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Zum Tag der Muttersprache: 21.02.2020
Bayern: Deine Sprachen

Heute feiern wir Muttersprache und Mundart. So wie wir sprechen, begreifen wir die Welt. Da, wo andere so sprechen wie wir, sind wir daheim. Wir haben für Sie den "Volksmusikberater" und Spezialisten für Volkskultur, Siegfried Bradl, gefragt, welche Rolle die Muttersprache heute spielt.

Bradl lacht fröhlich vor einem Gartenzaun. Eine Gitarre hält er falsch herum über die Schulter gelegt, wie eine Schlagwaffe.

Siegfried Bradl, 61, ist Vorstand des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte e.V. Der Diplomingenieur und Volksmusiker beschäftigt sich schon sein Leben lang mit Volkskultur. Im Landkreis Aichach-Friedberg ist er sogar offiziell "Volksmusikberater".

©Bradl

HSS: Herr Bradl, welche Dialekte werden in Bayern gesprochen?

Siegfried Bradl: Bezogen auf die Regierungsbezirke wird in Altbayern (Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz) Bairisch, in Franken Fränkisch und in Schwaben Schwäbisch-Alemannisch gesprochen.

HSS: Was kam zuerst: die Sprache oder die Lebensart?

Die Lebensart hat viel mit der Gegend zu tun, in der man aufgewachsen und sozialisiert worden ist. Durch die Sprache habe ich die höchste Identifikation mit dieser Gegend: So zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist und so auch mit allen Zwischentönen verstanden zu werden. Das Bairische zeichnet sich durch „Leben und leben lassen“ sowie durch „Geben und Nehmen“ aus.

HSS: Kennen Sie Beispiele für besonders „bayerische“ Begriffe?

Ganz besonders sind für mich die bairischen Grußformeln  „Griaß God“ und „Pfia God“. Darin steckt, daß ich einem anderen Menschen mit Respekt auf gleicher Augenhöhe begegne und seine Kultur achte. Und: Kann man einem anderen Menschen bei der Verabschiedung etwas Schöneres wünschen, als daß ihn Gott behüte und mit auf seinen Wegen sei?

HSS: Inwiefern spiegeln sich historische Ereignisse im Sprachgebrauch einer Bevölkerung?

Wenn vom Dialekt die Rede ist, schreibt man bairisch mit „ i “. Seitdem Ludwig I. aus Begeisterung für alles Griechische das „ Y“ mit Anordnung vom 20. Oktober 1825 nach Bayern einführte, gibt es die Möglichkeit zu unterscheiden: Mit der Schreibung bayerisch bezieht man sich auf das geographische und politische Gebilde des heutigen Freistaats, mit bairisch hingegen auf einen bestimmten Dialekttyp, der außer in Altbayern auch in Österreich und darüber hinaus gesprochen wird.

HSS: Die Muttersprache hat Potential als identitätsstiftendes Moment und besonders die Mundart. Wie wird dieses Potential etwa im Schulunterricht genutzt?

In den 60er Jahren wurde der Dialekt in den Schulen verboten. Das hat bis heute zu einer Diskriminierung von Dialektsprechern geführt. Die letzten Jahre hat sich aber viel getan und es sind viele Materialien entstanden, wie z.B.: 

  • Zwei Lehrerhandreichung „Dialekte in Bayern“
  • Lesebuch „Freude an der Mundart“
  • Handreichung „MundART - WERTvoll - Lebendige Dialekte an bayerischen Schulen“
  • Aufnahme des Themas „Dialekt“ in den LehrplanPLUS
  • Aufnahme des Themas „Dialekt“ in den Koalitionsvertrag 2019
  • Materialien vom FBSD

HSS: Gibt es Begriffe im Bayerischen, für die regional unterschiedliche Wörter benutzt werden?

Zum Beispiel das "Küken": Oberbairisch heißt das "Biberl" oder "Hearl", auf niederbairisch "Singerl" und im Oberpfälzischen "Ziebala".

HSS: Warum gehen wir mit Fremdwörtern anders um, als etwa die Franzosen und ärgern uns über Anglizismen anstatt sie einfach einzudeutschen?

Vergessen darf man nicht, daß sich Sprache immer verändert hat und nie statisch war. Betrachtet man Bairisch genauer, so sieht man, daß wir viele Spracheinflüsse haben, die durch die geschichtliche Entwicklung Bayerns bedingt waren, wie z.B.: Gotisch, Griechisch, Lateinisch, Italienisch, Französisch oder Tschechisch. Viele Worte und Begriffe aus den Spracheinflüssen sind „eingebairischt“ worden. Uns ist das nur nicht mehr so bewußt. Wir haben heute eine schnelllebige und oberflächliche Zeit. Zudem wirkt sich das  heutige Berufsleben mit seinen global umherreisenden „Job-Nomaden“ auf die (regionalen) Sprachen aus. Und auch das Thema „Migration“ kommt noch mit dazu. Insgesamt wäre wünschenswert, daß wir wieder sensibler und kritischer damit umgehen, wie wir sprechen und was wir wirklich sagen wollen. Mit ein bisschen Mühe lassen dann auch, basierend auf meiner eigenen Erfahrung, viele Fremdwörter und Anglizismen in Deutsch ausdrücken.

HSS: Hat Mundart eine Zukunft?

Ja! Betrachtet man die heutige Globalisierung, so kann festgestellt werden, dass das Pendel bereits wieder in die Gegenrichtung ausschlägt. Viele junge Menschen fokussieren sich wieder mehr auf ihr unmittelbares, regionales Umfeld und beschäftigen sich mit den Wurzeln, wo sie herkommen und wie sie ihre Kinder erziehen wollen. Und … gelernt haben sie auch, dass Karriere nicht alles ist.Wichtig ist hier, dass die Dialektsprecher in ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Stolz  gestärkt werden sowie die Nicht-Dialektsprecher einen Zugang zu dem 1500 Jahre alten Kulturgut bekommen. 

HSS: Geht der Trend zur Standardsprache (hochdeutsch)?

Je mehr man in Ballungsräume von Großstädten kommt, geht der Dialekt zurück. Auch die Herkunft der Eltern und wie der Dialekt in der Familie weitergeben wird, spielt eine große Rolle. Mithilfe einer „Dialektstudie im Rupertiwinkel“ im Berchtesgadener Land haben wir „belastbare“ Zahlen, die es bisher nicht gab, eruiert. Entscheidend ist, was in den Kindergärten und in den Schulen passiert. Wichtig ist dabei, dass sowohl der Dialekt, als auch die Standardsprache erlernt wird. Inzwischen weiß man durch wissenschaftliche Studien, dass dieses „automatische Umschalten“ (code-switching) später wiederum beim Erlernen von Fremdsprachen hilft.

HSS: Sie sind Vorstand des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte e.V. Was tut Ihr Verein für den Erhalt Mundart und Muttersprache?

Im Herbst letzten Jahres konnte der FBSD sein 30-jähriges Jubiläum feiern. Bereits in den 90er Jahren haben wir versucht möglichst viele Menschen in Sachen „Dialekt, eine wertvolles Kulturgut“ zu sensibilisieren. Dies geschah und geschieht durch: 

  • Informationsstände, etwa auf dem Oktoberfest, dem Münchner Stadtgründungsfest, auf regionalen Festen, Ausstellungen oder Festivals
  • Verleihung von Mundartpreisen und Auszeichnungen an verdiente Persönlichkeiten
  • Veranstaltungen zur Mundart
  • Wissenstransfer durch Vorträge und in Dialektforen
  • regelmäßige Besuche in Kindergärten und Schulen
  • Beauftragung von Dialektstudien
  • Unterstützung von Schülern und Studenten in Fach-, Semester- und Diplomarbeiten
  • Lobbyarbeit für Mundart (Staatsregierung, zuständige Ministerien, etc.)
  • Schaffung von Materialien wie Sprachtafeln, Mundart-Ratespielen oder Speisekarten- Empfehlungen

HSS: Herr Bradl, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte: Verena Kienast, HSS

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