Print logo

Berufsbildungskooperation der HSS in China
Die anderen 50%

In China engagiert sich die Hanns-Seidel-Stiftung für eine bessere Qualität der Berufsausbildung. Unsere Zusammenarbeit etwa mit dem „Shanghai Technical Institute of Electronics and Information“ feiert nächstes Jahr 35jähriges Jubiläum.

  • In der 9. Klasse entscheidet sich: Berufs- oder Mittelschule?
  • Für eine bessere Berufsausbildung
  • Chinesische Delegation in München

Sogar in Deutschland sind sie schon durch die Medien gegangen, die Bilder von chinesischen Mittelschülern kurz vor der Aufnahmeprüfung für die Universitäten, der alles entscheidenden Gaokao. Bis zu hundert Schüler in einem Klassenzimmer, bis zu zwölf Stunden am Tag in der Schule. Wach bleiben um jeden Preis, im Extremfall auch mit Infusionen. Die Eltern stets zu Dienst, um mit vitaminreichem Essen und Rundumsorge die Lernleistungen ihrer Nachkommen zu unterstützen. Die Gaokao entscheidet ob ein Schüler in einer der Top-Universitäten studieren kann, ob man in Peking oder Shanghai Karriere machen kann, oder ob die Zukunft in einer zweitklassigen Universität in den abgelegenen Regionen des großen Landes weitergehen wird.

Ein Raum voller technischer Gerätschaften und Tischen für die Schüler

In Shanghai haben wir seit 2004 die Chinesisch-Deutsche Berufshochschule mit aufgebaut.

Harbrecht; HSS

In der 9. Klasse entscheidet sich: Berufs- oder Mittelschule?

Vergessen wird dabei oft, dass nicht alle Schüler in China die Chance haben, die Universitätsaufnahmeprüfung abzulegen. Bereits nach der 9. Klasse entscheidet eine Prüfung über die Schulung. Wer besteht geht auf eine akademische Mittelschule, die drei Jahre später mit der Gaokao endet. Wer nicht besteht geht auf eine Berufsschule, für viele Schüler und Eltern in China ein Horrorszenario.

Berufliche Bildung gilt als Bildung zweiter Klasse. Sie ist weniger wert als akademische Bildung. Das führt dazu, dass sich kein Schüler in China aus Interesse oder wegen einer Begabung für eine Berufsausbildung entscheidet, nur wer in der Prüfung zu schlecht abschneidet und keine andere Möglichkeit hat besucht eine Berufsschule. Dementsprechend ist es auch für Lehrer nicht attraktiv in Berufsschulen zu arbeiten. Die Schüler gelten allgemein als dumm und faul. Qualifizierte Berufsschullehrer wechseln oft in die Industrie, wo zusätzlich ein höheres Einkommen wartet. Auch Unternehmen haben in China wenig Interesse an Kooperationen mit Berufsschulen, weder Lehrer- noch Schülerressourcen sind attraktiv genug. Einfacher erscheint ein training-on-the-job von unqualifizierten Arbeitskräften. Die Folge ist, dass Berufsschulen oft nur eine minderwertige Bildung bieten und den Fachkräftebedarf des Landes nicht decken können. Gerade wegen dieses Fachkräftemangels setzt die Regierung die Quote des Bestehens in der entscheidenden Mittelschulprüfung auf rund 50% fest. Im Umkehrschluss heißt das, dass rund die Hälfte aller Jugendlichen in China auf einer Berufsschule landet. Die Mängel in der Berufsbildung haben also gravierende Auswirkungen auf die chinesische Gesellschaft und die Entwicklung des Landes insgesamt.

Ein Fertigungsroboterarm und zwei Sicherheitshelme

Gut ausgestattet: Am STIEI kommt praxisnah neueste Technik zum Einsatz.

Harbrecht; HSS

Für eine bessere Berufsausbildung

Die Hanns-Seidel-Stiftung fördert aus diesem Grund schon seit vielen Jahren die Entwicklung und Reform im chinesischen Berufsbildungsbereich. Sie unterstützt zum einen Berufsschulen und Berufsausbildungszentren in den Provinzen Gansu, Shandong, Hubei und Innere Mongolei, zum anderen hat sie mit dem Shanghai Technical Institute of Electronics and Information (STIEI) einen sehr zuverlässigen Partner in Ostchina mit dem sich die Partnerschaft 2020 zum 35. mal jährt.

Gemeinsam mit der Stiftung wurde am STIEI zuerst im Mittelschulbereich eine Ausbildung in Anlehnung an das deutsche Duale System implementiert. Anders als üblich verbringen die Schüler nicht zwei Jahre in der Schule und das letzte Jahr im Betrieb, sondern haben schon ab dem zweiten Lehrjahr Blockunterricht in einem bestimmten Ausbildungsbetrieb, der oft nach dem Abschluss ein Übernahmeangebot macht.

Auf der tertiären Bildungsebene war im beruflichen Bereich der Praxisanteil in China traditionell noch geringer als auf der Mittelschulebene. Auch hier wurde mit Unterstützung der Stiftung eine praxisnahe Ausbildung am STIEI eingeführt, an deren Ende die Schüler nicht nur den chinesischen Schulabschluss bekommen, sondern auch den Abschluss „Staatlich Anerkannter Techniker“ des Bayrischen Kultusministeriums und ein Ingenieur Assistent-Zertifikat der AHK Shanghai. Während der Ausbildung haben die Schüler Gelegenheit einen Schüleraustausch zu machen und die Dozenten der Schule werden regelmäßig von deutschen Berufsschullehrkräften fortgebildet.

Schulungsraum mit modernen Arbeitsplätzen

Kein Frontalunterricht: am STIEI werden neue handlungsorientierte Lernformen eingesetzt.

Harbrecht; HSS

Chinesische Delegation in München

Im Zuge der Reformen der Regierung im Berufsbildungsbereich wird langsam die Durchlässigkeit zwischen der Sekundarstufe und der tertiären Ebene verbessert. War es in der Vergangenheit in China unmöglich von einer Berufsmittelschule auf die tertiäre Ebene zu wechseln, gibt es jetzt immer mehr Möglichkeiten, bei guter Leistung die Berufsausbildung nach Abschluss der 12. Klasse weiter fortzusetzen. Das STIEI ist landesweit ein Vorreiter bei dieser Reform und das Kooperationsprojekt mit der Hanns-Seidel-Stiftung auf der tertiären Ebene ist so erfolgreich, dass das Ausbildungsangebot um eine neue Fachrichtung erweitert werden soll. Am 09. Dezember kam deswegen eine Delegation mit Vertretern des Fachbereichs Avionik nach Deutschland und besuchte die Hanns-Seidel-Stiftung und mehrere Berufsschulen in Augsburg, Pfaffenhofen und Erding. Schon bald sollen noch mehr Schüler die Gelegenheit haben in diesem praxisorientierten und international ausgerichteten Pilotprojekt eine Ausbildung zu machen.

Die Leistung der Hanns-Seidel-Stiftung beginnt im Kleinen, mit der Begegnung von chinesischen und deutschen Schülern. Sie erstreckt sich auf die Qualifizierung von Lehrern und die Unterstützung der Industrie durch die Bereitstellung von Fachkräften. Durch die Nachhaltigkeit des Engagements und die Vielseitigkeit der Ansätze haben diese Berufsbildungsprojekte aber auch eine große gesellschaftliche Wirkung. Berufsschüler bekommen erstmals Gelegenheit eine praxisnahe Ausbildung zu machen, in das Ausland zu reisen, sogar einen ausländischen Abschluss zu erlangen, und auch ohne Universitätsstudium Karriere zu machen. Ein erster und wichtiger Schritt um das Anfangs geschilderte Dilemma der chinesischen Berufsbildung zu durchbrechen und den anderen 50% der chinesischen Jugendlichen eine Perspektive zu öffnen.

Autor: Dr. Isabelle Harbrecht

Gruppenbild

Informationsbesuch im Landratsamt Augsburg. Wie wichtig ist die Flugindustrie für die Region?

Landratsamt Augsburg

Kontakt
Referat V/6: Nordost- und Zentralasien
Leiterin:  Dr. Isabelle Harbrecht
Telefon: 089 1258 326
Fax: 089 1258 359