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Interview mit Wilken Bormann CEO, Lufthansa Hub München
Bayern mit der Welt verbinden

Ein modernes, internationales Drehkreuz im Herzen Bayerns oder doch nur eine lärmende Klimasünde? Am Flughafen Franz Josef Strauß scheiden sich die Geister. Kommen die Pläne zur CO2-Reduktion im Flugverkehr voran und wie steht es eigentlich um die dritte Startbahn?

Wilken Bormann wurde 1969 in Hoya an der Weser geboren. Seit 2017 ist Bormann Chief Executive Officer (CEO) des Lufthansa Hub in München. In dieser Funktion ist er zuständig für die kaufmännische Leitung, die Stationsleitung, Bodeninfrastruktur und -prozesse sowie für die Weiterentwicklung des südlichen Lufthansa Drehkreuzes. Darüber hinaus verantwortet Bormann die operative Planung und Steuerung aller Flüge von und nach München. Er ist seit über 20 Jahren im Unternehmen und war vorher bereits in verschiedenen Führungsfunktionen bei Lufthansa tätig. Bormann ist verheiratet und hat einen Sohn.

Die beiden stehen, einander zugewandt und blicken ernst in die Kamera. Dahinter HSS-Aufsteller

Wilken Bormann, Leiter des Lufthansa-Hubs am Münchner Flughafen (links) mit Karl Heinz Keil, HSS. Flugscham, endlose Genehmigungsverfahren, die CO2-Debatte... wie läuft es am Flughafen München?

©HSS

HSS: Herr Bormann, der Lufthansa Terminal 2 am Flughafen München ist eines der modernsten Flughafengebäude der Welt. Das klingt nach einem guten Arbeitsumfeld. Wie gefällt es Ihnen am Standort München?

Wilken Bormann: Sehr gut. München ist ein großartiger Standort, der ein attraktives Arbeitsumfeld bietet. Das Terminal 2 in München betreiben wir seit vielen Jahren gemeinsam mit dem Flughafen. Es ist eine große Erfolgsgeschichte und das Ergebnis der intensiven und gelebten Systempartnerschaft beider Unternehmen. Hier gibt es einen „MUC-Spirit“, von dem alle profitieren.

HSS: Welche Rolle spielt der Flughafen München als Drehkreuz im internationalen Wettbewerb für die Lufthansa?

Wir vernetzten Bayern mit der Welt und die Welt mit Bayern. Aktuell bieten wir ab München Verbindungen zu mehr als 120 Zielen weltweit. In diesem Sommer kommen alleine fünf neue Langstreckenziele in Asien und Nordamerika dazu. München ist unser Premiumstandort, unsere Gäste lieben das Drehkreuz München, denn hier erleben sie kontinuierlich hohe Qualität im Bereich der Infrastruktur ebenso wie beim Service.

HSS: Der Flughafen München steht gut da. Sie loben die Partnerschaft von Lufthansa und Flughafen. Trotzdem dürften Sie mit einigen Rahmenbedingungen nicht ganz zufrieden sein. So wird die Anbindung nach München immer wieder kritisiert. Zurecht?

Ja, leider zurecht. Die landseitige Verkehrsanbindung des Flughafens ist ungenügend und muss dringend verbessert werden. Hier ist München leider wenig Premium. Die Fahrt mit der S-Bahn dauert einfach zu lange, dazu ist das System sehr anfällig. Zugleich ist mehr denn je eine direkte Anbindung des Flughafens an den Schienenfernverkehr notwendig. Nur so ist künftig ein sinnvolles Zusammenspiel der Verkehrsträger möglich und wir können Ultrakurzstrecken mit dem Flugzeug reduzieren.

HSS: Ein anderes Infrastrukturthema ist die dritten Start- und Landebahn. Seit 2005, als der Aufsichtsrat der Flughafen München GmbH den Bau beschlossen hat, läuft das Genehmigungsverfahren. Es gab seither zahlreiche politische Diskussionen, Klagen und einen Bürgerentscheid. Die aktuelle bayerische Regierungskoalition hat das Thema vorerst auf Eis gelegt. Ist das Thema für Sie abgeschlossen?

Nein. Aktuell kann Lufthansa in München noch durch größere Flugzeuge und Optimierungen im Flugplan wachsen. Perspektivisch reicht das aber nicht. Damit das Drehkreuz auch langfristig seine erfolgreiche Wachstumsgeschichte fortschreiben und im europäischen und internationalen Vergleich bestehen kann, ist der Bau einer dritten Start- und Landebahn am Flughafen München bis Ende des Jahrzehnts notwendig.

HSS: Kritiker werfen der Luftfahrt schwere "Klimasünden" vor. Die Forderung nach weniger Luftverkehr scheint in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen zu sein. Es gibt sogar ein neues Wort: die "Flugscham". Wird die Luftfahrt ihrer klima- und umweltpolitischen Verantwortung gerecht?

Wir investieren Milliarden in Innovationen und die Modernisierung unserer Flotte. In München setzen wir auf den meisten Langstreckenverbindungen die A350 ein, die ein Viertel weniger CO2-Ausstoß verursacht. Wir betreiben in München heute die nachhaltigste Langstreckenflotte der Lufthansa Group. Seit Jahresanfang gehen wir nun den nächsten Schritt und setzen zudem auf Europastrecken ab MUC die A320neo ein. Auch sie fliegt leiser und erzeugt 20 Prozent weniger CO2. Schon heute bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, mit alternativen Kraftstoffen nahezu CO2 neutral zu fliegen. Zugleich setzen wir uns für eine steigende Verfügbarkeit von nachhaltigem Kerosin ein. Aber alle sind gefordert: Stichwort „Single European Sky“. Allein eine verbesserte Routenführung im europäischen Luftraum hat ein Effizienzpotenzial von bis zu 10 Prozent. Diesen so genannten „Single European Sky“ fordern wir seit Jahren. Umgesetzt ist er bis heute leider nicht.

HSS: Wie wird die Luftfahrt der Zukunft aussehen? Wird an alternativen Antriebstechnologien gearbeitet?

 Die Zukunft wird auf einer Verbindung von Ökonomie und Ökologie basieren. Wir setzen mittel- bis langfristig auf so genannte „Sustainable Aviation Fuels“ (SAF), CO2-neutrale, nachhaltig produzierte synthetische Kraftstoffe. Bis diese in ausreichender Menge und zu marktfähigen Konditionen verfügbar sind, wird es allerdings noch dauern. Die Lufthansa Group unterstützt hier intensiv die Forschung und ist mit potenziellen Anlagenbetreibern im Austausch. Batterietechnologie ist aus jetziger Sicht aufgrund des Gewichtsfaktors und des erreichbaren Wirkungsgrades nicht geeignet, Langstreckenflugzeuge mit 200 bis 500 Passagieren effizient mit der benötigten Energie zu versorgen.

  HSS: Herr Bormann, haben sie vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt
Leiter: Karl Heinz Keil
Medien, Digitale Gesellschaft, Mobilität, Innovation
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