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Corona in Südafrika
Risiko sozialer Unruhen nie größer

Das Land am Kap wird schwer von der Corona-Pandemie getroffen. Die Kreditwürdigkeit sinkt auf "Ramsch"-Niveau, internationale Investoren ziehen Gelder ab und in der Bevölkerung, die ohnehin mit HIV und Tuberkolose zu kämpfen hat, wächst die Unruhe. Im Interview erklärt ein Finanzexperte die Situation.

Seit dem 27. März 2020 gilt eine 21-tägige umfangreiche Ausgangssperre (siehe Bericht vom 09.4.2020) im Land. Mit dem “Lockdown” reagierte Südafrika frühzeitig auf die Corona-Pandemie. Die umfangreichen Maßnahmen haben das öffentliche Leben und die südafrikanische Wirtschaft größtenteils zum Erliegen gebracht. In seiner Rede vom 22. April 2020 hat Präsident Cyril Ramaphosa ein 25 Milliarden-schweres Konjunkturpaket angekündigt (10 % des BIP), um das wirtschaftliche Überleben Südafrikas und seiner Bewohner zu sichern.

Welchen – auch langfristigen - Einfluss haben Covid-19 und die Lockdown-Maßnahmen auf die Wirtschaft des Landes und wie ist das umfangreiche Rettungspaket zu bewerten? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sprach die Hanns-Seidel-Stiftung Südafrika mit Nathaniel Micklem, Portfolio Manager bei Ninety One, einem weltweit agierenden Vermögensverwalter.

HSS: Herr Micklem, welchen Einfluss hat COVID-19 auf die wirtschaftliche Entwicklung weltweit?

Nathaniel Micklem: Die COVID-19 Pandemie ist eine sich immer weiter entfaltende Tragödie, die in kurzer Zeit weltweit eine große Zahl an Menschenleben gefordert hat und deren volles Ausmaß wahrscheinlich erst in den kommenden Monaten deutlich werden wird. COVID-19 wird unsere Art zu leben, zu arbeiten sowie miteinander und mit unserer Umwelt zu interagieren nachhaltig beeinflussen. Die Ausbreitung und der Versuch der Eindämmung des Virus haben die Weltwirtschaft in eine Rezession gestürzt, wie es sie bisher nicht gegeben hat.

Wirtschaftliche Rezessionen (z.B. die globale Finanzkrise von 2008) führten im Durchschnitt zu einer Verringerung des BIP um etwa 5%. Die Folgen für die Volkswirtschaften sind immens, da viele Länder in Schuldenfallen geraten, Unternehmen geschlossen und liquidiert werden und Menschen in großem Umfang Arbeitsplätze und Einkommen verlieren. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Rezession in Folge der COVID-19 Krise durch die weitgehende Einstellung des nationalen und internationalen Handels sowie der Mobilität noch viel schlimmer auswirken wird und wir möglicherweise einen weltweiten Rückgang des BIP um 7% - 10% erleben werden. Verschiedene Regierungen versuchen bereits, die negativen Folgen durch Konjunkturprogramme für ihre Wirtschaften zu mildern. Dies wird zwar in den kommenden Wochen hilfreich sein, es ist jedoch fraglich, ob dies angesichts der engen Verflechtung der Weltwirtschaft auf lange Zeit ausreichend sein wird.

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Nathaniel Micklem ist Portfoliomanager bei Ninety One, einem weltweit agierenden Vermögensverwaltungsunternehmen. Sein Verantwortungsbereich sind afrikanische Credit-Fonds und Investitionen in Großunternehmen in Süd- und Gesamtafrika, u.a. im Namen von deutschen und anderen internationalen Investoren.

Nathaniel Micklem

HSS: Welche kurzfristigen Folgen hat COVID-19 auf die Wirtschaft Südafrikas?

Diese Krise hat die südafrikanische Wirtschaft zu einem sehr prekären Zeitpunkt getroffen. Die Staatsverschuldung liegt bei über 70% des BIP, die ­­­­­Zinsen auf die Schulden sind sehr hoch. Dennoch hat die Regierung der Rettung von Menschenleben Priorität eingeräumt und eine weitgehende Lahmlegung der Wirtschaft in Form eines “Lockdowns” angeordnet. Fast alle Unternehmen waren gezwungen zu schließen. Trotz der finanziellen Unterstützung durch die Regierung und finanzieller Spielräume, die die Banken Unternehmen eingeräumt haben, werden viele die Krise nicht überstehen. Selbst die großen und mittleren Unternehmen, die überleben, werden wahrscheinlich Arbeitsplätze abbauen müssen. Das bedeutet einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und infolgedessen geringere Umsätze für die Unternehmen - ein wirtschaftlicher Teufelskreis. Die Kosten für Kredite werden für die Regierung und Unternehmen voraussichtlich um ca. 4% steigen: Gleichzeitig wird die Schwäche des südafrikanischen Rands (25% Abfall auf derzeit 20,28 Rand zum Euro) zu einer Verteuerung von Importen führen, trotz des aktuell niedrigen Ölpreises.

HSS: Und langfristig?

Die wahrscheinlichste Folge dieser Rezession wird sein, dass Südafrika seine finanzielle Unabhängigkeit verliert. Das Land wird die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft benötigen, um seinen Finanzhaushalt zu regeln und seine Schulden zu bedienen. Die Fähigkeit des Landes, der Rezession aus eigener Kraft zu entwachsen, oder seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinen Gläubigern ohne Hilfe nachkommen zu können, ist fraglich. Eine Möglichkeit wird darin bestehen, bei Institutionen wie dem Internationalen Währungsfond Zugeständnisse in Hinblick auf die Finanzierung und die Liquidität zur Erfüllung seiner Verpflichtungen zu beantragen. Trotz des globalen Finanzmarktes und politischer Turbulenzen scheint dies der sicherste Weg aus der Krise zu sein. Allerdings wäre dies an Bedingungen hinsichtlich der Verausgabung des Staatshaushalts geknüpft, was unweigerlich zur Erhöhung des sozialen Drucks aufgrund der ohnehin sehr hohen Arbeitslosenquote im Land führen würde.

HSS: Wie könnte sich das sozio-ökonomisch auswirken?

Seit Anfang der 90er Jahre war das Risiko sozialer Unruhen nie größer. Die Arbeitslosigkeit wird höchstwahrscheinlich ein bisher nie dagewesenes Ausmaß annehmen. Gleichzeitig können Sozialleistungen nicht für unbegrenzte Dauer gewährt werden, ohne dass dies schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte.

Zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten kommt hinzu, dass die Bevölkerung des Landes angesichts der Verbreitung von HIV und Tuberkulose einem größeren Risiko in Bezug auf COVID-19 ausgesetzt sein könnte. Dem Land steht eine außergewöhnlich schwierige Zeit bevor, die an den Präsidenten als Krisenmanager besonders hohe Anforderungen stellt. Doch in der Krise steckt auch die Chance, dass sich Cyril Ramaphosa als die richtige Führungsperson erweist. Letztendlich wird es darauf ankommen, dass die Menschen Südafrikas zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, wenn sie soziale Unruhen vermeiden wollen.

HSS: Was bedeutet dies für Südafrika als Zielland internationaler Investoren?

Südafrikas Kreditwürdigkeit ist nun von allen drei großen internationalen Rating-Agenturen auf “Ramschstatus” herabgesetzt worden. Viele Investoren haben daher nicht mehr die Möglichkeit, südafrikanische Staatsanleihen zu kaufen.

Seit einiger Zeit kommt es zu einer Kapitalflucht aus Schwellenländern (einschließlich Südafrika) hin zu den sicheren Investitions-Standorten in den USA und anderen entwickelten Volkswirtschaften. Es ist wahrscheinlich, dass die internationalen Investoren auch weiterhin vorsichtig sein werden, ihr Geld in Südafrika zu investieren, zumindest bis Südafrika bewiesen hat, dass es die Fähigkeit besitzt, die Pandemie erfolgreich zu bewältigen und seinen Haushalt in Ordnung zu bringen. Dies wäre mittelfristiges ein gutes Ergebnis. Jedoch besteht das Risiko, dass dies länger dauert als erwartet oder gar nicht geschieht. Historisch gesehen hat Südafrika Investoren attraktive Renditen geboten. Wir gehen davon aus, dass dies langfristig auch wieder der Fall sein wird. Bis dahin werden internationale Investoren ihre Investitionen eher nach opportunistischen Gesichtspunkten tätigen und starke Unternehmen bzw. Wirtschaftssektoren auswählen, die weniger von COVID-19 betroffen sind und im Markt aufgrund der langfristigen Nachfrage ihrer Produkte gut positioniert sind, etwa Telekommunikation, Pharmazeutika, Nahrungsmittel.

HSS: In der gestrigen Rede von Präsident Cyril Ramaphosa war die Rede von einem 500 Milliarden Rand schweren Konjunkturpaket. Was halten Sie davon?

Das angekündigte Konjunkturpaket in Höhe von 500 Milliarden Rand (ca. 25 Milliarden Euro), circa 10% des BIP, setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. 40% davon stellen Bankgarantien dar, die zur Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen bereitgestellt werden sollen. Weitere 40% sind für den Schutz von Arbeitsplätzen sowie als Einkommenshilfen für den Ausgleich von Steuererleichterungen für Unternehmen vorgesehen. Die übrigen 20% sollen direkt in das Gesundheitswesen und an die Kommunen (Gemeindeverwaltungen) fließen sowie für Sozialhilfeleistungen aufgewendet werden. Der Gesamtbetrag ist beträchtlich und scheint wohl überlegt zu sein. Allerdings ist unklar, in welcher Weise diese Gelder schnell und effizient ausgegeben werden können und woher die Gelder konkret kommen sollen. Nach den Andeutungen des Präsidenten wird es wahrscheinlich auf eine Kombination aus der Neuausrichtung des bestehenden Staatshaushaltes mit der Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und anderen Entwicklungsorganisationen hinauslaufen. Auch wenn auf diese Weise ein Konjunkturpaket angemessen geschnürt werden kann, wird Südafrika in den kommenden Jahren vor immensen Herausforderungen bei der Einziehung von Steuern und der Verwaltung seiner Schulden stehen.

HSS: Herr Micklem, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Uta Lehmann, HSS

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Südafrika
Projektleiter:  Hanns Bühler