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Interview mit Dr. Bernhard Felmberg
Religion in der Entwicklungszusammenarbeit

Welche Rolle können Religionen für die Entwicklungszusammenarbeit spielen? Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verfolg einen neuen Ansatz.

„Religion matters!“ Wer mit wachen Augen die Welt da draußen betrachtet, kann kaum zu einem anderen Schluss kommen. Religion prägt bewusst oder unbewusst unseren Alltag: in Bayern sowieso, in Europa und nicht zuletzt weltweit. Im Guten wie im Schlechten. Religion stiftet Halt und Sinn für die etwa 80 Prozent der Menschen auf unserem Globus, die sich einer Religion zugehörig fühlen. Sie ist ein Kitt, der Gesellschaften stabilisieren kann. Genauso aber hat sie das Potential, Gesellschaften zu spalten. In weit über 50 Prozent aller großen bewaffneten Konflikte dieser Welt spielt Religion eine zentrale Rolle. Im Guten wie im Schlechten: „Religion matters!“

Freundlicher Herr im Anzug und mit Brille sitzt auf einem Sofa, die Hände gefaltet.

Der evangelische Theologe, Dr. Bernhard Felmberg war zwischen 2009 und 2013 der Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Bundestag, der Bundesregierung und der Europäischen Union. Seit 2018 ist er Leiter der Zentralabteilung „Zivilgesellschaft, Kirchen und Wirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit“ im Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Paulina Conrad; ©HSS

HSS: Sehr geehrter Dr. Felmberg, seit wann steht die Rolle von Religion in der Entwicklungszusammenarbeit im Fokus des BMZ?

Dr. Bernhard Felmberg: Das BMZ hat unter seinem Minister Dr. Gerd Müller im Jahr 2014 begonnen, die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren systematisch in die Entwicklungspolitik aufzunehmen. So wurde beispielsweise das „Thementeam Religion und Entwicklung“ einberufen. Es besteht aus entsprechenden Akteuren der Zivilgesellschaft, Durchführungsorganisationen und Politischen Stiftungen sowie aus Vertretern der Wissenschaft. Damit wurde erstmals ein Instrument geschaffen, welches Akteure sowie Expertise zum Themenfeld zusammenzubringt. Im Jahr 2016 hat das BMZ die Strategie „Religionen als Partner in der Entwicklungszusammenarbeit“ lanciert. Sie legt nicht nur Ziele und Handlungsfelder, sondern auch konkrete Auswahlkriterien und Prinzipien der Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren fest. Unter anderem sind darin zehn Maßnahmenpakete skizziert.

HSS: Wie ist dieses Engagement heute institutionell verankert und gibt es auf der internationalen Ebene bereits bewährte Allianzen?

Das Jahr 2016 war entscheidend für die institutionelle Verankerung des Engagements! Auf einer internationalen Konferenz wurde die genannte BMZ-Strategie „Religionen als Partner in der Entwicklungszusammenarbeit“ einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Zeitgleich wurde die internationale Multiakteurs-Partnerschaft PaRD – „Partnership on Religion and Sustainable Development“ gegründet. Damit wurde eine tragfähige Grundlage für die Kooperation zwischen staatlicher EZ und religiösen Organisationen geschaffen. Als Gründungsmitglied ist das BMZ seit dieser Zeit maßgeblich am Erfolg von PaRD beteiligt. Mittlerweile hat PaRD über 110 internationale Mitglieder (Stand September 2019). Darunter befinden sich bilaterale und multilaterale Akteure, religiöse und zivilgesellschaftliche Organisationen.

HSS: Mit welchen Maßnahmen möchte das BMZ das Potential der Religionen für nachhaltige Entwicklung und Frieden künftig noch besser einbeziehen?

Religion kann als Brandlöscher gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und Frieden fördern. Dieses Potential kann auch präventiv genutzt werden. Bei dem Leuchtturmprojekt iDove – Interfaith Dialogue on Violent Extremism – setzen sich junge Friedensaktivist*innen aus Afrika und Europa aus unterschiedlichen religiösen Kontexten gegen gewaltsamen Extremismus und Radikalisierung ein. Im Rahmen der GIZ-Übergangshilfe wurden bspw. auch Vorhaben beraten, „wie Religion mitzudenken ist“, um im Sinne des „do-no-harm“ kontextsensibel vorzugehen. Wo Staat und staatliche Institutionen in Zeiten von Krisen und Konflikt an ihre Grenzen gelangen, übernehmen religiöse Akteure eine wichtige Unterstützerrolle und tragen so zum sozialen Zusammenhalt bei.

HSS: Wie schätzen Sie die künftige Bedeutung des Faktors Religion in der Entwicklungszusammenarbeit, aber auch in der Außen- und Sicherheitspolitik ein?

Das Thema Religion und Entwicklung ist fester Bestandteil der EZ. In Zukunft wird es unsere Aufgabe sein, es weiter zu verstetigen sowie die Wirkungen der Kooperation mit religiösen Akteuren gezielter darzulegen. Fakt ist, dass Religion und religiöse Überzeugungen die soziale Wirklichkeit in unseren Partnerländern prägen. Eine kontextsensible EZ muss sich zunehmend mit diesem Thema auseinandersetzen. Es ist deshalb erfreulich, dass die Relevanz des Themas inzwischen auch in anderen Ressorts zunehmend Beachtung findet. Es wird aufgenommen, wie die Implementierung des Referats zu „Religion und Außenpolitik“ im AA zeigt. Unterstrichen wird dies auch durch die 2017 von der Bundesregierung verabschiedeten Leitlinien „Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“. Sie stellen den zentralen Rahmen für die deutsche außen-, sicherheits- und entwicklungspolitische Förderung von Frieden und Sicherheit. Zur zivilen Krisenprävention wird darin eine enge Vernetzung von Akteuren angeregt und darauf verwiesen, dass dazu auch religiös geprägte Gruppen und Organisationen sowie traditionelle Eliten gehören können.

HSS: Welche Empfehlungen haben Sie vor diesem Hintergrund für die künftige Ausrichtung der internationalen Zusammenarbeit der Politischen Stiftungen?

Politik gilt als die Kunst des Möglichen. Politik operiert in einem Fluidum von Überzeugungen, Werten, Grundentscheidungen. Die Kunst ist es, diese Grundlagen zu kennen, ihren Wandel zu verfolgen und mit dem Möglichen in Einklang zu bringen. Glaube, Religiosität, das Verhältnis von Kirche und Staat sowie die Wertüberzeugungen der Menschen sind entscheidende Grundlagen von Politik. Sie prägen die Atmosphäre einer Gesellschaft, in der Politik sich verwirklicht.

Wir dürfen hierbei nicht von Europa ausgehen, was die Frage der Religiosität der Menschen angeht: Zentraleuropa und Nordeuropa scheinen sich zunehmend zu säkularisieren. Dies entspricht jedoch nicht dem Welttrend. Der Globale Süden ist religiös bis hochreligiös. Teilweise sehen wir hier Werte bis zu 100%, etwa in Brasilien.

Religionsgemeinschaften bzw. ihre Führer haben schon vielfach zu Verständigungsprozessen und Aussöhnungsprozessen beigetragen. So in jüngerer Zeit etwa der Beitrag der Kirchen in Kolumbien zur Beilegung des Konflikts zwischen Staat und FARC. Hier zeigt sich die verbindende, gestaltende Kraft von Religion. Oder das Beispiel Südafrika. Ohne den Einfluss der Kirchen und ihrer internationalen Vernetzung wäre das Ende der Apartheid in Südafrika vor 25 Jahren nicht möglich gewesen.

Oftmals zeigt sich darin auch ein besonderes Vertrauen der Menschen in glaubens- und wertebasierte Organisationen und ihre Führer.

Was bleibt, ist folgende Erkenntnis: Religionen spielen weltweit eine zentrale Rolle für die Menschen - und daher auch für die Politik. Es wäre also nicht nur politisch fahrlässig, sondern auch menschlich dumm, die Rolle von Religionen in der internationalen Politik zu ignorieren – und vor allem in der Entwicklungspolitik. Hier sehe ich eine klare Aufgabe für die Politischen Stiftungen, im Rahmen ihrer gesellschaftspolitischen Dialogprogramme zukünftig den religiösen Akteuren eine gewichtigere Rolle zuzugestehen. 

HSS. Herr Dr. Felmberg, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Dr. Philipp W. Hildmann, Leiter Strategieentwicklung und Grundsatzfragen, Hanns-Seidel-Stiftung im Rahmen einer Expertenrunde am 17.10.2019 in der Hanns-Seidel-Stiftung in Berlin zum Thema „Religion in der Entwicklungszusammenarbeit“.

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de