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Gegen die Feinde der Demokratie
Teil II: Antisemitismus

Ist unsere offene Gesellschaft in Gefahr? Links- und Rechtsextremismus, Islamismus, Antisemitismus und Islamophobie greifen auch in Deutschland der freien Gesellschaft an die Wurzeln. Gemeinsam mit unseren Experten beleuchten wir hier die ideologischen Gefahren und stellen die Frage, wie wir mit politischer Bildung dagegenhalten können. Heute: Zur Frage des Antisemitismus in Deutschland und Bayern mit Charlotte Knobloch.

Gerade führt die Corona-Pandemie uns allen vor Augen, wie wertvoll eine stabile demokratische Gesellschaft besonders in Krisenzeiten ist. Die Bevölkerung hat Vertrauen zueinander und gegenüber ihren Institutionen und politischen Vertretern. Das ist die Voraussetzung, um Herausforderungen gemeinsam zu bestehen.

Der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, ist stark und gründet auf historischen Erfahrungen, kulturellen Gemeinsamkeiten, Traditionen, sozialen Konventionen und einem Fundament aus christlich, humanistisch und aufklärerisch geprägten Werten und Überzeugungen.

Aber es gibt auch Kräfte, die den Gesellschaftsvertrag ablehnen und uns spalten wollen. Links- und Rechtsextremismus, Islamismus, Antisemitismus und Islamophobie sind die Feinde der Freiheit und der Demokratie. Sie nagen an diesem Kitt, sähen Zweifel, stiften Verwirrung und verbreiten Unfrieden und Misstrauen zwischen den Menschen.

Das neue "Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog" der Hanns-Seidel-Stiftung hat den Auftrag, zu identifizieren, wo genau der gesellschaftspolitische Konsens gefährdet ist, der unser friedliches Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft und prosperierenden Demokratie erst möglich macht.

In einer Reihe von Interviews rücken wir diese Feinde der Demokratie in den Fokus. Unsere Expertinnen und Experten nehmen uns mit hinein ins Grundsätzliche und Konkrete dieser Bedrohungen und geben Empfehlungen für die politische Bildungsarbeit, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren und zu stärken.

Knobloch, eine würdige Dame mit Philipp Hildmann, groß, schlank, vor einem Bild der Synagoge in München

"München ist und bleibt meine Heimat", sagt Charlotte Knobloch trotz vermehrter antisemitischer Aktivitäten auch in Bayern (hier mit Dr. Philipp Hildmann, HSS). Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Die ehemalige Präsidentin des Jüdischen Weltkongresses engagierte sich von 2006 bis 2010 als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland für ein lebendiges und tolerantes Miteinander von Juden, Muslimen und Christen.

Hildmann

Teil II: Antisemitismus

Wer das Wort Antisemitismus nur aus dem Geschichtsbuch kennt, hat wohl schon länger keine Zeitung mehr gelesen. Mit erschreckender Geschwindigkeit häufen sich die Nachrichten über antisemitische Vorfälle in Deutschland. Auch das Land Bayern hat mit RIAS Bayern im vergangenen Jahr eine Meldestelle eingerichtet, wo diese gemeldet werden können. Doch wo liegen die Ursachen für den wachsenden Antisemitismus in Deutschland und wie geht es den in Deutschland lebenden Juden in dieser Situation? Das und mehr haben wir Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, gefragt.

HSS: Sehr geehrte Frau Knobloch! Als 2003 der Grundstein für die Synagoge in München gelegt wurde, sagten Sie, Sie hätten Ihre symbolisch gepackten Koffer nun endgültig ausgepackt. 17 Jahre später sitzt eine in Teilen offen antisemitische Partei im Bayerischen Landtag und mit RIAS Bayern musste eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle geschaffen werden. Wie geht es Ihnen heute mit Ihren Koffern?

Charlotte Knobloch: Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre frage ich mich das auch selbst immer wieder. Die Antwort lautet wohl: Ich würde diese Aussage heute so nicht noch einmal treffen, aber das ändert nichts daran, dass meine Koffer ausgepackt bleiben. München ist und bleibt meine Heimat. Dabei spreche ich aber ausdrücklich nur für mich persönlich.

HSS: Antisemitismus war in Deutschland auch nach dem Grauen der Shoah nie ganz verschwunden. Nun erleben wir, dass sich dieses Gift wieder erschreckend schnell bis in die Mitte unserer Gesellschaft hinein auszubreiten beginnt. Was sind in Ihren Augen die Hauptgründe für diese Entwicklung? Und haben Sie den Eindruck, dass in Bayern Antisemitismus ausreichend bekämpft wird?

Ich glaube, zu viele Menschen in Deutschland hatten sich bequem in der Annahme eingerichtet, dass Antisemitismus ein Problem der Ränder ist, um das man sich in der Mitte nicht wirklich zu kümmern braucht. Die Folgen sehen wir heute: Sobald die Umstände es zuließen, verbreitete sich der Judenhass wieder sehr schnell durch die ganze Gesellschaft – und viele, die meinten, er sei ein Randphänomen, haben das erst bemerkt, als es schon fast zu spät war. Sicherlich gibt es immer auch klare Aufgaben für Staat und Gesellschaft, etwa im Geschichtsunterricht und bei der Weitergabe der Erinnerungskultur. Aber die Weitergabe des Gedenkens als gesellschaftlicher Wert ist schwierig, solange politische Gruppen aus den Parlamenten heraus offen dagegen Stimmung machen.

Außerdem kommt die Vielgestaltigkeit hinzu – Judenhass gibt es auf religiöser Basis, in Form von Israelhass, von rechts und von links. All das vorausgeschickt, kann man aber sagen, dass jüdisches Leben in Bayern innerhalb Deutschlands immer noch mit am besten geschützt ist. Auch wenn die Situation insgesamt schwierig ist, fühlt die jüdische Gemeinschaft sich hier doch noch immer sicher.

HSS: Auch in Deutschland lebende Muslime haben immer wieder mit Anfeindungen und Ausgrenzung zu kämpfen. Sehen Sie hier Ähnlichkeiten zu der Situation der Juden in Deutschland und vielleicht auch Anknüpfungspunkte, wo Juden und Muslime sich als Minderheitenreligionen in einem christlich geprägten Land wie Bayern gegenseitig unterstützen könnten?

Ich bin kein Freund von Konstellationen, in denen Minderheiten sich zur „Verteidigung“ gegen die Mehrheitsgesellschaft zusammentun. Wichtiger ist, dass jeder in der Gesellschaft frei und selbstbestimmt leben kann, egal welcher Religion er nun angehört. Gerade hier in Bayern gibt es viel Verbindendes über konfessionelle Grenzen hinweg. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass man reale Diskriminierung und Ausgrenzung nicht bekämpfen muss, die Minderheiten verstärkt betreffen.

HSS: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind die jüdischen Gemeinden durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion enorm gewachsen. Michel Friedmann, der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach in diesem Zusammenhang von „Revitalisierung und Verjüngung“.  Hat dieser Zuzug auch das jüdische Leben in Bayern verändert? Und können Sie uns Ihren Eindruck schildern, wie insbesondere die jungen Erwachsenen heute in Ihren Gemeinden mit dem Druck umgehen, der ihnen aus der geschichtlichen und politischen Aufladung ihres Glaubens erwächst?

Das jüdische Leben in Bayern hat sich nach 1990 wie überall in Deutschland erheblich verändert. Auch unsere Gemeinde hat tausende von Zuwanderern aufgenommen, und wir können heute nicht ohne Stolz sagen, dass wir dieses Wachstum sehr gut bewältigt haben. Jetzt, eine knappe Generation später, ist es besonders erfreulich zu sehen, wie die Kinder von damals als Erwachsene heute ihr eigenes Leben in diesem Land aufbauen. Einen besonderen Druck als junge jüdische Generation in Deutschland sehe ich bei ihnen nicht – es sind einfach nur junge Menschen, die ihre Entscheidungen treffen, die heiraten und Kinder bekommen.

Problematisch ist für viele von ihnen nur der wachsende Judenhass, und immer wieder höre ich von Studenten und Berufseinsteigern, dass sie sicherheitshalber immer mit einem Auge auf die Auswanderung schielen, auch ihrer eigenen Kinder wegen. Das sind bislang nur Gedankenspiele, aber wenn der Druck wächst, können daraus schnell konkrete Planungen werden. Das besorgt mich sehr.

HSS: Wir nähern uns einer Zeit, in der keine Zeitzeugen mehr von den Verbrechen der Shoah berichten können. Wo sehen sie die Herausforderungen künftiger Erinnerungsarbeit, um dieses unverzichtbare Erbe der Zeitzeugen zu erhalten? Und wo sehen Sie in diesem Zusammenhang speziell die Aufgabe politischer Bildung im Allgemeinen und Politischer Stiftungen wie der Hanns-Seidel-Stiftung im Besonderen?

Ganz klar: Der persönliche Austausch mit Zeitzeugen ist unersetzlich. Einen Austausch mit einem Charakter wie etwa Max Mannheimer sel. A. kann keine Gedenkzeremonie und kein Universitätsseminar ersetzen. Wichtig ist jetzt, die Erfahrungen und Erlebnisse der Zeitzeugen zu dokumentieren und auch für kommende Generationen zugänglich zu machen. Auch wenn die jungen Menschen in 30 oder 50 Jahren nicht mehr mit Überlebenden sprechen können, tragen sie nämlich dieselbe Verantwortung für das „Nie wieder“ und für den Erhalt von Freiheit und Demokratie. Das zu vermitteln, wird die Hauptaufgabe der Erinnerungsarbeit sein, und zwar jenseits von Jahreszahlen und reinen Fakten. Die Verantwortung bleibt individuell, und jeder muss sie auch individuell annehmen. Um das zu gewährleisten, sind politische Bildungseinrichtungen natürlich besonders gefordert.

HSS: Frau Knobloch, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Die Autoren: Dr. Philipp Hildmann und Kerstin Neuhaus, HSS

Dr. Philipp W. Hildmann, studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Evangelische Theologie und Mediävistik in Erlangen, Zürich und München. 2004 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Nach Stationen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter u.a. der Ernst-Troeltsch-Forschungsstelle der Universität München und der Unabhängigen Historischen Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich begann er 2004 seine Tätigkeit für die Hanns-Seidel-Stiftung: Zunächst als Referent für Werte, Normen und gesellschaftlichen Wandel in der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, 2009 bis 2018 dann als Leiter des Vorstandsbüros, seit 2014 zugleich als Beauftragter für Interkulturellen Dialog. Anschließend leitete er die Stabsstelle Strategieentwicklung und Grundsatzfragen. Seit März 2020 ist er Leiter des neu gegründeten Kompetenzzentrums Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog. U.a. ist er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, der Bayerischen Landessynode und Stv. Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU. Zu seinen aktuellen Veröffentlichungen im Kontext der Hanns-Seidel-Stiftung zählen: Rechtspopulismus und Religion, Wiesbaden 2018 (hrsg. mit Oliver Hidalgo und Alexander Yendell); Was ist konservativ? Ein Plädoyer für Maß und Mitte, München 2018; Religion in der Schule. Zwischen individuellem Freiheitsrecht und staatlicher Neutralitätsverpflichtung, Tübingen 2018 (hrsg. mit A. Katarina Weilert).

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de