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MSC 2024 - 60 Jahre Münchner Sicherheitskonferenz
Der Silberstreif am Horizont

Autor: Andreas von Delhaes-Guenther

Seit dem Start 1963 hat sich die Münchner Sicherheitskonferenz zur weltweit bedeutendsten Bühne für internationale Sicherheitspolitik entwickelt. Jedes Jahr im Februar besprechen hunderte Wissenschaftler, Politiker, Praktiker und andere Entscheidungsträger aus allen Teilen der Welt die Herausforderungen von heute und morgen. Heuer treffen sie sich zum sechzigsten Mal.

Politische Fragen können über die MSC (Munich Security Conference) auf höchster Ebene im geschützten Rahmen erörtert werden. „Wir versuchen in guten wie in schlechten Zeiten einen Beitrag zu leisten, dass die Welt sicherer wird, in dem wir Politiker, Militärs und Zivilgesellschaft zusammenbringen, damit sie im Gespräch herausfinden, wo es einen Silberstreif am Horizont gibt“, betont vorab der Konferenzleiter Christoph Heusgen.

Sein Vorgänger Wolfgang Ischinger formulierte es einst so: „Wo sonst trifft ein russischer oder amerikanischer Außenpolitiker auf so viele kluge Professoren? Und wo sonst können sich zum Beispiel die Außenminister eigentlich verfeindeter Länder informell treffen?“ Die Teilnehmer könnten sich ohne Protokoll austauschen, auf den Gängen, in kleinen Runden oder an der Hotelbar. So zählten die Organisatoren schon 2017 über 1.000 Hintergrundgespräche. Dabei richtet die MSC zusätzlich hochkarätig besetzte Veranstaltungen zu spezifischen Themen und Regionen aus.

Autos fahren von einem Rollfeld

50 Staats- und Regierungschefs werden zur MSC 2024 in München erwartet.

Panama Pictures; HSS; IMAGO

Geheimnisumwoben

Zum 60. Jubiläum werden in diesem Jahr vom 16. bis 18. Februar rund 50 Staats- und Regierungschefinnen und -chefs, mehr als 100 Ministerinnen und Minister sowie Vertreter vieler wichtiger internationaler Organisationen erwartet. Eine offizielle Teilnehmerliste gibt es erst kurz vor Beginn. Um sie wird immer viel Geheimniskrämerei gemacht. Eröffnen soll das Treffen aber UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Mit dabei sind auch Manfred Weber, Partei- und Fraktionsvorsitzender der Europäischen Volkspartei, Markus Ferber, MdEP und Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS), Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, und unter Umständen auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi.

Beim Side-Event „Women‘s Breakfast“ der HSS werden die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton und Staatsministerin Judith Gerlach erwartet. Weitere Side-Events der HSS drehen sich unter anderem um Herausforderungen regionaler und globaler Sicherheitsarchitekturen, die europäische Verteidigungsindustrie, Afrika, die US-Wahl sowie um Lieferkettensicherheit.

„Wir erwarten eine ausgesprochen bedeutsame Konferenz mit einem Schwerpunkt auf der Stärkung der regelbasierten internationalen Ordnung und der Einbeziehung einer breiten Koalition, um revisionistische Tendenzen und Aktionen auf der ganzen Welt zu überwinden“, schreibt die MSC. Es gehe aber auch wenige Monate vor der Europawahl um die geostrategische Rolle Europas. Weiter geht es etwa um den Krieg in der Ukraine, den Hamas-Terror und den Krieg in Gaza, die Herausforderungen des globalen Südens, Klimawandel – und Technologiewettbewerb. So wird auch die erste Roboter-Teilnehmerin „Sophia“ mit dabei sein.

Heusgen freundlich hinter einem Rednerpult

Botschafter Christoph Heusgen leitet seit 2022 die MSC. Vorher war er unter anderem Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen in New York. Zudem saß er im April 2019 und Juli 2020 dem UN-Sicherheitsrat vor.

Kuhlmann; MSC

Frieden durch Dialog

Ende November 1963 fand die erste Internationale „Wehrkunde-Begegnung“ mit rund 60 westlichen Teilnehmern statt, darunter auch Helmut Schmidt und Henry Kissinger. Von der Öffentlichkeit wurde die Tagung mitten im Kalten Krieg in den ersten Jahren kaum beachtet. Ihr Gründer, der frühere Wehrmachtsoffizier und Widerstandskämpfer Ewald Heinrich von Kleist (Leiter bis 1997), wollte mit der Konferenz zunächst nur dazu beitragen, Konflikte zu verhindern und die transatlantischen Beziehungen zu stärken.

Sein Nachfolger Horst Teltschik (Leiter 1999-2008), der frühere außen- und sicherheitspolitische Berater von Helmut Kohl, öffnete die Konferenz erst für Osteuropa und dann für die ganze Welt. "Am Anfang war das alles Ehrenamt", sagte Teltschik später. "Ich habe von meinem Schreibtisch daheim gearbeitet. Es gab keine Büroräume, wir hatten kein Personal.“ Auch thematisch erweiterte er den Begriff von „Sicherheit“ um die Aspekte Klima, Ernährung und Technologie. Von 2009 bis 2022 wurde die Konferenz vom ehemaligen deutschen Botschafter Wolfgang Ischinger geleitet.

Die MSC wird weitgehend von Sponsoren und Partnern finanziert. 1980 benannte man sich in Wehrkunde Tagung um, 1993 in Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik und 2009 dann in Münchner Sicherheitskonferenz. Die Konferenz fiel zwei Mal aus: 1991 wegen des Golfkriegs (voll durchgeplant wird sie trotzdem als 28. Konferenz gezählt) und 1997 aufgrund der fehlenden Nachfolge für von Kleist. Ihr Kernauftrag hat sich jedoch nie geändert, wie die MSC schreibt: „Eine Plattform für nachhaltige Debatten zu bieten und Frieden durch Dialog zu schaffen.“

Ein Elefant steht in einem recht engen Korridor

Das Jubiläum wird nicht nur während der Konferenz mit Kino, Konzert und Literatur gefeiert, sondern auch über eine Ausstellung zu 60 Jahren Münchner Sicherheitskonferenz im Amerikahaus in München illustriert.

MSC

Weltpolitik in München

Viele weltpolitische Ereignisse wurden auf der MSC kontrovers diskutiert, darunter der NATO-Doppelbeschluss 1979, das amerikanische Weltraumverteidigungsprogramm SDI 1985, die NATO-Mitgliedschaft eines wiedervereinigten Deutschlands 1990, der Anschlag von 9/11 und 2003 der Irakkrieg. Dabei kam es zum historischen Schlagabtausch zwischen Donald Rumsfeld und dem grünen Außenminister Joschka Fischer mit dessen Ausspruch: „Excuse me, I’m not convinced!“ Mittlerweile berühmt ist auch die aggressive Rede Wladimir Putins 2007, die er direkt nach Angela Merkel hielt, die noch von verbesserten Beziehungen zwischen NATO und Russland gesprochen hatte. Mit den USA als einziger Weltmacht sei es ab sofort vorbei, erklärte Putin. Wie Hohn muten heute seine Sätze von damals an: „Warum muss man jetzt, bei jedem beliebigen Vorkommnis, bombardieren und schießen? (…) Legitim ist eine Anwendung von Gewalt nur dann zu nennen, wenn ihr ein UNO-Beschluss zu Grunde liegt.“

Corona sorgte 2021 für eine „Special Edition“ mittels Videokonferenzen. Und nur vier Tage nach der Konferenz 2022 überzog Russland die Ukraine mit einem in Europa seit 1945 beispiellosen Angriffskrieg.

Proteste von Friedensbewegten gegen die Konferenz haben mittlerweile in Zahl und Heftigkeit nachgelassen. Auch hier hat der Ukrainekrieg teilweise ein Umdenken bewirkt. Heutzutage wird von weniger Menschen eher für oder gegen einzelne Gäste und Themen protestiert. Mehrere Tausend Polizisten werden dennoch zum Schutz der Konferenz im Hotel „Bayerischer Hof“ im Einsatz sein.

Sicher ist jedenfalls: Die MSC hat sich international einen Namen gemacht. Die University of Pennsylvania bezeichnet sie in einer Studie als beste „Think Tank Conference“ der Welt. 

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Redakteur: Andreas von Delhaes-Guenther
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