Print logo

Cybermobbing - Interview
Wie du dich aus dem Alptraum befreist

Opfer von Mobbing im Netzt fühlen sich in die Enge getrieben und ausgeliefert. Aber sie sind nicht allein und es gibt viele professionelle Hilfsangebote. Darüber haben wir mit Elly Häuser von Reconquista Internet/Hassmelden gesprochen.

HSS: Woran erkenne ich Cybermobbing?

In den sozialen Netzwerken und auf interaktiven Online-Plattformen kann Cybermobbing in den unterschiedlichsten Formen vorkommen. Grundzüge des Cybermobbings sind die andauernde und wiederholende Bloßstellung, Schikanierung, Verspottung und Bedrohung von einzelnen Personen mithilfe von digitalen Medienangeboten.
Es ist ein kollektives Phänomen und tritt meistens in einer Gruppe oder in einem Klassenverbund auf. Über soziale Netzwerke und Apps wie WhatsApp, Snapchat oder Instagram werden z.B. peinliche Bilder oder Videos von Personen verbreitet und dazu genutzt, um sich in der medialen Öffentlichkeit, z.B. mithilfe der Kommentarfunktion, über die Person lustig zu machen oder diese zu schikanieren. Durch die Möglichkeit der sozialen Netzwerke, Inhalte schnell, anonym und unkompliziert teilen zu können, entwickelt das Cybermobbing in den sozialen Medien eine eigene Dynamik.

Eine große Personengruppe kann die schädlichen Kommentare eine „Mobbers“ nicht nur lesen sondern sich diesen auch anschließen und weitere verfassen. Der Kreis der "Mittäter" beim Cybermobbing kann sich auf diese Art und Weise schnell vergrößern und dem Opfer noch mehr Schaden zufügen. Das wird auch noch dadurch begünstigt, dass man im Internet unter einem Pseudonym agieren kann. So trauen sich auch Personen, andere zu mobben, die das offline wahrscheinlich nicht machen würden. Durch das große Online-Publikum und die Aufmerksamkeit wird es für das Mobbingopfer sehr schwer, sich der Situation zu entziehen und es gibt kaum mobbingfreie Zonen mehr.
Das hat für Betroffene zur Folge, dass sie sich sozial zurückziehen und verstärkt psychische Reaktionen zeigen. Cybermobbing darf auf keinen Fall unterschätzt werden und kann sogar im schlimmsten Fall zu einer Selbst- oder Fremdgefährdung führen.

Verzweifeltes Mädchen sitzt im Hintergrund, die Beine an den Körper gezogen.

Strafbar wird Cybermobbing unter anderem, wenn es zu Nötigung, Beleidigung oder Verleumdung kommt oder deine Rechte am eigenen Bild verletzt werden.

TeroVesalainen; ©HSS; IStock

HSS: Kann ich mich rechtlich gegen die Mobber wehren?

Rechtlich ist Cybermobbing direkt kein Strafbestand, aber einzelne Tatbestände, die mit Cybermobbing in Verbindung stehen, wie zum Beispiel Beleidigung (§ 185 StGB ), Nötigung (§ 240 StGB), Recht am eigenen Bild (§ 22 KUG) oder Verleumdung (§ 187 StGB) stellen strafbare Handlungen dar. Wenn die Schikanen, Beleidigungen oder Drohungen fortlaufend per E-Mail erfolgen, könnte auch noch das Anti-Stalking Gesetz wirksam werden. Das Internet ist auf keinem Fall ein rechtsfreier Raum!

HSS: Was empfehlen Sie Leuten, die selber betroffen sind?

Zuerst würde ich den Betroffenen empfehlen etwas Abstand zur Situation zu gewinnen. Durch die Schikanierungen, die Beleidigungen oder die Bedrohungen reagieren wir erst einmal auf der Gefühlsebene und werden von den Emotionen bei unseren Handlungen beeinflusst. Es sollte auf keinen Fall sofort auf die schädlichen Inhalte direkt reagiert werden, da die Situation sich sonst weiter hochschaukeln könnte. Erfahrungsgemäß ist es besonders wichtig Vertrauenspersonen zu der Situation hinzuzuziehen, die durch ihre Außenperspektive die Betroffenen unterstützen und notwendige weitere Schritte initiieren können.

Sollten die Betroffenen das Gefühl haben, mit niemanden aus dem nahen Umfeld über das Cybermobbing sprechen zu können, gibt es Anlaufstellen wie zum Beispiel das Beratungsportal JUUPORT, die es ermöglichen anonym beraten zu werden.

Auch sollte der Verlauf des Cybermobbings auf jeden Fall dokumentiert werden. Mithilfe von Screenshots, Profil-Accounts oder einer Art Mobbing-Tagebuch sollte der Ablauf des Mobbings festgehalten werden. Weiterhin können Betroffene die Hasskommentare, Bilder oder Personen auf den Online Plattformen melden oder blockieren. Die Anbieter großer sozialer Netzwerke sind durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz dazu verpflichtet, Beschwerden über Postings oder Personen auf strafrechtlich relevante Inhalte zu prüfen bzw. Inhalte zu verbergen oder zu löschen.

HSS: Gibt es Anlaufstellen, an die sich Betroffene/ Opfer wenden können?

Ja, die gibt es auf jeden Fall. Die Seite des Portals JUUUPORT, www.juuuport.de zum Beispiel hilft und berät (auch anonym) mitunter zu den Themen Cybermobbing, WhatsApp Stress, Abzocke und Datensicherheit.

Eine weitere Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern ist die Nummer gegen Kummer, www.nummergegenkummer.de. Hier kann man entweder (anonym) mit Beraterinnen und Beratern über eine Hotline sprechen, oder diese via Live-Chat oder E-Mail kontaktieren. Das Angebot beschränkt sich nicht nur auf Cybermobbing, sondern ist offen für jegliches Kummer-Anliegen.

Die Onlineplattform klicksafe, www.klicksafe.de will besonders Eltern, Pädagogen,  und Betroffene ansprechen und zum Thema Cybermobbing informieren und gibt der jeweiligen Interessengruppe einen Ratgeber an die Hand.

Für den Fall, dass man Hasskommentaren im Netz begegnet und sich nicht sicher ist, wie man mit diesen umgehen soll, gibt es auf dem Portal gegen Hatespeech einen Online-Assistenten, der eine praktische Hilfe bietet, um richtig zu reagieren.

HSS: Was sind das für Leute, die mobben? Was geht in Ihnen vor?

Eine pauschale Charakterisierung eines Cybermobbers ist sehr schwer, da das Aufeinandertreffen von individuellen Umständen und Faktoren oft dazu führt, dass jemand zu einem Mobber wird. Theoretisch könnte jeder unter entsprechenden Bedingungen ein Cybermobber werden. Dennoch gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die einem Mobber von Experten zugeschrieben werden und durch die man versucht sich an eine Typbeschreibung anzunähern. Die Personen, die mobben, haben meistens ein erhöhtes Bedürfnis nach Geltung, Status und Macht. Um dieses Bedürfnis befriedigen zu können, wird Gewalt ausgeübt, werden andere erniedrigt und Gruppen manipuliert, um Einzelne gezielt zum Opfer zu machen. Oft geht diese Bedürfnisbefriedigung mit Persönlichkeitsmerkmalen wie z.B. schwaches Selbstvertrauen, fehlende soziale Kompetenzen, eine negative Bindung zu den Eltern oder geringe Selbstkontrolle einher. Auch spielen die Freunde und das nahe Umfeld eine wichtige Rolle. Da Anerkennung und Geltung in der Gruppe für den Cybermobber wichtig sind, mobben Jugendliche eindeutig seltener, wenn sie zuverlässige, soziale und hilfsbereite Freunde haben.

HSS: Haben Sie noch einen Tipp für Betroffene?

Du bist nicht alleine in dieser Situation! Vertraue jemandem an, was Du gerade durchmachst und rede viel über die Geschehnisse. Ganz wichtig, lass Dich nicht aus der Ruhe bringen: Egal, was die Mobber schreiben oder sagen, die verbalen Angriffe gegen Dich sind nur eine Projektionsfläche für ihre eigenen negativen Emotionen oder Unsicherheiten.

HSS: Haben Sie vielen Dank Frau Häuser für das Gespräch.

Das Interview führte Lisa Christl, HSS

Kontakt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Isabel Pantke
Telefon: 089 1258-253
Fax: 089 1258-363
E-Mail: pantke@hss.de