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10-Jahres-Analyse
Welche Auswirkungen hat Corona auf Afrika?

Covid-19 grassiert auch in den Ländern Afrikas. Wie reagieren Wirtschaft und Sozialsysteme, wie können afrikanische Staaten resilienter gegen die Auswirkungen von Gesundheitskrisen werden und wie kann die Wirtschaft wieder wachsen? Unsere neue Studie gibt Auskunft.

  • 1,8 bis 5,3 Millionen zusätzlichen Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19
  • Rückgang der Staatseinnahmen in 2020: etwa 45 Milliarden US-Dollar
  • Corona-Auswirkungen auf Armutsentwicklung besonders schwerwiegend
  • Investitionen in Gesundheitssysteme, Infrastruktur und wirtschaftliche Transformation


Die neu erschienene Studie, finanziert von der Hanns-Seidel-Stiftung und Humanity United, befasst sich mit den Auswirkungen der COVID-Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent. Die Studie des Institute for Security Studies (ISS), Gordon Institute of Business Science (GIBS) und des Frederick S. Pardee Center for International Futures beleuchtet auch, wie die Länder ihre Krisenresilienz stärken und das Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln können.

Die Studie kommt zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt. Es ist die erste umfassende Langzeitprognose zu den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie in Afrika bis zum Jahr 2030", sagte Markus Ferber, HSS-Vorsitzender und Mitglied des Europäischen Parlaments. "Afrika wird von den Folgen der Pandemie extrem hart getroffen. Die Krise bietet aber auch die Chance für eine nachhaltige wirtschaftliche Transformation. Diese Erkenntnisse sind wertvoll für den EU-Afrika-Gipfel im Oktober. Es liegt auch im eigenen Interesse Europas, Afrika bei seinem Krisenmanagement zu unterstützen".

Wenn die Bruttoinlandsprodukte sinken, steigt der Anteil der Entwicklungshilfegelder am BIP und damit die Abhängigkeit vieler afrikanischer Länder von internationalen Geldgebern.

Institute for Security Studies, Southafrika (ISS)

1,8 bis 5,3 Millionen zusätzlichen Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19

Viele Menschen in Afrika leben in informellen Siedlungen, Townships und Slums. Dort ist die Einhaltung räumlicher Distanz schwierig, was Afrika möglicherweise besonders anfällig  für die Ausbreitung des COVID-19 Virus macht. Diese Situation wird durch den begrenzten Zugang zu sauberem Wasser, Unterernährung, fragile Gesundheitssysteme und Vorerkrankungen wie Tuberkulose und HIV/AIDS verschärft. Dennoch sind die Sterblichkeitsraten von COVID-19-Erkrankten bisher deutlich niedriger als in anderen Weltregionen, was womöglich auf die vergleichsweise jüngere Bevölkerung in vielen afrikanischen Ländern zurückzuführen ist. Auch wenn die Infektionsraten stetig steigen, erwartet die Studie weiterhin eine vergleichsweise relativ geringe Sterblichkeitsrate. Im Jahr 2020 könnten zwischen 350.000 und 1.450.000 zusätzliche Todesfälle in Afrika auf COVID-19 zurückzuführen sein, in der darauffolgenden Zeit wahrscheinlich aber viel weniger.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die direkt und indirekt mit COVID-19 im Zusammenhang stehende Sterblichkeit bis 2030 zu schätzungsweise 1,8 bis 5,3 Millionen zusätzlichen Todesfällen in Afrika führen könnte. Momentan sterben jedes Jahr etwa 700 000 Afrikaner an AIDS und beinah genauso viele Menschen an Malaria.

Die indirekten Sterblichkeitsraten, die im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Auswirkungen auftreten werden, sind vor allem auf zukünftig geringere Staatseinnahmen und entsprechend niedrigere Gesundheitsausgaben zurückzuführen. Bei der Bekämpfung von Ebola in Guinea, Liberia und Sierra Leone führte die Umschichtung von Ressourcen von der Grundversorgung hin zur Infektionsbekämpfung von 2014 bis 2016 zu einer Verknappung der medizinischen Grundversorgung und damit zu einem Anstieg von Todesfällen durch Malaria, HIV/AIDS, Tuberkulose sowie einer Zunahme der Müttersterblichkeit. Sollte dies im Zuge der COVID-19 Pandemie ebenfalls geschehen, könnten die Todesraten durch HIV, Tuberkulose und Malaria innerhalb der nächsten fünf Jahre um bis zu 36 Prozent zunehmen.

Rückgang der Staatseinnahmen in 2020: etwa 45 Milliarden US-Dollar

Die Staatseinnahmen in Afrika werden im Jahr 2020 im Vergleich zu den vor COVID prognostizierten Einnahmen um schätzungsweise 45 Milliarden US-Dollar zurückgehen. Die Autoren der Studie berechnen, dass öffentliche und private Gesundheitsausgaben auf dem Kontinent voraussichtlich um 3,7 Milliarden US-Dollar sinken werden. Eine wirtschaftliche Erholung wird nur allmählich erfolgen, nachdem die Lockdown-Beschränkungen vollständig aufgehoben wurden. Der prognostizierte Einbruch der Steuereinnahmen und Haushaltseinkommen sowie Anstieg der Arbeitslosenzahlen erschweren die Lage.

Der Rückgang der Wirtschaftsleistung wird durch die hohe Verschuldung vieler afrikanischer Länder noch verstärkt. Die Kosten, die Schulden zu bedienen, sind auf etwa 40 Milliarden US-Dollar jährlich gestiegen; die Abwertung vieler afrikanischer Währungen im Jahr 2020 verteuert die Kredite weiter. Die COVID-19 Pandemie wird somit wahrscheinlich eine Schuldenkrise und möglicherweise einen Zahlungsverzug oder gar Zahlungsausfall einiger Länder auslösen.

Es ist zu erwarten, dass die Schulden im Jahr 2020 durchschnittlich um etwa 4,4 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen werden. Ein Aufschub oder Schuldenerlass wären daher wirksame Mittel, um die Anstrengungen afrikanischer Länder bei der Pandemiebekämpfung zu unterstützen und zur Erholung afrikanischer Volkswirtschaften beizutragen, schreiben die Autoren der Studie.

Die Verringerung des Bruttoinlandsprodukts wird wahrscheinlich zu einem Anstieg des Anteils von Entwicklungsgeldern am BIP führen. Die Länder Afrikas werden in den kommenden Jahren stärker auf Auslandshilfen angewiesen, und Regierungen mit dem Dilemma konfrontiert sein, Investitionen ankurbeln und gleichzeitig öffentliche Ausgaben begrenzen zu müssen.

Corona-Auswirkungen auf Armutsentwicklung besonders schwerwiegend

Die Auswirkungen von COVID-19 auf die Armutsentwicklung in Afrika sind besonders schwerwiegend. Bereits in diesem Jahr wird das Einkommen von weiteren 12 Millionen Afrikanern unter die extreme Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar am Tag fallen; im Jahr 2021 wird diese Zahl auf bis zu 26 Millionen Menschen ansteigen. Bereits vor COVID musste davon ausgegangen werden, dass im Jahre 2030 noch etwa 570 Millionen Afrikaner in extremer Armut leben werden. Diese Zahl könnte nunmehr durch die Folgen der Pandemie auf 631 Millionen ansteigen.

Außerdem wird der Anteil unterernährter Menschen zunehmen, die Kindersterblichkeit wird 2030 dreimal höher sein als die in den UN-Entwicklungszielen festgelegte Rate.

Investitionen in Gesundheitssysteme, Infrastruktur und wirtschaftliche Transformation

Über die Krisenpolitik zur Bekämpfung der Pandemie hinaus besteht die Notwendigkeit, die Widerstandsfähigkeit zu stärken und die langfristigen Wachstumsaussichten zu verbessern. Gezielte und effektive Investitionen in Gesundheitssysteme, Basisinfrastruktur und wirtschaftliche Transformation könnten hierzu beitragen.

Im Zuge der Urbanisierung sind Afrikas informelle Siedlungen rapide gewachsen, ohne die grundlegende Infrastruktur zu haben, um den großen Zustrom von Menschen, zusätzlich zum natürlichen Bevölkerungswachstum, zu bewältigen. Es wird prognostiziert, dass sich die Stadtbevölkerung in Afrika bis 2050 mehr als verdoppeln wird. In anderen Worten: 800 Millionen mehr Menschen werden in Afrikas Städten wohnen. Die Pandemie bietet den afrikanischen Ländern nunmehr die Chance, die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zu einem Schwerpunkt ihres wirtschaftlichen Aufbauprogrammes zu machen und hierbei gleichzeitig eine Reihe von Entwicklungsindikatoren zu verbessern.

COVID-19 könnte darüber hinaus die Digitalisierung beschleunigen und den Technologiesprung hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft – basierend auf erneuerbaren Energien – befördern. Moderne Technologie kann dabei helfen, einen Großteil der bestehenden grundlegenden Infrastrukturlücke auf dem Kontinent zu überwinden. Eine Kombination von „Smart Metering“, „Big Data“, Geolokalisierung und dem „Internet of Things“ kann dazu eingesetzt werden, intelligente Stromnetze und „Solar Home Systems“ einzurichten, Sanitäreinrichtungen und Wasserstellen zu kartographieren, das Verkehrsaufkommen abzuschwächen und Abfall zu entsorgen.

Nicht zuletzt unterstreicht die COVID-19 Pandemie einmal mehr die Bedeutung eines beschleunigten wirtschaftlichen Strukturwandels in Richtung eines arbeitsplatzintensiven Wachstums der formellen Sektoren. Genauso wichtig wäre die wirtschaftliche Diversifizierung weg von der Abhängigkeit von Rohstoffen. 

Kontakt
Leiter: Thomas Reiner
Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Leiter:  Thomas Reiner
Telefon: 089 1258-500
E-Mail: Reiner-T@hss.de
Projektleiter: Hanns Bühler
Südafrika
Projektleiter:  Hanns Bühler