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Die Zukunft des bayerischen Gastgewerbes
Corona und das Wirtshaussterben

Lichtblick für den Tourismus in Deutschland: heuer wird der Sommerurlaub für viele wohl in der Heimat stattfinden. Dennoch, Hotellerie und Gastgewerbe ächzen unter den Auswirkungen der Corna-Einschränkungen. Was die Branche jetzt braucht, haben wir Klaus Stöttner, MdL, Präsident des Tourismusverbands Oberbayern-München gefragt.

Die Wirtshäuser, Biergärten und Cafés prägen auch unser Lebensgefühl in Bayern. Bayern ist ein beliebtes Reiseziel: Letztes Jahr wurden 100 Millionen Übernachtungen und 40 Millionen Gäste gezählt. Die Touristen geben jedes Jahr rund 33,9 Milliarden Euro aus. Der Tourismus ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber und die Branche boomt. Eigentlich. Denn durch die Corona-Pandemie 2020 herrscht nun absolute Flaute.

Für viele geht es um die Existenz

Viele Betriebe mussten komplett schließen oder können derzeit nur ein stark eingeschränktes Angebot bereitstellen. Ein Desaster. Denn sie müssen weiterhin das Geld für die Fixkosten aufbringen, können aber keine oder kaum Einnahmen erwirtschaften. Betroffen sind die Beherbergungsbetriebe und Gaststätten, genauso wie die Freizeiteinrichtungen, der Kunst -und Kulturbetrieb. Hinzuzuzählen sind aber auch die Lieferanten und Dienstleister, etwa Landwirte, Brauereien und Wäschereien, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Während für andere Geschäfte nach und nach die Beschränkungen gelockert werden, sind gerade für Gaststätten und Hotels die Aussichten noch sehr vage. Großveranstaltungen sind bis Ende August untersagt, so dass Messen, Konzerte und Volksfeste abgesagt werden. Für viele Wirte und Hoteliers geht es um die blanke Existenz. Und gerade Gemeinden auf dem Land befürchten, dass die Corona-Krise das „Wirtshaussterben“ weiter verschärft.

Angst vor dem Wirtshaussterben?

Eine Studie, die Geographen an der Katholischen Universität Eichstätt verfasst haben hält den Begriff zwar für überspitzt, bestätigt jedoch den Trend. Dafür gibt es viele, zum Teil auch hausgemachte Ursachen, etwa weil sich kein Personal oder kein Nachfolger findet, weil zu wenig investiert wurde, Ideen zur Belebung des Geschäfts fehlen oder weil die Vereinsheime vor Ort Konkurrenz machen. Hinzu kommen zahlreiche gesetzliche Regelungen, wie Hygiene- und Feuerschutzvorschriften, unterschiedliche Mehrwertsteuersätze, Rauchverbot und Alkoholkontrollen. Wirtshäuser sind gerade in ländlichen Räumen geradezu eine „soziale Institution“, so die Geographen. Sie sind Orte der Geselligkeit und Unterhaltung, Treffpunkt für Jung und Alt, Austausch- und Informationsbörse, Bühne für Feste und das örtliche Geschehen.

Klaus Stöttner, MdL, Präsident Tourismusverband Oberbayern-München e.V. ; Beirat der Hochschule München, Fakultät Tourismus sowie Leiter der AG-Tourismus der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag

Klaus Stöttner, MdL, Präsident Tourismusverband Oberbayern-München e.V. ; Beirat der Hochschule München, Fakultät Tourismus sowie Leiter der AG-Tourismus der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag

Klaus Stöttner

Klaus Stöttner, MdL, Präsident  des Tourismusverbands Oberbayern-München, fasst für uns die Lage zusammen und beschreibt, wie der Fahrplan „zurück in die Normalität“ ausschauen könnte:

Schrittweise Öffnung in Aussicht

„Durch das entschlossene Handeln und die eingeführten Maßnahmen der Staatsregierung sind wir bisher deutlich besser durch die Corona-Krise gekommen als zahlreiche andere Länder“, sagt Klaus Stöttner, MdL, Präsident Tourismusverband Oberbayern-München e.V. „Schreckliche Bilder wie in New York oder Bergamo sind uns bisher erspart geblieben. Das ist höchst erfreulich. Menschen retten hat für uns oberste Priorität. Das ist aus gesundheitspolitischer Sicht richtig und wichtig, wenngleich ich weiß, was wir den Branchen damit abverlangen. Als Sofortprogramm zur Minderung der Härten wurde das Kurzarbeitergeld erhöht und der Mehrwertsteuersatz für Speisen auf generell sieben Prozent verringert“, so Stöttner. „Dennoch leiden die Betriebe natürlich enorm unter den Einbußen. Nun wollen wir - unter großer Verantwortung - die Auflagen so schnell wie möglich wieder zurückfahren, damit unsere Wirtschaft wieder auf die Beine kommen kann. Ministerpräsident Dr. Söder hat auch für Hotellerie, Gastgewerbe und Tourismus Lockerungen in Aussicht gestellt [siehe blauer Infokasten]– vorbehaltlich, dass die Infektionszahlen nicht wieder ansteigen.“

Schritte und Auflagen
(Pressemitteilung der Bayerischen Staatsregierung "Bericht aus der Kabinettsitzung" vom 5. Mai 2020)

Für alle Lockerungen gelten strenge Auflagen, die insbesondere die

  • Einschränkung von Öffnungszeiten, Ausarbeitung von Hygiene-Konzepten durch die Betriebe,
  • Begrenzung von Gästezahlen,
  • Sicherstellung von Abstand (Einlass/Ausgang separat, Reservierungspflicht)

umfassen.

Die Gastronomie darf schrittweise seit 18. Mai 2020 geöffnet werden, zunächst im Außenbereich (z.B. Biergärten), ab 25. Mai 2020 auch Speisegaststätten im Innenbereich. Zu Pfingsten ist eine mögliche Öffnung von Hotels, Ferienwohnungen und Camping sowie z.B. Schlösser, Seenschifffahrt und Freizeitparks angestrebt.

Für die Öffnung von Hotels gelten strenge Auflagen, insbesondere:

  • keine Öffnung von Angeboten mit gemeinschaftlicher Nutzung innerhalb von Hotels, wie Wellnessbereiche oder Schwimmbäder,
  • Verpflichtendes Hygieneschutzkonzept,
  • Verpflegung nur mit Abstand und begrenztem Einlass.

Das Wirtschaftsministerium erarbeitet gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium und dem Beauftragten für Bürokratieabbau ein Konzept für weitere Schritte.

Aktueller Nachtrag:

In Bayern dürfen seit 30. Mai alle Beherbergungsbetriebe (Hotel, Ferienwohnung auf dem Bauernhof, Campingplatz) wieder genutzt werden. Das Hygienekonzept von Wirtschafts- und Gesundheitsministerium legt die Regeln fest, damit Übernachten auch in Corona-Zeiten sicher ist. Hygienekonzept Beherbergung.

Fünf Gebote für einen Neustart in der Tourismuswirtschaft

Klaus Stöttner: „Doch bis da wieder Normalität einkehrt, das wird viele Wochen dauern. Die Zeit sollten wir nutzen, um einen klugen Plan für einen Tourismus-Neustart auszuarbeiten. Wir müssen den Urlaub in Bayern trotz Coronakrise erstrebenswert machen: Urlaubsgenuss, ohne die Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Ich habe daher als Präsident des Tourismusverbandes Oberbayern und München, gemeinsam mit dem Tourismusverband Allgäu mit Staatssekretär Klaus Holetschek ein Programm ausgearbeitet.“

Stöttner sieht fünf Voraussetzungen, die für einen Neustart im Tourismus gegeben sein müssen:

1. Safety first - Hygieneknigge für Gast und Gastgeber

Ob im Hotel oder Restaurant, ob im Museum oder auf dem Baumwipfelpfad – solange kein Impfstoff gegen das Corona-Virus verfügbar ist, sind die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen, Abstandsregeln und hohe Hygienestandards oberstes Gebot.

Das trifft besonders auf das Gastgewerbe zu. Konkrete Vorgaben (Aufstellen von Desinfektionsmittelspendern, kontaktloser Check-In, Frühstück im eigenen Hotelzimmer, Frühstück to go, Frühstück mit konkreten Zeitfenstern, neue Raum- und Reinigungskonzepte etc.) müssen von Staat und Branchenvertretern erarbeitet, erprobt und eingeübt werden.

Ein halb voller Biergarten. Blätterdach, Menschen an Tischen, Klappstühle, Gespräche.

Biergärten haben wieder geöffnet. Wegen der Abstandsregeln sitzen die Gäste weiter auseinander, Tische stehen einzeln. Diese neue Großzügigkeit könnte vielen Gefallen.

JesusFernandez3; ©HSS; IStock

2. Auf Sicht

Um das Einhalten der Sicherheitsabstände möglich zu machen, kann der Tourismus nur sehr langsam starten. Hotels und Restaurants werden mit maximal 30-40 Prozent nur den Deckungsbeitrag erwirtschaften können. Für Stöttner könnte die Öffnung in drei Schritten erfolgen:

Phase 1:  Öffnung insbesondere für die kleineren und naturnahen Übernachtungsanbieter von Ferienwohnungen, Ferienhäuser, Ferien auf dem Bauernhof, Campingplätzen für Dauercamper etc. Stöttner: "Diese bieten sich ganz besonders an, wenn es darum geht, mit Lockerungen zu starten. Hier können Familien und Paare ihren Urlaub und Natur sehr gut verbinden".

Phase 2:  Bleibt die Zahl der Corona-Neuinfektionen unter Kontrolle und wurde Phase 1 erfolgreich umgesetzt, können weitere Schritte folgen.

Nun könnten auch die größeren Hotels und sonstigen touristischen Infrastrukturen öffnen - unter Einhaltung der strengen Hygiene- und Abstandsregeln. Die Öffnungszeiten von Restaurants und Cafés können erweitert werden - bei einer geringeren Besetzung der Tische. "Frühstücksangebote und Mittagstische im Schichtbetrieb mit weniger Tischen und Abstandsgebot mit den notwendigen Hygieneregeln können ein Start für die Gastronomie sein“, sagt Söttner. „Angebote für Tagestouristen (z.B. Minigolfplätze, Tennisplätze, Golfplätze, Wassersportangebote, Bergbahnfahrten etc.) können verfügbar gemacht werden, sofern das Kontaktgebot überschaubar ist. Verkehrsströme und potenzielle Menschenansammlungen in und um die touristischen Ziele müssen weiterhin genau beobachtet werden".

Phase 3: Ist die Pandemie bewältigt (z. B. durch einen Impfstoff), wird die vollständige Öffnung des Marktes ohne weitere Beschränkungen wieder möglich.

3. Finanzielle Unterstützungsmaßnahmen - Zielgerichtet

Die Staatsregierung und der Bund haben mit Kurzarbeitergeld, Steuerstundungsmöglichkeiten, Kreditprogrammen u. ä. erste Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft ins Leben gerufen. Stöttner fordert darüber hinaus weitere Konjunkturhilfe, da die Tourismusbranche noch lange unter den Folgen der Pandemie leiden wird. Außerdem müsse ein Mietverzicht der Immobilienwirtschaft zur Abwendung von drohenden Insolvenzen im Einzelfall in Betracht gezogen werden.

4. Auf erreichbare Märkte konzentrieren, neue Zielgruppen in Blick nehmen

Klaus Stöttner: „2020 wird kein Jahr der Fernreisen. Umso mehr können wir nun Gästen aus ganz Deutschland, die sonst Fernreisen gewählt hätten, die einzigartige Schönheit und Lebensfreude Bayerns präsentieren". Stöttner rät, die Zeit bis zum Beginn der Sommerferiensaison Ende Juni zu nutzen, um die touristische Infrastruktur und die Verkehrsinfrastruktur  auf Gäste aus den anderen Bundesländern vorzubereiten und Marketingkampagnen zu starten. "Wenn das Infektionsgeschehen im Griff ist, kann auch der grenzüberschreitende Tourismus mit unseren unmittelbaren Nachbarn einbezogen werden".

Die Betriebe und Unternehmer sollten die Krisensituation auch als Chance begreifen und mit spezifischen Tourismusangeboten neue Zielgruppen erschließen. Stöttner denkt da etwa an naturnahe Auszeit für Familien, die über Wochen unter den leider notwendigen Ausgangsbeschränkungen daheim miteinander gelebt, gearbeitet und gelernt haben, oder an spezielle Angebote für die „Best-Ager“, die der Corona-Risikogruppe angehören. Die Verbände könnten zu einem Ideenwettbewerb  aufrufen und Möglichkeiten für einen Best-Practice-Austausch bieten - Stöttner: "Das kann zu einem weiteren Innovationsschub für den bayerischen Tourismus führen".

5. Frühwarnsystem für die Gesundheit – auf Kurs bleiben!

Die bayerische Politik hat bewiesen, dass sie schnell und entschlossen reagieren kann. Trotzdem brauchen wir ein sehr feines Frühwarnsystem und einen engen Dialog mit der ganzen Branche. Stöttner: "Für uns ist klar: das Tourismusland Bayern lebt von seinem guten Ruf für familienfreundlichen, nachhaltigen und vor allem gesunden Tourismus. Wir müssen alles dafür tun, um diese Dinge auch nachhaltig zu untermauern, damit wir nicht hinterher gegen ein Negativ-Image ankämpfen müssen. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.

Die Krise hat gezeigt: Bayerns Hoteliers und Wirte und ihre Partner sind in diesen unsicheren Zeiten der Pandemie kreativ wie nie zuvor. Die Notwendigkeit der unternehmerischen Neuorganisation hat hier ein neues Bewusstsein geschaffen, die Kraft für Eigenverantwortung und Innovation geweckt – eine Krise kann auch Chancen bieten. Lasst sie uns nutzen!“

Autor: Silke Franke

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Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
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