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Pilotprojekt: Eine Region vernetzt sich
Digitale Dörfer

Bislang ging die Digitalisierung in Deutschland an vielen Stellen nur zögerlich voran. Die Corona-Krise wirkt hier als Beschleuniger und wird die Arbeits- und Lebenswelt nachhaltig verändern. Fünf Beispiele, welche Möglichkeiten sich eröffnen.

  • Nachbarschaftshilfe
  • Coworking Spaces: Arbeiten fast daheim
  • Mit der Schul-App strukturiert durch die Woche
  • Telemedizin
  • Live Übertragung von Gottesdiensten

Durch die Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind viele Menschen gezwungen, von zu Hause aus zu arbeiten, im Home-Office. Kommunikation von Angesicht zu Angesicht wird durch Emails und Videokonferenzen ersetzt. Auch die Geschäftswelt musste sich von heute auf morgen umstellen und versucht nun so gut als möglich ihr Angebot über Online-Kanäle und Lieferservices zu vermarkten. Für viele Betroffene ist das alles Neuland. Bislang ging die Digitalisierung in Deutschland nur zögerlich voran. Die Corona-Krise wirkt jetzt als Beschleuniger und verändert die Arbeits- und Lebenswelt nachhaltig. Einen Hinweis, welche Möglichkeiten sich eröffnen könnten, liefern Pilotprojekte. Eines davon sind die „Digitalen Dörfer Bayern“. Wir haben Frau Prof. Ahrens, die das Projekt betreut, gefragt, welche Erfahrungen sie gemacht hat. Sie nannte uns fünf Anwendungsbeispiele, die derzeit besonders nachgefragt sind.

Frau hinter einem Schreibtisch, lächelnd, gerade etwas schreibend

Prof. Dr. Diane Ahrens, ist Professorin an der Fakultät für Angewandte Wirtschaftswissenschaften an der TH Deggendorf. Neben ihrer Lehre leitet sie am Technologie Campus Grafenau ein 40-köpfiges Forschungsteam, spezialisiert auf Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, das unter anderem drei der fünf digitalen Modelldörfer in Bayern betreut.

Prof. Diane Ahrens

Nachbarschaftshilfe

Nachbarschaftshilfe-Apps haben sich schon länger etabliert und werden nun dafür eingesetzt, Menschen zu helfen, die das Haus nicht verlassen können bzw. deren Mobilität eingeschränkt ist. Laut Ahrens wurden bislang vor allem Fahrdienste zum Arzt häufig in Anspruch genommen. Doch in Corona-Zeiten lassen sich mithilfe der App beispielsweise auch Einkaufsdienste koordinieren: „Mithilfe der entwickelten App können Hilfsbedürftige mit ehrenamtlichen Helfern wesentlich effizienter vernetzt werden“, so Ahrens. „Ein intelligenter Algorithmus erledigt in Sekunden, was sonst durch Herumtelefonieren aufwändig hätte koordiniert werden müssen.“

Coworking Spaces: Arbeiten fast daheim

Die Idee so genannter Coworking Spaces ist, dass Arbeitnehmer nicht mehr so weit in pendeln müssen, sondern relativ nah an ihrem Wohnort arbeiten können. Dafür werden ihnen gut ausgestattete Arbeits- und Besprechungsräume zur Verfügung gestellt, die sie stunden-, tage- oder wochenweise mieten können. Ahrens: „Wir sehen, dass diese Einrichtungen gerade hohen Zulauf haben, natürlich unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen. Die Leute sind derzeit ja nunmal gezwungen, im Home Office zu arbeiten.

Der Vorteil der Coworking Spaces ist, dass hier gewisse Technik-Standards vorgehalten werden, also voll ausgestattete Büroräume und eine stabile, leistungsfähige Internetverbindung. Für manche ist wohl auch ausschlaggebend, dass sie in den Räumen mehr Ruhe finden als im Provisorium zuhause“.

Mann an einem Schreibtisch am PC. Zufrieden.

Arbeiten „Dahoam“ im Coworking Space wird gut angenommen.

TechnologieCampusGrafenau

Mit der Schul-App strukturiert durch die Woche

Mit "mebis" bietet das bayerische Kultusministerium eine digitale Lernplattform an. Das Portal wird an bayerischen Schulen ergänzend zum Unterricht eingesetzt. Der unerprobte virtuelle Corona-Schulalltag, der derzeit in den eigenen vier Wänden gestaltet werden muss, ist keine leichte Aufgabe für Eltern, Lehrer und Schüler. Wie die App dabei hilft, erläutert Ahrens. „Die Schüler bekommen vom Lehrer auf digitalem Weg Aufgaben gestellt und können ihre Ergebnisse danach auch auf dem gleichen Weg abgeben und ihre Bewertung einsehen. Mebis ist sehr nützlich“, so Ahrens. „Dennoch haben wir für den Schulunterricht in den eigenen vier Wänden selber eine eigene Schul-App entwickelt, die noch stärker an die Bedürfnisse der Grundschule ausgerichtet ist. Sie wird derzeit in Frauenau und Spiegelau im Bayerischen Wald getestet“.

Gudrun Fischer vom Technologie Campus Grafenau gehört zum Projektteam des „Digitalen Dorfs“. Sie lebt selbst in Frauenau und betreut seit der Schulschließung ihr Kind beim Unterricht zu Hause: „Mein Sohn geht in die erste Klasse und wir Eltern erhalten jeden Sonntagabend von der Lehrerin über App und Portal einen Arbeitsplan mit Aufgaben und Arbeitsblättern für die gesamte Woche. Wer will, kann sich Push-Nachrichten auf das Smartphone senden lassen, um so ständig aktuelle Informationen zu bekommen – oder auch mal Tipps, wie man den Alltag mit den Kindern zuhause abwechslungsreich gestalten kann.“

Mann hält vor einer Bushaltestelle sein Handy in die Kamera, auf dem die DorfBusApp zu sehen ist.

Die DorfBUS-App organisiert Fahrten, die an die Bedürfnisse der Menschen in der Region angepasst sind. Ein spezielles Angebot sind „Ärztefahrten“: Die Arztpraxen in Spiegelau reservieren jeweils donnerstags und freitags feste Zeiten für Patienten, die mit dem DorfBUS anreisen.

Technologie Campus Grafenau

Telemedizin

Digitale Methode finden in Deutschland einen zunehmend breiteren Einsatz in der Patientenversorgung. Gerade für ländliche Räumen, in denen die Dichte an Arztpraxen nicht so hoch ist, überbrücken die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien so manche Entfernung und entlasten die vorhandenen Ärzte.

Im Rahmen des Projekts Digitales Dorf Bayern wurden in den zwei Gemeinden Hausärzte und Pflegekräfte mit Telemedizin-Anwendungen ausgestattet. Dadurch, so Ahrens, kann speziell geschultes nicht-ärztliches Personal (sogenannte VERAHs - Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis), im Rahmen von Hausbesuchen bei Bedarf über Video den Rat des Hausarztes einholen. Außerdem können Vitaldaten, Wundbilder, etc. in Echtzeit ausgetauscht werden. Das eingesetzte Equipment kann ferner genutzt werden, um einen gesicherten audiovisuellen Austausch zwischen Hausarzt und Klinik oder Pflegediensten und Ärzten zu ermöglichen.

Dadurch lassen sich unter Umständen auch medizinisch nicht notwendige Einweisungen ins Krankenhaus vermeiden. „Gerade in diesen Zeiten, in denen direkte Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden müssen und die Kliniken nicht unnötig belastet werden sollen, ist das sehr hilfreich“, sagt Ahrens. „Die Hausärzte, die bereits über die Technik verfügen, sind froh darum. Wir haben die digitale Vernetzung an die aktuelle Lage angepasst und nun auch einen Intensivpflegedienst, der Beatmungspatienten in der Region betreut, sowie eine Spezialklinik eingebunden“.

Info

Das Projekt Digitales Dorf BayernZiel ist, die Chancen der Digitalisierung für die Bewerkstelligung alltäglicher Herausforderungen des Lebens auf dem Land bestmöglich zu nutzen. In den Modellregionen werden verschiedenste Handlungsansätze aus der digitalen Welt erprobt.

Der demographische Wandel, gepaart mit der Abwanderung von jungen, gut ausgebildeten Menschen, führt dazu, dass viele ländliche Gemeinden überaltern und schrumpfen. Dienstleistungen und Infrastrukturen werden unrentabel und ziehen sich aus der Fläche zurück, beispielsweise der ÖPNV, die medizinische Versorgung oder die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort. Wie kann die Digitalisierung helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen? Das von der Bayerischen Staatsregierung geförderte Modellprojekt sucht in elf Themenfeldern darauf antworten: Arbeiten, Dienste (u.a. Handel), Energie, Bildung, Medizin, Mobilität, Pflege, Wohnen, Landwirtschaft, Tourismus sowie Kultur.

Live Übertragung von Gottesdiensten

Das Projektteam „Digitales Dorf“ hat für die Sonntagsgottesdienste einen Livestream eingerichtet. Pfarrer Keilhofer kann seinen Gottesdienst nun per Webcam live aus seiner Werkstagskapelle in Spiegelau übertragen. Die aufgezeichneten Gottesdienste sind auch danach auf dem YouTube-Kanal „Digitales Dorf“ jederzeit abrufbar. Ahrens Gefühl ist, dass das sehr gut funktioniert: „Was wir feststellen ist, dass das in Zeiten der Ausgangsbeschränkung rege wahrgenommen wird. Mit 400 Aufrufen während des ersten Live-Gottesdienstes hat die Online-Übertragung sogar erheblich mehr Teilnehmer erreicht, als das sonst bei den Messen in der Kirche üblich ist“, so Ahrens. „Besonders interessant ist, dass vor allem die 24- bis 35-Jährigen diese Möglichkeit nutzen. Die Verweildauer ist sogar relativ lange“.  Aufgrund der positiven Resonanz werden zukünftig auch Feiertags-Gottesdienste live übertragen. Unter dorf.link/youtube kann der Kanal abonniert werden.

Ahrens im Videochat mit einem Kollegen, blickt vom Bildschirm in die Kamera.

„Ohne das Internet, digitale Kommunikation und neue Medien, wären die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch wesentlich dramatischer. Die Akzeptanz und Nutzung der digitalen Lösungen seit der Krise ist deutlich gestiegen“. (Prof. Ahrens)

Prof. Ahrens

Das Gesetz zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Verwaltungsleistungen verpflichtet Bund, Länder und Kommunen, bis Ende 2022 ihre Verwaltungsleistungen über Verwaltungsportale auch digital anzubieten, dabei geht es um insgesamt knapp 600 verschiedene Vorgänge. Für Kommunen ist dieser Anspruch nicht leicht zu erfüllen.

So sehen viele Bürgermeister in der Digitalisierung grundsätzlich durchaus Vorteile, doch nicht einmal die Hälfte der Befragten fühlt sich in der Lage, die Umsetzung eigenständig in Angriff zu nehmen. Gerade für kleinere Kommunen ist es schwierig, die erforderlichen fachlichen Kompetenzen bereitzustellen. Eine Situation, die auch die Experten des Modellprojekts als Problem wahrnehmen, wie Ahrens bestätigt: „Die umzusetzenden Maßnahmen sind sehr vielfältig und es fehlt aktuell eine Guideline, wie die geforderte kommunale Digitalisierung vorangetrieben werden soll. Ohne externe Begleitung, Best Practice und staatliche Unterstützung wird Digitalisierung im kommunalen Bereich und ländlichen Raum nicht funktionieren, zumal das keine ausschließliche Frage der Technik, sondern vor allem der Änderung von Prozessen und Denkweisen ist“.

Derzeit erstellt das Team vom Technologie Campus Grafenau daher einen Digitalisierungs-Leitfaden für Kommunen im ländlichen Raum, das auf den Erfahrungen aus den betreuten Modellprojekten beruht. Für Ahrens ist das Projekt "Digitales Dorf" ein erster, wichtiger Schritt. Ihrer Meinung nach sollte die Errichtung eines digitalen Kompetenzzentrums folgen, das zum Beispiel im Bayerischen Landwirtschaftsministerium am Amt für ländliche Entwicklung angesiedelt sein könnte.

 

Autor: Silke Franke

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Technologie Campus Grafenau

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Leiterin: Silke Franke
Referat II/6: Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
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