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Expertentagung zu 30 Jahren Mauerfall
Keine kalte Geschichte

Kaum jemand hatte es kommen sehen als am 09. November die Berliner Mauer fiel und der Kontrollverlust der Sowjetunion dramatisch offensichtlich wurde. Welche Kräfte sorgten für die Zeitenwende?

Am 09. November 1989 fiel die Berliner Mauer und legte den Grundstein für Deutschlands Wiedervereinigung. Gleichzeitig läutete das Ereignis das Ende des Kalten Krieges und der bipolaren Weltordnung ein, Francis Fukuyama sprach sogar vom „Ende der Geschichte“. Anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums des Mauerfalls fand sich in Kloster Banz auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung eine handverlesene Runde von Expertinnen und Experten ein, um sowohl den aktuellen Forschungsstand als auch die Faktoren zu diskutieren, die zur Neugestaltung Deutschlands führten.

Denkmal des berühmten Soldaten, der gerade noch über die Berliner Mauer springt, die sich gerade im Bau befindet.

Zuletzt hatte der Prozess der Wiedervereinigung eine Eigendynamik entwickelt, die durch externe Kräfte nicht mehr beeinflusst werden konnte.

995645; CC0; Pixabay

Keine kalte Geschichte

Auch wenn der Fall der Berliner Mauer bereits 30 Jahre zurückliegt, ist er noch nicht vollständig aufgearbeitet – davon zeugen immer neue Forschungsprojekte, die darauf abzielen, das Verständnis für Ursachen und Nachwirkungen dieses einschneidenden Ereignisses zu verbessern. Einige dieser Projekte wurden im Rahmen der Expertentagung vorgestellt: Eines der neuesten Forschungsprojekte zu den innersystemischen Faktoren des Mauerfalls leitet Prof. Dr. Christiane Bertram von der Universität Konstanz. Ihr Zeitzeugenprojekt „Projekt 1975“ konzentriert sich auf Zeitzeugenforschung, um die damaligen Ereignisse und individuellen Nachwirkungen aufzubereiten und Schulklassen nahe bringen zu können. Dr. Alexander Leistner von der Universität Leipzig konzentriert sich in seiner Forschung auf die gesellschaftlichen Oppositionsbewegungen innerhalb der DDR im Herbst 1989 und analysiert insbesondere die Entstehung der „kritischen Masse“ an Demonstranten, die zum friedlichen Umsturz führte. Prof. Dr. Martin Sabrow, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, skizzierte indes die Vorgänge am Abend des 09. Novembers 1989 und verwies im Zuge dessen auf den innersystemischen, erosionsartigen Zerfall des sozialistischen Sinnbilds. Im anschließenden Austausch wurde insbesondere auf die Frage eingegangen, welche Gruppen die friedliche Revolution getragen haben und warum kein gewaltsames Eingreifen von Seiten der SED-Führungsriege, aber auch aus Moskau, befohlen wurde. Grundkonsens besteht heute darin, dass der friedliche Charakter der Demonstrationen und die Tatsache, dass es sich um eine „Revolution ohne Revolutionäre“ handelte, d.h. dass man aus staatlicher Perspektive keine Einzelpersonen als Initiatoren verantwortlich machen konnte, entscheidend für den Ausgang der Ereignisse war. Angesichts der nicht abnehmenden Relevanz der Debatte um die Träger der Demonstrationen von 1989 bis heute kristallisiert sich heraus, dass die Ereignisse um den Mauerfall bis heute eben „keine Kalte Geschichte“ darstellen.

Geschichte kann man nicht aufhalten

Zur Analyse der exogenen Faktoren standen die Strategien und Auswirkungen des Mauerfalls auf die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion zur Debatte, die bis heute nachwirken. So stand der prinzipiellen Unterstützung der deutschen Wiedervereinigung durch die USA die Skepsis und Zurückhaltung Großbritanniens und Frankreichs gegenüber: Margaret Thatchers Ablehnung gegenüber einer Vertiefung Europas und Angst vor Deutschland prägte ebenso den internationalen Diskurs wie die Einflüsse von Charles de Gaulles „Politik der Grandeur“. Außenpolitisch verschob sich das europäische Zentrum nach Osten, was für Frankreich bis heute nur durch die EU aufzuwiegen ist. Aus sowjetischer Perspektive stellte der Verfall der Sowjetunion einen wichtigen Katalysator für die Ereignisse im Herbst 1989 dar, da die DDR zwar auf sowjetische Hilfe hoffte, diese aber letztendlich aufgrund des innersystemischen Verfalls rund um Gorbatschow nicht mehr erfolgte. Der allgemeine Tenor der Diskussion vereinigte sich letztendlich darin, dass der Prozess der Wiedervereinigung eine Eigendynamik entwickelt hatte, die durch externe Kräfte nicht zu beeinflussen war. Geschichte kann man nicht aufhalten. 

Ende der Geschichte?

Wie also lassen sich die Ereignisse von damals in die Gegenwart einordnen? Prof. Dr. Christian Hacke, Universität Bonn, nahm im Gespräch über die Folgen der Wiedervereinigung Bezug auf Francis Fukuyama und erörterte, ob das Ereignis tatsächlich das „Ende der Geschichte“ bedeutete, oder ob sich nicht sogar Parallelen zu Edward Carrs Beobachtungen zu „The Twenty Years‘ Crisis“ beobachten ließen. In diesem Klassiker der Realistischen Schule in der Internationalen Politik beschrieb Carr die Entwicklungen im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, die trotz Versuchen internationaler Zusammenarbeit durch Nationalismen und autoritären Systemen geprägt waren. So können in der Tat einige besorgniserregende Parallelen zwischen heute und der Zwischenkriegszeit gezogen werden: das Erstarken von populistischen, nationalistischen Positionen, revisionistisch auftretende Mächte, ein teilweiser Rückzug der USA. Allerdings gebe es noch die Möglichkeit, um einer ähnlichen Abwärtsspirale zu entkommen. Gerade aus europäischer Perspektive bedeutet dies jedoch, inneren Streitigkeiten zu überwinden, um sich endlich ernsthaft mit den globalen Herausforderungen beschäftigen zu können.

Autor: Andreas Jäger

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