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Interview mit Dr. Bernd Rosenbusch, Geschäftsführer MVV
Mit Respekt und Vorfreude

100 Millionen Fahrgäste pro Jahr - Tendenz steigend: der neue Geschäftsführer des MVV steht vor großen Aufgaben. Das sind seine Pläne für den ÖPNV im Großraum München.

Dr. Bernd Rosenbusch (45) ist seit Anfang Oktober 2018 Geschäftsführer des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes (MVV). Nach Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mannheim und der dort anschließenden Promotion begann Rosenbusch 2001 beim Personenverkehr der Deutschen Bahn AG in der Strategieabteilung und wurde 2003 Abteilungsleiter für Preis- und Erlösmanagement bei der DB Regio AG. Von dort wechselte er 2006 als Marketingleiter zu DB Regio Bayern. 2015 begann er als Vorsitzender und kaufmännischer Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn GmbH und der Bayerischen Regiobahn GmbH und führte die Tätigkeit drei Jahre aus. Am 1. Oktober 2018 übernahm Dr. Rosenbusch die MVV-Geschäftsführung.

Dr. Bernd Rosenbusch (45) ist seit Anfang Oktober 2018 Geschäftsführer des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes (MVV). Nach Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mannheim und der dort anschließenden Promotion begann Rosenbusch 2001 beim Personenverkehr der Deutschen Bahn AG in der Strategieabteilung und wurde 2003 Abteilungsleiter für Preis- und Erlösmanagement bei der DB Regio AG. Von dort wechselte er 2006 als Marketingleiter zu DB Regio Bayern. 2015 begann er als Vorsitzender und kaufmännischer Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn GmbH und der Bayerischen Regiobahn GmbH und führte die Tätigkeit drei Jahre aus. Am 1. Oktober 2018 übernahm Dr. Rosenbusch die MVV-Geschäftsführung.

©HSS

HSS:  Sehr geehrter Herr Dr. Rosenbusch, Sie haben im Herbst des vergangenen Jahres Ihr Amt als MVV-Geschäftsführer von Alexander Freitag übernommen, der den MVV 20 Jahre lang geführt und geprägt hat. Der MVV transportiert heute mehrere Hundert Millionen Menschen jährlich zur Arbeit, nach Hause, zum Arzt oder zum Sport. Mit welchem Gefühl tritt man eine derart verantwortungsvolle Aufgabe an?

Dr. Rosenbusch: Mit Respekt und Vorfreude. Das Thema Mobilität beschäftigt mich seit fast 20 Jahren. Bisher war ich immer auf der Seite der Verkehrsunternehmen, nun ist es umso spannender für mich, auf der Seite der Aufgabenträger und Verbünde den Markt gestalten zu können.

HSS: Bevor wir über zukünftige Herausforderungen sprechen, lassen Sie uns positiv beginnen. Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Unternehmen?

Die MVV GmbH ist ein Unternehmen mit engagierten Mitarbeitern, die ein sehr hohes Fachwissen haben und damit die Mobilität wirklich verändern wollen. Wir sind Teil der Region, haben eine spannende Schnittstelle zwischen Politik und Verkehrsunternehmen – und dadurch eine sehr abwechslungsreiche Arbeit. Mir haben die ersten neun Monate im neuen Job mit den Mitarbeitern, und auch die Zusammenarbeit mit der Politik, viel Spaß gemacht.

HSS: Nun zur anderen Seite der Medaille. Kaum jemand der hier lebt oder arbeitet, hat nicht sein persönliches Negativerlebnis mit dem öffentlichen Nahverkehr: Verspätete S-Bahn, überfüllte U-Bahn, fehlende oder gar keine Informationen. Was empfinden Sie bei derartiger Kritik?

Ich habe ja zunächst nach dem Studium bei der Deutschen Bahn und zuletzt drei Jahre bei der Bayerischen Oberlandbahn gearbeitet, daher kenne ich Kritik und nehme sie ernst. Was mir aber wichtig ist: Jeder Mitarbeiter, bei den Eisenbahnunternehmen, bei der MVG und dem MVV, arbeitet für eine gute Qualität. Keiner arbeitet an Verspätung. Und jeder in unserer Branche leidet mit den Kunden mit, wenn es nicht klappt. Leider baden wir aktuell das aus, was in den letzten Jahren an Infrastrukturinvestitionen – auch aufgrund von Sparzwängen des Staates – versäumt wurde. Aber das darf der Fahrgast nicht ausbaden müssen. Wir müssen daran arbeiten, auch mit der vorhandenen Infrastruktur einen guten Betrieb zu leisten. Ich glaube, da wird sich in den nächsten Jahren noch mal einiges verbessern. Und in 2023 soll es ja endlich auch ein neues Stellwerk München Ost geben.

HSS: Stichwort zukünftige Entwicklungen. München wächst und dehnt sich aus, der Zuzug ist ungebrochen. Eine Umkehr dieses Trends ist nicht in Sicht. Wie reagiert der MVV?

Eins wird beim Blick auf den Stau vor der Tür klar: So wie bisher wird es mit dem Verkehr im Großraum München nicht weitergehen können. Es wächst ja nicht nur die Stadt, es wächst der gesamte Großraum bis zur österreichischen Grenze. Wir wollen daher Möglichkeiten für den Kunden schaffen, noch häufiger auf das Auto zu verzichten. Dafür arbeiten wir beispielsweise an einer Erweiterung des MVV-Raumes auf die umliegenden Landkreise – denn ein Verbund führt zu abgestimmten Fahrplänen zwischen Bus und Bahn, zu einem einheitlichen Ticket und modernen Vertriebssystemen sowie zu einer umfassenden Auskunft über alle Verkehre in Echtzeit. Und wir arbeiten gemeinsam mit allen Verkehrsunternehmen an einer Ausweitung des Angebots mit mehr Bussen und engeren Takten. Am Ende muss der öffentliche Verkehr fast so flexibel und einfach nutzbar sein wie das Auto. Daher steht für die nächsten Jahre unter anderem auch die Einführung eines elektronischen Tickets auf unserer Agenda: Einsteigen, Taste in der App drücken, aussteigen –und der Fahrpreis wird im Hintergrund automatisch berechnet.

HSS: Apropos elektronisches Ticket. Digitalisierung ist in aller Munde. Welche Rolle spielt zukünftig das Smartphone bei der Nutzung des MVV?

Heute schon können Sie MVV-Tickets einfach über eine App auf dem Smartphone kaufen. Auch der geplante e-Tarif wird in erster Linie Smartphone-basiert erfolgen. Die Auskunft in Echtzeit hat heute fast jeder in der Tasche – bevor ich zum Bahnsteig laufe, schaue ich nach, ob alles pünktlich ist; nicht mehr erst, wenn ich am Bahnsteig bin. Und bald werden wir über das Smartphone neben Fahrrädern auch Carsharing-Fahrzeuge in den Apps sehen und buchen können. Damit haben wir dann eine umfassende Mobilitätsplattform in München. Das Smartphone ist im ÖPNV quasi Verkaufsgerät, Reisebegleiter, Informationsagent und Preisrechner in einem. Es senkt die berühmte Einstiegshürde massiv. Bei aller Notwendigkeit zur Digitalisierung vergessen wir aber natürlich auch die Reisenden ohne Smartphone nicht. Fahrkarten-Automaten stehen weiterhin bereit und die Information durch die Busfahrer und Lokführer sowie analog am Bahnhof ist und bleibt wichtig als ergänzende Quelle. Ein weiterer, interner Schritt von uns ist es, die Blockchain-Technologie zu testen. Gerade für die Hintergrundsysteme wäre das eine Technologie, die die Abrechnung untereinander vereinfachen könnte. Ich bin gespannt, ob das klappt.

HSS: Der Bau der Zweiten Stammstrecke ist in vollem Gange: Im Januar haben am Hauptbahnhof die Bohrungen an den Bahnsteigen der Gleise 20 und 21 begonnen. Man liest seither immer mal wieder von Verzögerungen. Wie ist der Fahrplan auf dem Weg zur Zweiten Stammstrecke und gibt es aktuelle Probleme?

Alle Projektpartner haben sich ja nun auf eine Verschiebung um zwei Jahre und dafür auf umfangreiche Projektergänzungen geeinigt. Ich glaube, das ist der richtige Weg.

HSS:  Die Gesellschafterversammlung des Münchner Verkehrsverbundes (MVV) hat Ende 2018 die lange geplante Tarifreform endgültig beschlossen. Die Reform soll im Dezember 2019 in Kraft treten. Demnach wird die bisherige Einteilung in Zonen, Räume und Ringe durch eine einheitliche Sieben-Zonen-Regelung ersetzt. Was bringt die Reform dem Kunden?

In erster Linien werden die Fahrkarten billiger, im Durchschnitt um sieben Prozent. Und das Tarifsystem wird einfacher. Die große neue M-Zone ermöglicht die günstige Nutzung des ÖPNV in München und vielen umliegenden Gemeinden. Viele Fragen, die man sich heute beim Tarif stellt, werden wegfallen. Um die Nutzung für den Fahrgast noch weiter zu vereinfachen, arbeiten wir ja am elektronischen Tarif.

HSS:  Ganz privat: Nutzen Sie selbst den MVV und welche Rolle spielt das Auto in Ihrem Leben?

Ich fahre täglich mit der S-Bahn nach München, immer mit den MVV-Verkehrsmitteln zu Terminen. Nur in der Stadt nutze ich manchmal unser MVV-Dienstrad. Ich bin zweimal mit dem Auto ins Büro gefahren – nie wieder. Das ist für mich Zeitverschwendung. Es dauert länger und in der Bahn kann ich arbeiten. Ich steige in die S-Bahn, höre B5 aktuell über mein Handy und klappe den Laptop auf. Das Auto nutze ich nur noch, wenn es wirklich Sinn macht. Innerhalb des MVV macht Autofahren aber fast nie Sinn.

Dr. Rosenbusch, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Karl Heinz Keil, Institut für politische Bildung, Hanns-Seidel-Stiftung

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