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HSS-Interview mit Bernhard Seidenath
Autismus-Strategie Bayern

Bayern unterstützt die Hochschule München, eine Autismus Strategie zu entwickeln. Die Hanns-Seidel-Stiftung gibt Impulse und Anregungen, gemeinsam mit Betroffenen und Experten.

Noch bis 2021 läuft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München die „Entwicklung einer Autismus-Strategie Bayern“. Das vom Freistaat geförderte Projekt soll die Grundlage liefern, den Alltag und die Lebensperspektiven von Menschen mit Autismus und ihrer Angehörigen zu verbessern und gesellschaftliches Verständnis für die Situation Betroffener zu fördern. Die HSS hielt daher am 19.11.2019 zusammen mit dem Autismus Kompetenzzentrum Oberbayern und der Hochschule München die vierte gemeinsame Fachtagung zum Themenkomplex „Menschen mit Autismus in Bayern“.

Freundlich lächelnder Herr mit Anzug, modischer Strickkrawatte und dezenter Brille.

Bernhard Seidenath, Gesundheits- und pflegepolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion. Er ist Vorsitzender des Landtags-Ausschusses für Gesundheit und Pflege und Mitglied des Landesgesundheitsrates.

B.Seidenath

Zum Hintergrund der Autismus-Strategie-Bayern haben wir Herrn Abgeordneten Bernhard Seidenath, den Gesundheits- und pflegepolitischen Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, für Sie interviewt.

HSS: Sehr geehrter Herr Seidenath, Sie haben zusammen mit Joachim Unterländer das Thema Autismus schon vor einigen Jahren auf die politische Agenda gesetzt. Anfang 2018 brachten Sie dann den Antrag zur Entwicklung einer Autismus-Strategie Bayern in den Landtag ein, welcher Mitte 2018 beschlossen wurde. Gefördert vom Bayerischen Sozialministerium erarbeitet nun die Hochschule München bis 2021 Empfehlungen für eine „Autismus-Strategie Bayern“. Welche Motivation steckte hinter dem Antrag? Welchen Beitrag kann eine Autismus-Strategie für Bayern leisten?

Bernhard Seidenath, MdL: Autismus ist keine einzelne Erkrankung, sondern ein Symptomkomplex mit unterschiedlichen Auswirkungen. Aufgrund dieser höchst unterschiedlichen Erscheinungsformen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Freistaat eine große Vielfalt von Aktivitäten zur Unterstützung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen und ihrer Angehörigen entwickelt, die von früher Kindheit bis ins Erwachsenenalter reichen. Auch das wissenschaftliche und öffentliche Interesse an der Erkrankung und den Auswirkungen ist im Laufe der vergangenen 20 Jahre deutlich angestiegen. Das ist gut, aber noch lange nicht zufriedenstellend. Wir brauchen deshalb eine Autismus-Strategie, wie sie etwa Schottland entwickelt hat, und sollten das Thema Autismus in einem Gesamt-Kontext sehen. Wir wissen, dass es auf verschiedenen Ebenen noch erhebliche Probleme im Umgang mit den Autismus-Spektrum-Störungen gibt. In die zu entwickelnde Autismus-Strategie einbezogen werden müssen deshalb das Versorgungssystem und -netzwerke, also etwa die Verbesserung der Diagnostik und die Weiterentwicklung von evidenzbasierter Therapie, die Forschung – fächerübergreifend aus Medizin, Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Therapie –, die Integration in den Arbeitsmarkt, soziale Hilfen und niedrigschwellige Angebote sowie bewusstseinsbildende, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen, also die so genannte Autismus-Awareness.

HSS: Es gibt eine hohe Dunkelziffer von Menschen, die unter verschiedenen Ausprägungen von autistischen Störungen leben, ohne sich einer Diagnose zu unterziehen. Wie wichtig ist die Diagnostik? Wie kann man Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung helfen? Was kann die Forschung leisten?

Die Diagnostik einer Autismus-Spektrum-Störung ist der Ausgangspunkt und daher von elementarer Bedeutung. Die Bayerische Autismus-Strategie soll deshalb auch Wege aufzeigen, wie die Diagnostik verbessert werden kann. Gerade Erwachsene, die unter einem hochfunktionalen Autismus leiden, empfinden diese Diagnose schließlich nicht selten als Befreiung. Auf der Fachtagung haben wir zudem gehört, dass die Diagnose erst sehr spät nach den ersten Symptomen gestellt wird und dass insbesondere bei Frauen noch Nachholbedarf besteht. Weitere Ziele der Autismus-Strategie sind es, die Kooperation der Hilfen sowie die Inklusion von Menschen mit Autismus in allen Lebensbereichen weiter zu verbessern. Die Bayerische Autismus-Strategie, an der Experten des Autismusbereichs beteiligt sind, also Betroffene und ihre Angehörigen – das halte ich für zentral wichtig! -, Vertreter der Selbsthilfe, Wissenschaftler, der Kostenträger und Vertreter von Beratungsstellen und Einrichtungen, die täglich mit Menschen mit Autismus zusammentreffen, soll sich des gesamten Spektrums der verschiedenen Arten des Autismus und aller Lebensphasen von der Frühförderung bis zur Pflege im Alter annehmen. Am Ende geht es um mehr Lebensqualität für die Betroffenen und deren Angehörigen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Wissenschaft und Forschung die Betroffenen und Angehörigen eng einbeziehen, damit Menschen mit Autismus ihre Erfahrungen einbringen und ihr Potential in der und für die Gesellschaft voll entfalten können.

Info - Autismus

Autismus ist eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungs-störung des Gehirns, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht. Menschen mit Autismus haben fast immer Probleme Beziehungen mit ihren Mitmenschen aufzubauen, soziale und emotionale Signale einzuschätzen und auszusenden. Sie haben stereotype Bewegungsmuster und vielfach Sonderinteressen. Ihre intellektuelle Begabung reicht von geistiger Behinderung bis zu überdurchschnittlicher Intelligenz.

HSS: Es gibt eine hohe Dunkelziffer von Menschen, die mit verschiedenen Ausprägungen von autistischen Störungen leben, ohne sich einer Diagnose zu unterziehen. Wie wichtig ist die Diagnostik? Wie kann man Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung helfen? Was kann die Forschung leisten?

Die Diagnostik einer Autismus-Spektrum-Störung ist der Ausgangspunkt und daher von elementarer Bedeutung. Die Bayerische Autismus-Strategie soll deshalb auch Wege aufzeigen, wie die Diagnostik verbessert werden kann. Gerade Erwachsene, die unter einem hochfunktionalen Autismus leiden, empfinden diese Diagnose schließlich nicht selten als Befreiung. Weitere Ziele der Autismus-Strategie sind es, die Kooperation der Hilfen sowie die Inklusion von Menschen mit Autismus in allen Lebensbereichen weiter zu verbessern. Die Bayerische Autismus-Strategie, an der Experten des Autismusbereichs beteiligt sind, also Wissenschaftler, Vertreter der Selbsthilfe, der Kostenträger und Vertreter von Beratungsstellen und Einrichtungen, die täglich mit Menschen mit Autismus zusammentreffen, soll sich des gesamten Spektrums der verschiedenen Arten des Autismus und aller Lebensphasen von der Frühförderung bis zur Pflege im Alter annehmen. Am Ende geht es um mehr Lebensqualität für die Betroffenen und deren Angehörigen.

HSS: Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Behinderung in Bayern; insbesondere auch für Menschen mit Autismus. Wenn Sie einige Jahre zurückblicken, was sind für Sie die wesentlichen Änderungen, die zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Autismus beitragen?

Dies ist zum einen die bayerische Autismus-Strategie mit all ihren Facetten, die ja ein bundesweit einmaliges Projekt ist und mit dem wir die Chance haben, eine Verbesserung der Lebensbedingungen für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in Bayern zu erreichen. Das Thema braucht mehr Aufmerksamkeit – hier hat sich in den letzten Jahren durchaus einiges getan. Dies gilt auch für das Ziel, dass die vielen beteiligten Stellen eng zusammenarbeiten: Betroffene, Vertreter der Selbsthilfe, Kostenträger, Vertreter von Beratungsstellen und Einrichtungen. Auch gibt es das ein oder andere Hilfsangebot für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in Bayern, so die acht bayerischen Autismus-Kompetenz-Zentren, die das Bayerische Sozialministerium gemeinsam mit den Bezirken fördert. Die Zentren sind so konzipiert, dass sie Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung sowie deren Angehörigen und Bezugspersonen ein niederschwelliges Informations-, Beratungs- und Betreuungsangebot bieten. Erwähnt werden muss hier auch die Ambulanz und Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, die gerade für Erwachsene eine überaus wichtige Anlaufstelle ist.

Info:

Seit Mai 2018 fördert das Bayerische Sozialministerium die Entwicklung einer Autismus-Strategie Bayern durch die Hochschule München. In einem breit angelegten Beteiligungsprozess werden Empfehlungen erarbeitet, die zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung und ihrer Angehörigen beitragen sollen. Eingebunden sind Betroffene, Vertreter der Selbsthilfe, Kostenträger, Medizin, Forschung, Beratungsstellen und Einrichtungen, die täglich mit Menschen mit Autismus zusammentreffen. Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Markus Witzmann, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München und Geschäftsführer des Autismuskompetenzzentrums Oberbayern.

HSS: Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dem Projekt der Entwicklung einer Autismus-Strategie Bayern? Wie wichtig ist es, die Perspektive der Autisten/innen und deren Angehörigen direkt einzubeziehen?

Sie sprechen genau den wichtigsten Punkt an. Es wird nicht über die Betroffenen gesprochen, sondern mit Ihnen. Das ist in meinen Augen gelebte Inklusion. Am Ende muss es natürlich darum gehen, die persönliche Situation der Menschen mit Autismus zu verbessern. Deshalb erwarte ich mir von den mitwirkenden Expertinnen und Experten Hinweise, wie wir etwa die Diagnostik, die Versorgung, die Inklusion in Bezug auf Arbeits- oder Ausbildungsmarkt oder anderweitige Hilfsnetze sowie die Forschung besser gestalten können. Dazu nur ein Beispiel: Für erwachsene Menschen mit Autismus ideal wäre insgesamt ein Begegnungszentrum nach dem Vorbild des schottischen One-Stop-Shops Number 6 in Edinburgh, in dem für betroffene Erwachsene nicht nur Freizeitangebote, sondern auch Arbeitsgelegenheiten vorhanden sind. Bei der Erarbeitung der Autismus-Strategie Bayern sollte, so hat es der Landtag der Staatsregierung aufgetragen, außerdem nach den verschiedenen Lebensphasen bzw. Lebenslagen – vor dem Erwerbsleben, Erwerbsphase, Ruhestand – differenziert werden und diese gesondert betrachtet werden.

HSS: Was muss die Gesellschaft leisten, damit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung wirklich teilhaben können. Wie kann man die Teilhabe weiter verbessern? Wo stehen wir und was haben wir bisher erreicht?

Inklusion ist insgesamt ein sehr wichtiges Thema, nicht nur für Menschen mit Autismus. Die Politik für Menschen mit Behinderung ist seit Langem ein Schwerpunkt bayerischer Sozialpolitik. Ziel ist eine inklusive Gesellschaft. Inklusion heißt, dass Menschen mit Behinderung ihr Leben nicht mehr an vorhandene Strukturen anpassen müssen. Vielmehr ist die Gesellschaft aufgerufen, Strukturen zu schaffen, die es jedem Menschen – auch den Menschen mit Behinderung – ermöglichen, von Anfang an ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein. Dies gilt für den frühkindlichen Bildungsbereich ebenso wie für den Arbeitsmarktbereich, für die gesamten Bildungsstrukturen und für die Selbsthilfe. Mit der Autismus-Strategie Bayern gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft!

HSS: Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Ganz klar, eben diese inklusive Gesellschaft! Gerade beim Thema Autismus ist da noch sehr viel möglich. Deshalb brauchen wir auch mehr Aufmerksamkeit für das Thema Autismus. Mein Wunsch und Ziel ist es deshalb, dass sich künftig auch Bayern am „Autismus Awareness Day“ beteiligt, der weltweit immer am 2. April stattfindet.

HSS: Herr Abgeordneter, vielen Dank für das Gespräch!

Info:

Autismuskompetenzzentrum Oberbayern gemeinnützige GmbH - autkom ist ein besonderes Beratungs- und Vernetzungsangebot für Menschen mit Autismus, deren Angehörige, Partner und Bezugspersonen. Auch für Fachleute ist das autkom gefragter Ansprechpartner. Träger des Kompetenzzentrums sind neben den Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo), der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern sowie der Verein autismus Oberbayern e.V. Ziel ist es, die Kompetenzen für die Vermittlung von Hilfen für Menschen mit Autismus zu bündeln und abzustimmen. Das autkom erfüllt damit eine wichtige Lotsenfunktion. Zudem klärt es im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit Bürgerinnen und Bürger auf, die sich über Autismus informieren wollen.

Kontakt
Leiterin: Dr. Susanne Schmid
Referat II/7: Gesellschaftliche Entwicklung, Migration, Integration
Leiterin:  Dr. Susanne Schmid
Telefon: 089 1258-213
Fax: 089 1258-469
E-Mail: schmids@hss.de