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Internationale Tagung auf Kloster Banz
Zwischen Faszination und Verantwortung

Wie können wir pietätvoll mit menschlichen Überresten umgehen? Gerade bei der Ausstellung wissenschatlich relevanter "human remains" ist die Abwägung zwischen dem Interesse der Forscher und der Würde des Verstorbenen nicht leicht. Die Mumie einer Frau aus dem alten Ägypten, die im Museum Kloster Banz zu besichtigen ist, war der Anlass für eine internationale wissenschaftliche Konferenz.

Auch wenn wir heute mit wissenschaftlich kühlem Blick auf historische Artefakte blicken, gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren exotische Reiseandenken Statussymbol und Highlight bei sozialen Gelegenheiten. Auch Mumien aus Ägypten fanden so ihren Weg nach Deutschland. Im Museum Kloster Banz betreuen wir neben Gesteinsproben und Grabbeeigaben die einbalsamierten sterblichen Überreste einer Frau aus der Spättzeit des alten Ägyptens.

Wie lässt sich der Widerspruch zwischen dem Interesse der Forschung an "human remains" und der Würde der Verstorbenen auflösen?

J.Haerendel; ©HSS

Bei einer internationalen wissenschaftlichen Tagung in Kooperation mit der Professur für Museologie der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg haben wir uns auf Kloster Banz mit den ethischen, juristischen und praktischen Grenzen bei der öffentlichen Ausstellung von Mumien und anderen menschlichen Überresten auseinandergesetzt. Erwartungsgemäß trafen sehr unterschiedliche Perspektiven und Ansichten aufeinander.

Was sind menschliche Überreste?

Als menschliche Überreste definierte Dr. Stefanie Menke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der JMU Würzburg, „alles, was physisch von einem menschlichen Körper nach dessen Tod übrig bleibt“. Somit sind nicht nur ganze Skelette, sondern auch Zähne, Haare und Fingernägel gemeint. In ihrem Vortrag machte sie deutlich, wie wichtig die Unterscheidung ist zwischen religiöser, wissenschaftlicher und sensationsheischender Motivation bei der Präparierung von Leichen. Hinzu kam die Frage, die während der gesamten Tagung in unterschiedlichen Kontexten mehrmals gestellt wurde: Gab es das Einverständnis des Verstorbenen, dass sein Körper nach dem Tod ausgestellt wird?

Die sah etwa auch Prof. Dr. Brigitte Tag, Ordinaria für Strafrecht, Strafprozessrecht und Medizinrecht an der Universität Zürich als Grundvoraussetzung. Human Remains aus Unrechtskontexten „haben nichts in einer Ausstellung zu suchen!“, befand Tag, stellte aber auch die Frage: Ist eine Rückgabe überhaupt möglich – und, falls ja, auch sinnvoll?

Wie wichtig es etwa den Nachfahren verstorbener Maori ist, deren Überreste beerdigen zu können, berichtete Te Arikirangi Mamaku vom "Repatriating - Programme" des Nationalmuseums von Neuseeland.

Wie wichtig es etwa den Nachfahren verstorbener Maori ist, deren Überreste beerdigen zu können, berichtete Te Arikirangi Mamaku vom "Repatriating - Programme" des Nationalmuseums von Neuseeland.

J.Haerendel; ©HSS

„White men’s law“?

In dieser Hinsicht bekamen die Teilnehmer Informationen aus erster Hand von Te Arikirangi Mamaku, Koordinator des Repatriation Programme des Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa. Er berichtete darüber, wie wichtig es den Nachfahren von verstorbenen Maori und Moriori ist, deren Überreste beerdigen zu können. Aus Deutschland konnten seit 1990 bereits 119 Human Remains von verschiedenen Institutionen an die Maoristämme in Neuseeland zurückgegeben werden.

Das begrüßte auch Prof. Dr. Paul Turnbull von der University of Tasmania, Australien. Gleichzeitig verurteilte er das lange Zögern vieler Museumdirektoren, Kuratoren und Regierungen mit dem Thema adäquat umzugehen. Nach wie vor gelte das „white men’s law“, die Gefühle und das zeitliche Empfinden von Ureinwohnern fände kaum Eingang in die Diskussion über die Rückgabe von Human Remains.

Im Museum Kloster Banz geht es um Wissenschaft. Die Untersuchung der Mumie wurde im Klinikum Bogenhausen vorgenommen. Hier wurden auch die Gesichtszüge rekonstruiert. Die Ergebnisse sind bald im Museum Kloster Banz zu besichtigen.

Im Museum Kloster Banz geht es um Wissenschaft. Die Untersuchung der Mumie wurde im Klinikum Bogenhausen vorgenommen. Hier wurden auch die Gesichtszüge rekonstruiert. Die Ergebnisse sind bald im Museum Kloster Banz zu besichtigen.

J.Haerendel; ©HSS

Was sind die Ziele der Ausstellung von menschlichen Überresten?

Aus ethischer Sicht nannte Dr. Dr. Dirk Preuß einige Punkte, die es bei der Ausstellung von menschlichen Überresten zu beachten gilt: Gibt es noch lebende Angehörige? Was sind die konkreten Ziele der Ausstellung von Human Remains?

Ein solches Ziel kann religiöser Natur sein, wie etwa der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold in seinem Vortrag über „Ossarien und Heilige Leiber – Umgang mit Skeletten im kirchlichen Kontext“ und das Ehepaar Dres. Regina und Andreas Ströbl von der Forschungsstelle Gruft in Lübeck in ihrem Beitrag über Gruftmumien darlegten.

Ein weiteres Ziel beim Umgang mit menschlichen Überresten kann der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn sein. Prof. Dr. Heike Kielstein, Leiterin der Meckelschen Sammlungen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, zeigte das für den medizinischen Bereich ebenso eindrucksvoll auf wie Dr. Anna-Maria Begerock vom Instituto de Estudios Científicos en Momias, Madrid, für den archäologischen am Beispiel von Mumien aus dem vorspanischen Südamerika.

Der wissenschaftliche Aspekt stand auch bei der Untersuchung der Banzer Mumie, die im Museum Kloster Banz gezeigt wird und aus einer Orientreise von Herzog Max in Bayern stammt, im Vordergrund: Prof. Dr. Andreas Nerlich von der Klinik Bogenhausen betreute die jüngste Untersuchung der Frauenleiche. Es stellte sich heraus, dass sie gesellschaftlich höhergestellt gewesen sein muss und vor etwa 2400 Jahren verstorben war. Beeindruckend war die Uraufführung der animierten Gesichtsrekonstruktion, die den menschlichen Überresten tatsächlich „ein Gesicht“ gab. Ein Paradebeispiel für den Umgang mit Human Remains?

Mehrere Menschen an Konferenztischen. Masken. Oliver Jörg sitzt mittig im Bild, die Hand lässig auf dem Tisch.

Auch HSS-Generalsekretär Oliver Jörg (Mitte) hat an der Tagung in Banz teilgenommen. Er begrüßte die Gäste und informierte sich über den Stand der akademischen Diskussion über den pietätvollen, wissenschaftlichen Umgang mit "human remains".

J.Haerendel; ©HSS

Die Banzer Mumie als Memento mori?

Darüber war man sich auch bei einer Podiumsdiskussion nicht einig. Karl Heinrich von Stülpnagel, Restaurator im Ägyptischen Museum Georg Steindorff der Universität Leipzig, befand: „Das Original hat im Museum die erste Geige zu spielen.“ Er sah die Banzer Mumie auch als Memento mori für die umliegende Bevölkerung.

Dass aber über das wissenschaftliche Interesse hinaus menschliche Überreste als Anziehungspunkt gelten können, verdeutlichten Elisabeth Vallazza und Dr. Angelina Whalley in ihren Vorträgen. Vallazza, stellvertretende Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums, legte dar, welch große touristische Rolle der Mann aus dem Eis, besser bekannt als Ötzi, für die Region spielt. Jährlich kommen etwa 300.000 Besucher in das Museum, um die Eisleiche zu sehen. Dass das zur Schau stellen von toten Menschen durchaus auch ein „Medienspektakel“ sein kann, zeigte indes Dr. Whalley auf. Zusammen mit dem streitbaren Anatom Prof. Dr. Gunther von Hagens, ihrem Ehemann, rief sie vor 25 Jahren die Ausstellung „Körperwelten“ ins Leben.

Kein einfaches Erbe

Es ist kein einfaches Thema, das Gegenstand dieser internationalen Tagung war. Der Umgang mit menschlichen Überresten wird in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich bewertet. Während man in Europa beispielsweise kein Problem im Umgang mit Reliquien hat, wird das Ausstellen von Human Remains in anderen Kontexten sehr viel mehr hinterfragt. Dabei wurde es als Konsens betrachtet, dass es juristische und ethische Grenzen gibt. Diese müssen aber wohl für jede Zurschaustellung von menschlichen Überresten einzeln bewertet werden.

Autor: Thomas Klotz, HSS

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