Print logo

Heilige Zeiten – Welche religiösen Feste feiern Menschen in Deutschland?
Teil XVII: Der Buß- und Bettag – ein Tanz für die Seele

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens gelingt umso besser, je mehr wir voneinander wissen. In einer kleinen Reihe wollen wir Unwissen mit Wissen begegnen und neugierig machen auf verschiedene Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Heute: Buß- und Bettag.

Der Buß- und Bettag ist ein Gedenktag der evangelischen Kirche, der elf Tage vor dem Ersten Advent begangen wird oder auf den Mittwoch vor dem 23. November fällt. In diesem Jahr wird der Buß- und Bettag am 17. November gefeiert. Dieser letzte Feiertag im Kirchenjahr blieb in Bayern nach seiner bundesweiten Streichung als gesetzlicher Feiertag zur Finanzierung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 zwar schulfrei, ist für Arbeitnehmer allerdings nicht mehr dienstfrei. Persönliches Versagen und Fehlverhalten kann der Gläubige an diesem Tag ganz bewusst vor Gott bringen und sich wieder neu ausrichten. Dabei wird nicht nur das eigene Leben bedacht, sondern auch soziale und gesellschaftliche Notlagen. Wie der Buß- und Bettag gestaltet werden kann, das erläutert uns Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin i.R., Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates:

 Die Theologin und frühere Journalistin Susanne Breit-Keßler war Medienbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Als erste Frau wurde sie im Jahr 2000 zur Oberkirchenrätin und Regionalbischöfin für den Kirchenkreis München und Oberbayern ernannt. Seit ihrem Ruhestand im Jahr 2019 ist sie unter anderem stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung.

Die Theologin und frühere Journalistin Susanne Breit-Keßler war Medienbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Als erste Frau wurde sie im Jahr 2000 zur Oberkirchenrätin und Regionalbischöfin für den Kirchenkreis München und Oberbayern ernannt. Seit ihrem Ruhestand im Jahr 2019 ist sie unter anderem stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung.

Anke Roith-Seidel

Als Kind bin ich auf dem Nachhauseweg von der Schule gerne in die katholische Kirche gegangen. Besonders angetan hatten es mir die Beichtstühle. Mysteriös-dunkel standen sie da, die Vorhänge zugezogen, nichts von ihrem Inneren zu erblicken. Das Knacken des alten Holzes fuhr mir durch Mark und Bein. Was für Geheimnisse wohl in ihnen verborgen, welche düsteren Dinge ihnen anvertraut sind ... Die Faszination der Beichtstühle bin ich niemals losgeworden. Sie sind Symbol dafür, dass Menschen Raum und Zeit brauchen, um sich etwas von der Seele zu reden.

Es gibt vieles, was belastet, was nach Ausdruck schreit, danach, jemanden zu haben, der einen anhört. So wichtig ich als kleine und erwachsene Protestantin die tiefere Bedeutung der Beichtstühle empfand und noch empfinde, so lieb ist mir der Buß- und Bettag geworden. Es stimmt, was der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal einmal gesagt hat:

"Der Mensch trägt eine Sehnsucht in sich, die ihn um ein Unendliches übersteigt."

In dieser Sehnsucht steckt eine Menge Kraft. Sie findet sich nicht mit dem Gegebenen ab, sondern will es "übersteigen".

Den Buß- und Bettag nutze ich, um im Gottesdienst und außerhalb davon aufzuräumen -  so, wie ich meine Wohnung in regelmäßigen Abständen aufräume. Ich durchstöbere Schränke und Schubladen, überlege, was ich behalten soll und was ich fortgeben kann. Das fällt nicht ganz leicht, weil ich von manchem, selbst wenn es mich belastet, nur schwer loskomme. Am Buß- und Bettag versuche ich innerlich, geistig und seelisch aufzuräumen - das ist mindestens so aufwendig. Aber ein ganzer Tag bietet viel Gelegenheit zum Kramen und Grübeln.  

Buße ist ein Prozess, der sich durch das Leben hindurchzieht. Luther betonte, dass die Notwendigkeit, in sich zu gehen, kein Ende hat. Man muss hier immer wieder durch, weil man Seelenfrieden und Seelenheil nicht kaufen kann. Überraschend in diesem Kontext:

„Tanze du immerhin", sagt Luther. "Die jungen Kinder tanzen ja ohne Sünde; das tue auch und werde ein Kind."

Der Tanz versinnbildlicht seelische und geistige Vorgänge durch Bewegungen des Körpers, durch Gestik und Mimik. Luther hat Buße als Schrittkombination gesehen, als Abfolge von Reue, Bekenntnis und Vergebung.

Solche Buße könnte ein Tanz durchs Leben sein... Ein Tanz, der manchmal schwer, voll Tragik und Melancholie daherkommt. Ein andermal springlebendig, mit Lust daran, Altes hinter sich lassen zu dürfen. Wir brauchen den Bußtag. Um uns zu besinnen, was im Argen liegt. Um auf Veränderungen hinzuarbeiten – mit Gottes Hilfe. Buße als eingeübter Standardtanz oder fulminant-leidenschaftliche Bewegung durchs Leben - als Solo, als Pas de deux dialogisch angelegt oder als Gesellschaftstanz, ein Versuch, gemeinsam Tritt zu fassen und manchmal eine geschlossene Formation zu bilden... Buße verleiht dem Leben Rhythmus und Takt, Tempo und Maß.  

Der Buß- und Bettag wird in Deutschland von über 20 Millionen evangelischen Christen begangen.

Gesprächspartnerin: Susanne Breit-Keßler. 

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de