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Frieden unmöglich? Die Religiösen im Nahostkonflikt

Einen tiefen analytischen Einblick in die religiös-politische Substanz der nahöstlichen Religionen und ihre Geschichte gab der Tübinger Religionswissenschaftler und Judaist Prof. Dr. Matthias Morgenstern vor rund 270 Teilnehmern am 5. März 2007 in Berlin. In einem Vortrag für die Hanns-Seidel-Stiftung wandte sich Morgenstern energisch gegen Stereotypen der politischen Diskussion, in denen die drei "abrahamischen" Religionen Judentum, Christentum und Islam von außen normativ instrumentalisiert würden. "Geradezu ärgerlich" nannte der Tübinger Judaist Versuche, die betroffenen Religionen zu Instrumenten des Friedens umzudeuten und damit gleichzeitig moralisierend zu bewerten.
Entscheidend in dieser Sichtweise tritt das Verhältnis der drei Religionen zum "Heiligen Land Israel" hervor ("Land-Theologie"). Christentum und Islam kennen im Gegensatz zum orthodoxen Judentum keinen religiösen Wert des Wohnens im Land Israel an sich, sondern allenfalls den Wert des Zugangs zu einzelnen religiösen Stätten. Schon der frühe Islam habe sein Zentrum nicht etwa von Damaskus nach Jerusalem, sondern nach Bagdad verlegt. Und selbst der säkularistische Zionismus habe noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts für einen britischen Vorschlag gestimmt, einen Judenstaat im heutigen Uganda zu errichten.

Entscheidend für die theologische Aufladung des Land-Begriffes sei erst der Sechs-Tage-Krieg von 1967 ("Sechs Tage!") als messianisches Erlebnis der Rückeroberung Ost-Jerusalems gewesen. Die daraus resultierenden theologisch-fundamentalistischen Erklärungsmuster führten aktuell beispielsweise in orthodox-jüdischer Sicht zu schweren Problemen beim Rückzug aus Gaza bzw. aus jüdischen Neusiedlungsgebieten auf der Westbank.
Gleichwohl unterstrich Morgenstern ungeachtet aller Gründe für friedenspolitischen Pessimismus im Nahen Osten auch Möglichkeiten, theologische Barrieren für einen Frieden zu überwinden. Weder die Heiligkeit des Landes im Judentum noch ein "Heiliger Krieg" im Islam seien absolute theologische Werte, sondern eine Frage der Hermeneutik beim Lesen der entsprechenden Texte. Insbesondere das orthodoxe Judentum kenne durchaus "Techniken" zur Neutralisierung religiös-militanter Texte, die zur Distanzierung beitragen könnten. Aus diesem bereits vor 1967 manifesten theologischen Spielraum leitete Morgenstern Möglichkeiten ab, dem mehrfach in der jüngeren Nahost-Geschichte bewährten Prinzip "Land für Frieden" eines Tages zum Durchbruch zu verhelfen.
Über die Veranstaltung wurde von der Katholischen Nachrichtenagentur KNA schriftlich und in einem ausführlichen Rundfunk-Beitrag für den Deutschlandfunk berichtet.

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