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QAnon als antisemitische Querfront
So gefährlich sind Verschwörungsmythen

Man hört oft von der QAnon-Bewegung, die nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern inzwischen auch in Deutschland aktiv ist und zahlreiche Anhänger hat. Was ist die QAnon-Bewegung, woher kommt sie und was ist ihr Ziel?

Berlin, am 29. August 2020: Die Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern versuchten, das Reichstagsgebäude zu stürmen, das Wahrzeichen und Herz der deutschen Demokratie. Die Polizisten konnten die Menschen zurückdrängen. In der Menge der Demonstranten wurden auch Q-Flaggen geschwenkt.

Wütende Menschenmenge vor dem Kapitol in Washington D.C.

Demokratie lebt vom Glauben an die Demokratie. Wie gefährlich es werden kann, wenn dieser Glaube verloren geht, wurde im Januar in Washington deutlich: Ein Teil der Menge, die das Kapitol erstürmte, war bewaffnet und felsenfest davon überzeugt, gegen dunkle Mächte zu kämpfen, die sie unterdrücken wollen.

Washington D. C., am 6. Januar 2021: Die wütenden Anhänger des noch amtierenden, aber schon abgewählten US-Präsidenten Donald Trump reagierten auf seinen Aufruf und versammelten sich vor dem Kapitol, um die angeblich gestohlene Wahl zu verteidigen. Die Lage spitzte sich zu und der Mob stürmte das Kapitol. Schockierende Bilder vom Wahrzeichen und Symbol der amerikanischen Demokratie verbreiteten sich auf der ganzen Welt. Das berühmteste: ein Mann mit Büffelhörnern - der „Q-Schamane“.

Verschwörungstheorien erleben derzeit einen Aufschwung. Manche davon, wie die QAnon- Bewegung, deren Ideen sich auch in der Querdenker-Bewegung wiederfinden, sind als demokratiefeindliche, massenmobilisierende Sammlungsbewegungen einzustufen, die immer weitere Kreise aus der Mitte der Gesellschaft mobilisieren können. Sie sind Ideologien mit rechtsextremen Tendenzen und antisemitischer Propaganda. QAnon Anhänger sehen sich als die „Erwachten“, die gegen das Böse kämpfen, als Kämpfer, während die anderen noch schlafen.

Diese Bewegung darf keinesfalls als reines US-Internetphänomen betrachtet werden. Genauso wenig darf ihre Verbindung zu den Querdenkern unterschätzt werden, denn diese beiden Bewegungen stellen eine ernsthafte Bedrohung auch unserer Demokratie dar.

Den aktuellen Forschungsstand zum Thema bietet Ihnen unsere neuer Band „Agitation von Rechts: QAnon als antisemitische Querfront“ in unseren „Aktuellen Analysen“.

Verschwörungserzählungen und die Rolle der Sozialen Medien

Verschwörungsideologen und „Fake News“ sind keine neuen Phänomene, aber durch das neue Medium Internet haben sie eine ganz andere Dimension angenommen, als es früher möglich gewesen wäre. Eine besondere Rolle spielen dabei die Sozialen Medien. Niemals zuvor war es so einfach, Gleichgesinnte so schnell zu finden.

Krisenzeiten sind immer gute Katalysatoren für Verschwörungserzählungen. Das Jahr 2020 war da keine Ausnahme. In der Zeit der Pandemie haben sich zehntausende Menschen zusammengefunden, um gegen die Corona- Maßnahmen der Regierung zu protestieren. So sind die Verschwörungserzählungen noch sichtbarer geworden und die Sozialen Medien haben diesen ganzen Prozess weiter beschleunigt.

Darin steckt ein großes Gefahrpotential: In unserer digitalisierten Welt können millionen Menschen nicht nur Informationen, sondern eben auch Desinformationen austauschen; Social Media Kanäle bieten die Möglichkeit, sich zu organisieren und in Gruppen zusammen zu finden, in denen eine andere Meinung nicht geduldet oder akzeptiert wird. So entstehen Filterblasen, Gruppen Gleichgesinnter, die sich gegenseitig radikalisieren können.

QAnon: eine extremistische Weltanschauung

  • Ablehnung des demokratischen Grundkonsenses
  • Antipluralistische Ausrichtung
  • Typisches Freund-Feind-Denken: „Wir gegen den Mainstream“ – Mentalität
  • Hohes Maß an ideologischem Dogmatismus
  • Missionsbewusstsein
  • Akzeptanz von Verschwörungmythen: Der eigene Misserfolg wird mit der Manipulation durch finstere Mächte erklärt
  • Hohe Anschlussfähigkeit an antisemitische und antidemokratische Überzeugungen.

Verschwörungsideologien sind schon lange kein Randgruppenphänomen mehr. Wie Demokratie und verfassungsfeindlich diese Gruppen sein können erklärt uns unsere Autorin Giulia Silberberger in ihrem kurzen Videostatement. Giulia Silberberger ist Gründerin und Geschäftsführerin der Organisation „Der goldene Aluhut“, die zum Ziel hat, über Verschwörungsideologien aufzuklären.

©HSS

Gegen die Verschwörungsideologien

Die Verbreitung des QAnon-Gedankenguts in der Gesellschaft ist höchst problematisch: Diese Bewegung beinhaltet verschiedene Aspekte der Verschwörungsideologien wie einen Endkampf zwischen Gut und Böse, Kinder folternde und ihr Blut trinkende Satanisten und einen „Tiefen Staat“. Ebenso deutlich sind typisch antisemitische Merkmale, etwa, wenn Juden als Satanisten dargestellt werden. Der Wiederstand gegen die Corona-Maßnahmen, die Verbreitung von Desinformationen, das Misstrauen gegen die Demokratie, die Vorstellung, dass sich die demokratisch gewählte Regierung und die Presse gegen die eigene Bevölkerung verschworen hätten, die Gewaltbereitschaft, die in QAnon-Gruppen auf Telegram sichtbar wird, all das zeigt die soziale und politische Gefahr, die von dieser Bewegung ausgeht.

Die QAnon-Bewegung verbreitet sehr gefährliche antidemokratische und antisemitische Ideen und ist ein Nährboden für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Antisemitismus und QAnon

Antisemitische Ritualmordlegenden und Verschwörungserzählungen sind nicht neu. Sie verbreiten sich schon seit Jahrhunderten. So wurde im Mittelalter das Gerücht gestreut, die Juden würden Brunnen vergiften. Ziel war es, das Judentum zu diskreditieren. Für die Pestepidemie hatte man auch die Juden beschuldigt. Laut der Verschwörungserzählung von damals wollten die Juden die Christen vernichten, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Man brauchte ein Feindbild, um es in Krisen beschuldigen und sich so die unerklärlichen Phänomene erklären zu können.

Sind die Verschwörungsnarrative der QAnon Bewegung antisemitisch? Dafür sprechen einige Gründe: Diese Narrative thematisieren eine jüdische Weltverschwörung: Bill Gates, George Soros und die jüdische Familie Rothschild werden als Verschwörer dargestellt. Die Narrative von Kinderblut trinkenden Eliten stehen in der Tradition antisemitischer Ritualmordlegenden.

Handlungsempfehlungen: Was kann man dagegen tun?

Seit 1700 Jahren ist jüdisches Leben ein wesentlicher Bestandteil Deutschlands. Die nationalsozialistische Vergangenheit und damit die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Antisemitismus darf nie vergessen werden. Antisemitismus ist eine Bedrohung unserer Demokratie; deswegen sind die QAnon-Aktivitäten und ihre personellen Vernetzungsstrukturen genauer in den Blick zu nehmen. Es bedarf eines systematischen, flächendeckenden Monitorings der Radikalisierungsentwicklungen. Jene digitalen Orte, an denen sich das Problem manifestiert, müssen beobachtet werden. Deswegen sind eine intensive Beobachtung und die Dokumentation ihrer Aktivitäten in Messenger-Diensten nachdrücklich zu empfehlen.

Außerdem müssen die Social-Media-Plattformen für die Inhalte auf ihren Seiten verantwortlich gemacht werden, denn sie sind das wichtigste Tool radikaler Gruppen, um handlungsfähig zu werden und Schaden anrichten zu können. Solche Gruppen müssen von digitalen Plattformen frühzeitig und dauerhaft verbannt werden.

Insgesamt wird die Gefahr der digitalen Radikalisierung nicht ernst genug genommen. Das nutzen solche Gruppen sehr gut aus, denn sie kennen die Möglichkeiten und die Reichweite des Internets. Es ist sehr wichtig, Strategien und Prozesse zu entwickeln, um diese digitale Radikalisierung zu verhindern. Schon beim Entstehen solcher Gruppen muss sofort gehandelt werden, bevor diese Gruppen größer und gefährlicher werden.

Verschwörungserzählungen sind eine reale Gefahr für unsere Demokratie. Der Sturm auf das Kapitol hat deutlich gezeigt, welche politische Gefahr sie in sich bergen.

Autorin: Sophia Megrelishvili, HSS

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