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Heilige Zeiten – Welche religiösen Feste feiern Menschen in Deutschland?
Teil XIII: Das christliche Erntedankfest

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens gelingt umso besser, je mehr wir voneinander wissen. In einer kleinen Reihe wollen wir Unwissen mit Wissen begegnen und neugierig machen auf verschiedene Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Heute: Erntedank.

Barbara Becker ist Diplompädagogin und Winzerin. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreis der CSU, Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2018 Mitglied des Bayerischen Landtags.

Barbara Becker ist Diplompädagogin und Winzerin. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreis der CSU, Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2018 Mitglied des Bayerischen Landtags.

Barbara Becker

Das Fest Erntedank wird in Deutschland am ersten Sonntag im Oktober gefeiert. Diese Regelung hat sich seit 1972 eingebürgert, dem Jahr, in dem die katholische Deutsche Bischofskonferenz diesen Tag vorgeschlagen hatte. Davor war das Fest von der Erntezeit abhängig. In der evangelischen Kirche kann Erntedank auch auf den Michaelistag am 29. September, dem Tag des Erzengels Michael und aller Engel oder auf den folgenden Sonntag fallen. Was genau gefeiert wird und wie sich das Fest gestaltet, erklärt uns Barbara Becker, die selbst Winzerin und Mitglied des Bayerischen Landtags ist:

Mit dem Erntedank erinnern Christinnen und Christen an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir danken ihm für die Ernte, erinnern uns an den engen Zusammenhang zwischen Mensch und Natur. Lebensmittel haben sich alle Generationen vor uns hart erarbeiten müssen. Sie sind existentiell für unser Überleben. Wenn die Landwirtinnen und Landwirte, die den Jahreskreis der Arbeit mit der Natur und für gute Nahrung mit der Ernte abschließen, ist das eine gute Gelegenheit, dankbar zu sein.

Das Erntedankfest kein ureigen christliches Fest. Bereits in der heidnischen Antike um 5 000 v. Chr. finden wir dafür Nachweise und in der jüdischen Tradition ist das Laubhüttenfest mit dem Erntedank verwandt. Seit dem Mittelalter haben Gutsbesitzer ihre Erntehelferinnen und Erntehelfer zu einem großen Fest eingeladen, wenn die letzten Getreidegarben eingefahren waren.
Als christliches Fest gestalten wir den Erntedank ungefähr seit dem 3. Jahrhundert.

Wachsen und Gedeihen, Leben im Jahreskreislauf, Umgang mit Gottes guter Natur, der Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, Dankbarkeit, mit genügend Lebensmitteln gesegnet zu sein, all das spielt für mich eine Rolle beim Erntedank.

Für alle Menschen aus der Landwirtschaft ist es ein sehr inniges Fest. Und es wird in meinem Heimatdorf auf sehr besondere Art und Weise gefeiert: Es beginnt schon beim Termin. Im Gegensatz zu den anderen Gemeinden feiert das Winzerdorf Wiesenbronn den Erntedank nicht am ersten Sonntag nach dem Michaelistag, sondern erst drei Wochen später. Grund ist die Weinlese, die ein paar Wochen nach der Ernte der anderen Feldfrüchte abgeschlossen ist.

Schon der Start der Weinlese wird mit einem Gottesdienst gefeiert, bei dem die Trauben gesegnet werden. Die Gemeinde trifft sich draußen im Weinberg. Von hier haben wir freien Blick auf die Felder und Weinberge, hinter uns ist ein Kreuz aus Fassdauben errichtet. Es markiert zugleich den Eingang zu unserem Weinlabyrinth, das dem Labyrinth auf dem Boden der Kathedrale von Chartres nachempfunden ist. In den Gottesdienst integriert ist der Bericht des Vorsitzenden des Weinbauvereins, der auf das vergangene Jahr zurückblickt.
Anschließend bringen die Gottesdienst-Kinder Körbchen mit verschiedenen Traubensorten und stellen die Traubensorte vor. Pfarrer oder Pfarrerin würdigt in Predigt und Fürbitten die Arbeit der Winzerinnen und Winzer, dankt für gutes Wetter oder beschreibt, welche Nöte aus der Witterung entstanden sind. Die Fürbitten schließen mit der Bitte um eine unfallfreie Lese.
Der Erntedank-Gottesdienst selbst findet in der Kirche statt. Der Altar ist prächtig geschmückt mit den Gaben, die die Konfirmandinnen und Konfirmanden oder Präparandinnen und Präparanden gesammelt haben. Von Jahrgang zu Jahrgang wird unter den Jugendlichen die Information weitergegeben, bei wem es die schönsten Äpfel und die größten Kürbisse gibt. Weintrauben und auch Bocksbeutel (die typischen bauchigen Frankenwein-Flaschen) schmücken ebenso den Altar. In der Predigt, die ja bei uns Evangelischen ein zentrales Element des Gottesdienstes ist, erwarten wir als Gemeinde Aussagen über das biblische „Bebauen und Bewahren“, über die Dankbarkeit, weil wir genügend zu essen und zu trinken haben und den Verweis auf Regionen der Erde, in denen das nicht der Fall ist.
In den 1970ern und 1980ern war es modern, auch Konsum-Gegenstände wie Spielzeug oder Modellautos auf dem Altar zu dekorieren. Das sollte die Dankbarkeit über unseren Reichtum und Überfluss, aber auch über nicht-landwirtschaftliche Produkte zum Ausdruck bringen. Das ist wieder aus der Mode gekommen. In vielen Gemeinden ist der Gottesdienst auch mit einer Solidaritätsaktion zugunsten hungernder Menschen verbunden. In unserer Gemeinde werden die Gaben vom Altar an die Tafel e.V. gespendet.
Musikalischer Höhepunkt ist das Erntedank-Lied „Wir pflügen und wir streuen“, das wir in der Gemeinde seit Generationen singen.

Das Erntedankfest wird in Deutschland von rund 45 Millionen Menschen gefeiert.

Gesprächspartnerin: Barbara Becker

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de