Trimberg im Codex Manesse dargestellt. Er trägt einen blauen pelzgefütterten Mantel mit Pelzkragen und den für Juden typischen goldenen Spitzhut. Seine Gedichte entstanden in der zweiten Hälfte des 13. oder zu Beginn des 14. Jahrhunderts.

Reich gekleidet wird der Minnesänger Süßkind von Trimberg im Codex Manesse dargestellt. Er trägt einen blauen pelzgefütterten Mantel mit Pelzkragen und den für Juden typischen goldenen Spitzhut. Seine Gedichte entstanden in der zweiten Hälfte des 13. oder zu Beginn des 14. Jahrhunderts.

Süßkind der Jude von Trimberg, Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), Universitätsbibliothek Heidelberg,Cod. Pal. germ. 848, Bl. 355r (Public Domain Mark 1.0)

Codex Manesse

So verwundert es auch nicht, dass der Jude Süßkind von Trimberg im berühmten Codex Manesse, der bedeutendsten Liederhandschrift des Mittelalters (auch Manessesche Liederhandschrift genannt), porträtiert wird. Am Beginn des Pergamentblattes mit dessen Porträt steht mit wünschenswerter Klarheit: Süskint der Jude von Trimperg. Dabei weist die p-Schreibung in Trimperg auf eine Herkunft aus Bayern hin. Die farbige Miniatur darunter zeigt Süßkind selbst mit Judenhut und im Redegestus, was ihn als Künstler ausweist. Natürlich ist dies kein authentisches, zeitgenössisches Porträt, denn so etwas gab es um 1300 nicht, als der Pergamentcodex Manesse in Zürich geschrieben und mit aufwendigen Buchmalereien verziert wurde. Die meisten der darin vorgestellten Minnesänger und Sangspruchdichter, darunter etwa Walther von der Vogelweide oder die aus Bayern stammenden Neidhard und Wolfram von Eschenbach, waren längst verstorben, bevor sie in fiktiven Porträts auf die großformatigen Pergamentblätter gelangten, die heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg adäquat aufbewahrt werden. Dort ist auch das Porträt Süßkinds von Trimberg recht gut erhalten und bezeugt bis heute die historische Existenz des Minnesängers.

Ein wichtiger Hinweis, denn bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts glaubten manche Mittelaltergermanisten, ein Jude Süßkind habe zwischen adeligen Minnesängern im Codex Manesse nichts verloren. Man spekulierte etwa, ein christlicher Minnesänger sei in die Rolle eines Juden geschlüpft. Dabei ist die Selbstaussage des Juden Süßkind, der aus dem fränkischen Trimberg stammte, wo bis heute eine stattliche Burgruine erhalten ist, eindeutig:

„Mit meiner Kunst begebe ich mich wirklich auf eine Narrenreise. Weil mir die hohen Herren keinen Lohn geben wollen, werde ich ihren Hof fliehen und mir einen langen grauen Bart wachsen lassen. Als alter Jude werde ich fortziehen, mit langem Mantel und Reisehut. Demütig muss ich dahin schleichen und kann nie mehr höfischen Minnesang erklingen lassen. Denn die hohen Herren rücken nichts von ihrem Reichtum heraus.“

Die Strophe erinnert an eine ähnliche Klage Walthers von der Vogelweide, der vorgab, nur in halbwegs gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen als Minnesänger kreativ sein zu können. Süßkind von Trimberg erscheint hier (in einer sogenannten Heischestrophe) als fahrender Sänger, der von Burg zu Burg zieht, um sich und seine Kunst anzupreisen. Seine mittelhochdeutschen Verse unterscheiden sich in ihrer Sprache und metrischen Machart in nichts von Strophen Walthers von der Vogelweide.

Aus all dem ergibt sich, dass der Jude Süßkind, der sich nach Trimberg – oder auch der Trimburg – im heutigen Landkreis Bad Kissingen benannte, mittelhochdeutsche Verse dichtete. Wie viele Minnesänger und Sangspruchdichter führte er das unstete Leben eines Fahrenden. Er suchte Adelshöfe auf, um dort gegen Entlohnung zu singen. Dieses entbehrungsreiche Leben teilte Süßkind mit berühmten Kollegen wie Walther von der Vogelweide oder Neidhart (zeitweise Minnesänger in Landshut). Trotz seiner prekären Lebensverhältnisse erlangte Süßkind von Trimberg solch künstlerisches Ansehen, dass er die Aufnahme in den exklusiven Club des Codex Manesse fand. Er ist damit wohl einer der ersten Juden, dessen Einfluss auf die Kultur im heutigen Bayern historisch belegt ist.

Autor: Prof. Dr. Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg.

Martin Przybilski. Kulturtransfer zwischen Juden und Christen in der deutschen Literatur des Mittelalters. de Gruyter: Berlin / New York 2010.

Maria Stürzebecher: Erfurter Schatz. Bussert & Stadeler: Jena u. a. 2009, (Jüdisches Leben Erfurt).

Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt. C.H.Beck: München 2018.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de
Leiter: Thomas Klotz
Bildung, Hochschulen, Kultur
Leiter:  Thomas Klotz
Telefon: 089 1258-264
Fax: 089 1258-469
E-Mail: klotz-t@hss.de