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Fragen an den „Medien-Kaiser“
Was ist Clubhouse?

Die neue Soziale App „Clubhouse“ ist der neue heiße APP-Trend. Keine Chatfunktion, nur live Gespräche, exklusiver Zugang, beliebt bei Politikern und anderen Promis: Wie funktioniert das Clubhouse, wie finanziert es sich, wie sicher ist es? Wir haben Prof. Markus Kaiser von der Technischen Hochschule Nürnberg gefragt.

Ein jüngerer Mann lächelt freundlich in die Kamera

Prof. Markus Kaiser, geboren 1978 in Nürnberg, ist Professor für digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change Management an der TH Nürnberg und Berater für Change Management, Kommunikation, Social Media und Innovationsmanagement. Zuvor hat der langjährige Journalist die Medienstandort-Agentur des Freistaats Bayern aufgebaut und geleitet. Von ihm erschienen sind unter anderem die Bücher „Innovation in den Medien“ und „Transforming Media“. Er bloggt unter dem Namen „Medien-Kaiser“. www.markus-kaiser.org

Patrick Huebner; Markus Kaiser

HSS: Herr Prof. Kaiser, was ist das besondere an der neuen App „Clubhouse“?

Prof. Markus Kaiser: Das „Clubhouse“ ist ein neuartiges soziales Netzwerk, das sehr intuitiv zu bedienen ist. Es setzt, passend zum Audio-Trend mit Podcasts, komplett auf die Sprache und klammert Videos und textbasierte Chats vollständig aus. Es passt aufgrund von Covid-19 super in die Zeit als digitaler Ersatz für Konferenzen wie die re:publica oder die Medientage München. Frisch wirkt das „Clubhouse“ dadurch, dass es nicht – wie bei der von Snapchat entwickelten und von Instagram und Facebook übernommenen Storys-Funktion – nur ein neuer Anstrich für altbekannte Funktionen ist, sondern neue Ideen dahinterstecken. Eines hat mich auch sehr überrascht: Während im Social Web Videos und Text immer kürzer werden, dauern hier Diskussionen oft sehr lange, manchmal sogar mehrere Stunden. Dies zeigt, dass Bedarf an einem Austausch auch in einer gewissen Tiefe besteht.

HSS: Wer tummelt sich da und warum? Networking? Andere Gründe?

Politik, Medien und die Digitalbranche – das sind die Ersten, die das „Clubhouse“ in Deutschland für sich entdeckt haben. Viel Kritik mussten die Macher einstecken, weil es bisher nur auf dem iPhone läuft und deshalb auch eine spezielle Zielgruppe angesprochen wird bzw. andere User ausschließt. Unter den ersten Nutzern waren Digitalministerin Dorothee Bär und CSU-Generalsekretär Markus Blume: Es geht hier zum einen um Networking, zum anderen wollen sie demonstrieren, dass sie First Mover sind, also immer vorne dran bei neuen Digital-Trends. Gerade Politiker müssen Öffentlichkeit herstellen. Da sie während Corona nicht in Bierzelten oder bei anderen Gelegenheiten auftreten können, bietet das „Clubhouse“ einen guten und besseren Ersatz als beispielsweise Twitter, wo in Deutschland zu wenige Bürger vertreten sind und 280 Zeichen für eine Botschaft ausreichen müssen.

HSS: Nutzen Sie „Clubhouse“ und wie?

Als Professor für Medieninnovationen und Social-Media-Berater teste ich natürlich alle neu aufkommenden Medien sofort aus. Spannend als Wissenschaftler finde ich, wie rasant der Aufstieg eines sozialen Netzwerks quasi über ein Wochenende erfolgt. Ich schaue aber auch genau darauf, wie es um den Datenschutz, Konzeptideen für Marketing und dahinterliegende Geschäftsmodelle steht. Ich organisiere daher auch selbst Events, beispielsweise eine regelmäßige Meetup-Reihe zu Change Management, also eine Art digitalen Stammtisch, und eine Diskussionsrunde zu Roboterjournalismus, wie also Texte von der Software automatisch verfasst werden. Ich muss zugeben: Trotz meiner eigenen Datenschutzbedenken und gebotener Vorsicht macht mir der Umgang mit dem neuen Netzwerk sehr viel Spaß.

Kaiser steht vor einer Tafel und spricht angeregt ins Plenum.

"Wie sich Clubhouse finanziert ist ein großes Rätsel. [...] Entweder setzen die Macher vor allem auf die Monetarisierung der Daten der User oder sie sind das Thema noch zu wenig angegangen und versuchen erst nachträglich ein Geschäftsmodell um die App zu bauen." (Prof. Markus Kaiser)

Tim Neiertz; Markus Kaiser

HSS: Man muss eingeladen werden, um Mitglied werden zu können. Ist das ein Vor- oder Nachteil für die App? Immerhin wird so die Zahl der Mitglieder und die Reichweite begrenzt…

Ja, man muss eingeladen werden. Das ist aber nur ein Marketing-Gag, der ja durchaus kritisiert wird. Jeder, der dabei ist, darf – wenn er sein Adressbuch freigibt – wiederum zwei Leute einladen, nach einer Weile noch mehr. Im Netz gibt es aber auch Anleitungen, wie man ohne Einladung in das „Clubhouse“ kommt. Das heißt: Es wird nur limitiert, um den Eindruck eines exklusiven Zugangs zu erwecken. Wer rein will, kommt aber auch rein. Da ist jeder Türsteher vor einer Diskothek eine größere Herausforderung. Es wurde außerdem ja angekündigt, dass bald eine Android-Version angeboten wird.

HSS: Ist die App „unabhängig“ oder gehört sie zu Facebook oder einem anderen großen Player? Wer steckt hinter der App?

Hinter der App „Clubhouse“, die in den USA seit dem Jahr 2020 im App-Store für iPhones angeboten wird, steckt das US-amerikanische Software-Unternehmen Alpha Exploration, das von den Stanford-Absolventen und ehemaligen Pinterest-Mitarbeiter Paul Davison und dem ehemaligen Google-Mitarbeiter Rohan Seth gegründet worden ist. Es wird jetzt spannend zu beobachten sein, was davon Mark Zuckerberg für Facebook, Instagram und WhatsApp adaptiert, wie er das beispielsweise auch mit der Story-Funktion von Snapchat schon einmal getan hat. Oder ob Facebook, Google oder ein anderer Tech-Riese sogar ein Kaufangebot für das Software-Unternehmen abgibt, um es zu schlucken. Mark Zuckerberg dürfte sicherlich ein paar schlaflose Nächte hinter sich haben.

HSS: Wie geht „Clubhouse“ mit extremen Gruppen um?

User werden aufgerufen, extreme Gruppen bzw. einzelne User zu melden, um diese zu sperren. Wie effizient dies funktioniert, wie nachhaltig dies gemacht wird und wie groß die Probleme mit Extremismus im „Clubhouse“ im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken und Messengern wie Facebook oder Telegram bereits sind, lässt sich derzeit nur schwer beurteilen. In den ersten Tagen des kometenhaften Aufstiegs in Deutschland schien dies noch nicht das große Problem darzustellen, weil durch die Notwendigkeit einer persönlichen Einladung noch viele ausgeschlossen waren. Allerdings könnte es aus zwei Gründen künftig problematisch werden: Erstens ist Audio – wie ja auch Radio als Beispiel zeigt – ein sehr flüchtiges Medium, in dem man nachträglich vieles nur schwer nachweisen kann. Zweitens hat Alpha Exploration noch keine funktionierende Struktur und weltweiten Niederlassungen, wie mit massenhaften Beschwerden und Verletzungen zum Beispiel der Netiquette umgegangen wird.

HSS: Wie finanziert sich „Clubhouse“?

Das ist ein großes Rätsel. Das Geschäftsmodell hinter „Clubhouse“ ist tatsächlich intransparent. Werbebanner sucht man vergebens, und es gibt keine kostenpflichte Mitgliedschaft für User – zumindest noch nicht. Dies lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder setzen die Macher vor allem auf die Monetarisierung der Daten der User oder sie sind das Thema noch zu wenig angegangen und versuchen erst nachträglich ein Geschäftsmodell um die App zu bauen. Dies ist riskant, aber in der digitalen Medienwelt durchaus nicht unüblich. Auch Tageszeitungen haben erst ihre Website gestartet und überlegen heute noch größtenteils, wie man mit journalistischen Inhalten Geld verdienen kann.

HSS: Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Das ist ein ganz kritischer Punkt. Man wird sehr schnell aufgefordert, sein Telefonbuch freizugeben. Was manche nicht wissen: Dies kann man der App verbieten. Dann darf man zwar selbst keine weiteren Personen mehr einladen, aber man gibt die Daten auch nicht weiter. Was mit den weiteren Daten passiert, weiß man natürlich – wie aber auch bei anderen Messengern und sozialen Netzwerken – nicht. Selbst in geschlossenen Konversationen sollte man sich immer so verhalten, als würde man in der Öffentlichkeit auftreten. Das gilt übrigens aber ja auch für WhatsApp: Auch hier könnte ein privater Dialog jederzeit öffentlich werden. Ein Ort für sichere Kommunikation ist dies alles nicht. Aber dies ist ja auch gar nicht der Anspruch von „Clubhouse“ als Audio-Marktplatz.

HSS: Können Sie das Potential der App einschätzen?

Wenn es um ein konkretes Marktvolumen geht, kann man in der digitalen Welt nur danebenliegen. Aber natürlich gibt es Anhaltspunkte: Je länger es keine Konferenzen und Messen durch Corona gibt, je länger der Lockdown verordnet wird, desto größer wird das Bedürfnis nach dieser Art von digitalem Austausch sein. Spannend ist für viele nach langen beruflichen Videokonferenz-Arbeitstagen, dass es hier auch keine Kamera gibt und man die App auch abends beim Spazierengehen nutzen kann. Je schneller und ernsthafter – wie ja auch bei Zoom geschehen – das Thema Datenschutz angegangen wird, desto mehr Vertrauen schaffen die „Clubhouse“-Macher, und es werden sich weniger sofort wieder abwenden. Und dann hängt es davon ab, ob Facebook, Google & Co. diese Netzwerk-Idee kampflos dem Mitbewerber überlassen oder eigene Lösungen in ihren sozialen Netzwerken integrieren. Im Marketing und bei neuen Technologien zitiert man sehr gerne den Gartner Hype Cycle einer US-Kommunikationsberatung: Es geht immer erst mal wie bei einem riesigen Hype steil nach oben, dann wieder tief nach unten, bis man das Tal der Tränen durchschritten hat und die App ihre Nische gefunden hat. Ich vermute, es wird mit dem „Clubhouse“ nicht anders sein.

HSS: Herr Professor Kaiser, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten: Maximilian Witte, Lisa Christl, HSS-Redaktion

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