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30. Jahrestag der Freilassung von Nelson Mandela
Madibas große Fußstapfen

In Südafrika versucht Präsident Cyril Ramaphosa den Traum Nelson Mandelas zu verwirklichen. Zum Jubiläum der Freilassung "Madibas" sprach Ramaphosa offen über den Zustand des Landes, über Korruption, Misswirtschaft und soziale Missstände. Wird er die politische Kraft finden, diese Probleme wirksam anzugehen?

Präsident Cyril Ramaphosa stand schon vor 30 Jahren neben Nelson Mandela, als jener seine berühmte Rede an die Nation hielt und das Land mit sich selber zu versöhnen begann.

Präsident Cyril Ramaphosa stand schon vor 30 Jahren neben Nelson Mandela, als jener seine berühmte Rede an die Nation hielt und das Land mit sich selber zu versöhnen begann.

Distilled Photography; Nelson Mandela Foundation

Am 11. Februar 1990 wurde Nelson Mandela in Kapstadt aus dem Gefängnis entlassen – er war 27 Jahre von der Apartheid-Regierung inhaftiert gewesen, die meiste Zeit davon auf der berüchtigten Insel Robben Island. Gestern wurde der 30. Jahrestag der Freilassung von „Madiba" in Kapstadt feierlich begangen: Zeitzeugen kamen nach 30 Jahren wieder zusammen, Präsident Ramaphosa hielt eine Ansprache und auf öffentlichen Veranstaltungen, die auch von der Hanns-Seidel-Stiftung unterstützt wurden, wurde das Erbe "Madibas" diskutiert. Sie wurden von der Nelson-Mandela-Stiftung, einem langjährigen Partner der HSS, gemeinsam mit der Regierung des Landes, der Provinz Westkap und der Stadt Kapstadt ausgerichtet.

Nelson Mandela hatte unmittelbar nach seiner Freilassung vor 30 Jahren eine bahnbrechende Rede in Kapstadt gehalten. Weltweit folgten damals Millionen der Übertragung live im Fernsehen – die Welt jubelte und hielt den Atem an. Prägnante, kurze  Videos der Nelson-Mandela-Stiftung mit historischen Aufnahmen des bewegenden Tages und aktuellen Interviews vermitteln einen Eindruck der Ereignisse und persönlicher Erinnerungen daran.

Info:

Anlässlich des 30. Jahrestages von Mandelas Freilassung hat die Nelson-Mandela-Stiftung mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung in einer öffentlichen Podiums-Diskussion, „The New Prisons of Africa“, in Kapstadt den Umgang mit Mandelas Erbe kritisch reflektiert. Unter den hochkarätigen Gästen waren unter anderen Leymah Gbowee, Friedensnobelpreisträgerin aus Liberia, Opal Tometi, Mitbegründerin von #BlackLivesMatter, und Dr. Danai Mupotsa, südafrikanische Literaturwissenschaftlerin und Autorin. In der Diskussion wurden die erbarmungswürdige Zustände in vielen Gefängnissen Südafrikas kritisiert. Die von Mandela viel beschworenen Menschenrechte werden Insassen allzu oft nicht gewährt. Zur Sprache kam auch das „Gefangen-Sein“ in bedrückenden Lebensverhältnissen der Armut und sozialen Ungerechtigkeit. Die Sprecherinnen auf dem Podium - allesamt Frauen – nannten als Ursachen Korruption, schlechte Regierungsführung und den Mangel an ethischen Visionen in Institutionen. Beleuchtet wurde aber auch der individuelle und strukturelle Rassismus – ein Thema, das weit über Südafrika hinaus und leider auch in Deutschland von Bedeutung ist.

30 Jahre nach Mandelas Freilassung ist Südafrika das Land mit der weltweit größten Ungleichheit.

30 Jahre nach Mandelas Freilassung ist Südafrika das Land mit der weltweit größten Ungleichheit.

Distilled Photography; Nelson Mandela Foundation

Mandelas Freilassung verkörperte 1990 für Millionen weltweit den Sieg der demokratischen Kräfte in Südafrika und der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung, deren Boykott-Druck die Wirtschaft des Landes in die Knie zwang. In der historischen Rückschau wird deutlich, dass das Ende des Kalten Krieges maßgeblich mit dazu beigetragen hat. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem „Ende des Ostblocks“ in Europa wuchs auch der internationale Druck auf die Regierung De Klerks nochmals, den legendären Freiheitskämpfer und bekanntesten Häftling der Welt aus dem Gefängnis zu entlassen und das geächtete System der Apartheid zu beenden. Mit seiner Politik der großzügigen Versöhnung wurde Nelson Mandela wie kein anderer bald zum Hoffnungsträger für ein nicht-rassistisches, demokratisches Südafrika, und eine bessere Zukunft, auch und besonders für die jahrzehntelang unterdrückte mehrheitlich schwarze Bevölkerung.

In den ersten demokratischen Wahlen 1994 zum Präsidenten gewählt, übergab Nelson Mandela auf eigenen Wunsch nach einer Amtszeit und den nächsten Wahlen 1999 die Macht an seinen Nachfolger Thabo Mbeki. Er selbst setzte sich bis ins hohe Alter in zahlreichen Initiativen unermüdlich für Armutsbekämpfung, Entwicklung, verbesserte Bildung und eine Verständigung unter den Bevölkerungsgruppen ein. Nelson Mandela verstarb 2013 im Alter von 95 Jahren.

Das Land Mandelas steht 30 Jahre nach seiner Freilassung am Rande eines Abgrunds – die Wirtschaftskrisen spitzen sich zu, tägliche Stromabschaltungen verschlechtern die Aussichten weiter. 30 % der Bevölkerung und mehr als 50 % der Jugend sind arbeitslos. Südafrika verzeichnet die größte soziale Ungleichheit der Welt. Die Jahre der Präsidentschaft von Jacob Zuma (2009 – 2018) haben viele der Fortschritte der frühen Zeiten des „neuen Südafrika“ untergraben. Sie sahen ein gefährliches Anwachsen unermesslicher, weit verbreiteter Korruption, an der stellenweise auch international namhafte Unternehmen mit beteiligt waren, einen gekaperten Staat und den dramatischen Rückgang von Investitionen.

Der wirtschaftsliberale Präsident Cyril Ramaphosa, der seit Anfang 2018 im Amt ist und weithin als echter Demokrat, erfahrener Wirtschaftsfachmann und Reformer gilt, kann durchaus einige ermutigende Fortschritte verzeichnen, gerade wenn es um gelungene Neubesetzungen an der Spitze wichtiger Behörden geht. Der große Befreiungsschlag gegen die nach wie vor starke Fraktion der Zuma-Getreuen in seiner eigenen Partei, dem seit 1994 regierenden Afrikanischen Nationalkongress ANC, ist ihm jedoch bisher nicht gelungen. Eine ganze Reihe von ANC-Führern, denen Korruption und mangelnde Kompetenz vorgeworfen werden, sind auch im Kabinett vertreten und behindern die dringend notwendigen strukturellen Reformen in Partei und Regierung. Siehe hierzu auch die Wahlanalyse der HSS vom Mai 2019 und den aktuellen Sonderbericht der HSS aus Anlass des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Südafrika am 6. Februar diesen Jahres.

Nelson Mandela Foundation:

Die Nelson-Mandela-Stiftung, die Mandela selber gegründet hatte und die seit Jahren eine Partnerinstitution der Hanns-Seidel-Stiftung ist, versteht sich als Trägerin seines Erbes. Sie verwaltet seinen umfangreichen archivarischen Nachlass, erarbeitet Publikationen, richtet Dialogveranstaltungen aus und fördert die Zusammenarbeit zwischen Regierung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Die Stiftung richtet „Annual Lectures“ aus, um den gesellschaftlichen Diskurs anzuregen. Die Nelson-Mandela-Stiftung äußert sich offen regierungskritisch, wenn es darum geht, Korruption und Ineffizienz anzuprangern. Schon früh verurteilte sie den damaligen Präsidenten Jacob Zuma und forderte immer wieder öffentlich seinen Rücktritt. Im Umgang mit Mandelas Erbe verfolgt die Nelson-Mandela-Stiftung konsequent einen praktisch-kritischen Ansatz: ihr Gründer soll nicht idealisiert und auf einen Sockel gestellt werden. Es kommt ihr darauf an, den gesellschaftlichen Dialog zu fördern und die Vision ihres Gründers zu realisieren. In jüngerer Zeit muss sich die Stiftung mit linksradikalen Kräften wie den „Economic Freedom Fighters“ auseinandersetzen, die Mandelas Kurs der nationalen Versöhnung kritisieren und ihn gar als Verräter brandmarken wollen.

Ramaphosas Rede war kämpferisch, große Teile der Bevölkerung sind jedoch mittlerweile desillusioniert. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr für die notwendigen Reformen.

Ramaphosas Rede war kämpferisch, große Teile der Bevölkerung sind jedoch mittlerweile desillusioniert. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr für die notwendigen Reformen.

Distilled Photography; Nelson Mandela Foundation

Präsident Cyril Ramaphosa hielt am Nachmittag zum abschließenden Höhepunkt der gestrigen Veranstaltungen eine leidenschaftliche Rede - von demselben historischen Balkon in Kapstadt aus, von dem Nelson Mandela am Tag seiner Freilassung gesprochen hatte. Mandelas damalige Rede wird mitunter als „Geburtsstunde der Nation“ beschrieben. Aufrecht, ungebrochen und ohne jede Bitterkeit oder Rache hatte Mandela damals zu Einheit und Besonnenheit aber auch Wachsamkeit aufgerufen, um einen neuen Anfang für das Land zu ermöglichen. Die Rede gilt als wegweisend für die darauffolgenden Jahre, in denen es gelang, die real drohende Gefahr eines Bürgerkrieges zu bannen und in zähen multilateralen Verhandlungen demokratische Wahlen und eine international gepriesene Verfassung zu beschließen. Präsident Ramaphosa hatte damals, am 11. Februar 1990, als angesehener junger Gewerkschaftsführer und Mitglied des offiziellen Empfangskomitees unmittelbar neben Mandela gestanden. Gestern erinnerte er nun an diesen wahrhaft bewegenden Tag, an dem die Welt stillgestanden sei und Menschen in vielen Ländern vor Freude geweint hätten. Er schilderte seine Vorgeschichte und die Folgen und betonte, Mandela, der „Gefangene eines herzlosen Regimes“, sei nur aufgrund des opferreichen, heroischen Widerstandes im Land und des internationalen Drucks freigelassen worden – nicht, weil De Klerk plötzlich moralisch geworden sei.

Zugleich verlieh Ramaphosa in seiner Ansprache an diesem historischen Ort seiner Entschlossenheit Ausdruck, alles daran zu setzen, Mandelas Erbe auch gegen alle Widerstände umzusetzen. Er nahm in beinahe schonungsloser Kritik kein Blatt vor den Mund über die Versäumnisse der vergangenen Jahre, benannte die tiefen Krisen des Landes und mahnte, die Werte Mandelas müssten dringend zu neuem Leben erweckt werden. Ramaphosa warnte, grassierende Korruption, Kriminalität und soziale Übel drohten, die erreichten Fortschritte zunichte zu machen: „Die beschämenden Morde an Frauen und Mädchen, der Gestank von Korruption und der Missbrauch öffentlicher Gelder haben das Vertrauen der Bevölkerung untergraben und sie bedrohen die Errungenschaften der Demokratie“. Im Kampf gegen diese Übel kann er auf die Unterstützung der südafrikanischen Bevölkerung, der Zivilgesellschaft und weiter Teile der Wirtschaft zählen – in Umfragen ist er mit 64 % Unterstützung der bei weitem beliebteste Politiker. Die Tatsache, dass der große Rathausplatz in Kapstadt, der bei Mandelas Rede 1990 den Andrang Abertausender nicht fassen konnte, gestern für Ramaphosas Ansprache bei weitem nicht gefüllt war, zeigt aber wohl auch, dass die Bevölkerung zunehmend desillusioniert ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihm bei ihrem Besuch Anfang Februar wieder versichert, Deutschland und Europa stünden an seiner Seite – und dies mit der Unterzeichnung einer Reihe von bilateralen Abkommen bekräftigt, mit denen nachhaltige Entwicklung gefördert wird.

Es bleibt zu hoffen, dass Ramaphosa und die Reform-Kräfte die so dringend benötigten Fortschritte mit der gebotenen Entschlossenheit und Konsequenz bald erwirken können, um das Land auf einen besseren Weg zu bringen und den Traum Mandelas und seiner Erben am Leben zu erhalten. Anderenfalls wäre auch die Zukunft der nächsten Generationen schmerzhaft gefährdet.

Autorin: Karin April, HSS

Kontakt
Leiterin: Dr. Susanne Luther
Abteilung V: Institut für Internationale Zusammenarbeit
Leiterin:  Dr. Susanne Luther
Telefon: 089 1258-280
Fax: 089 1258-359
E-Mail: luther@hss.de
Südafrika
Projektmanagerin:  Karin April
Projektbüro Johannesburg