Kontakt
Referat II/4 Bildung und Erziehung
Paula Bodensteiner
Tel.: 089 1258-264 | Fax: -469
E-Mail: bodensteiner@hss.de
Publikationen
Aktuelle Veranstaltungen
Zum Sex gezwungen - und dann ...?! Wer hilft den Opfern von Frauenhandel?

- Prof. Ursula Männle, Staatsministerin a.D. und stv. Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung
"Zum Sex gezwungen - und dann ...?! Wer hilft den Opfern von Frauenhandel?" war das Thema der Tagung am 6. März 2008 in Würzburg, zu der die Hanns-Seidel-Stiftung mit den Kooperationspartnern Renovabis, dem Aktionsbündnis gegen Frauenhandel und dem Kolpingwerk Bayern in Würzburg geladen hatten. Bereits zum fünften Mal widmete sich diese von Fachleuten geschätzte Veranstaltungsreihe dem Themenkomplex des Frauenhandels, die insbesondere die Situation der Opfer von Zwangsprostitution und Frauenhandel beleuchtet.
Die Veranstaltung eröffnete die Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags, Staatsministerin a.D. und Vorstandsmitglied der Hanns-Seidel-Stiftung Barbara Stamm. Sie dankte dem "Aktionsbündnis gegen Frauenhandel", das durch seinen Einsatz, über die Grenzen von Konfessionen und Organisationen hinweg, ein richtiges "Netzwerk gegen den Frauenhandel" aufbauen konnte. Des Weiteren bedankte sie sich bei ihrer Landtagskollegin Prof. Ursula Männle, die vor Jahren dem "Aktionsbündnis" eine Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung angeboten hatte. Denn wichtig sei in das komplexe Thema des Frauenhandels die Politik einzubinden und das gesellschaftliche Bewusstsein für diese Problematik zu schärfen.

- "Frau Europas 2007" - die Journalistin Inge Bell
Auch Burkhard Haneke, Geschäftsführer von Renovabis, betonte die Wichtigkeit, die Gesellschaft für dieses Thema zu sensibilisieren, da dies der erste Schritt sei, um gegen dieses Unrecht vorzugehen. In diesem Zusammenhang dankte er im Namen der Kooperationspartner der Journalistin und Aktivistin Inge Bell die im Oktober 2007 zur "Frau Europas 2007" u.a. für ihr Engagement in dieser Sache gekürt wurde, für ihren Einsatz.
In einem Einführungsvortrag machte der Jurist vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, Dr. Michael Kilchling, deutlich, dass ein stimmiges Konzept für die Opfer von Frauenhandel fehle. Dabei verwies er auf das Zeugenschutzgesetzt von 1998 und auf das Opferrechtsreformgesetz von 2004. Es gebe in der Strafprozessordnung zwar einige Fortschritte, wie den "privilegierten Opfer-Anwalt" oder dass Opfer von Frauenhandel eine Vertrauensperson bei Vernehmungen hinzuziehen dürfen, das sei jedoch bei weitem nicht ausreichend. Auch liege im Bereich der Wiedergutmachung noch Vieles im Argen.

- Dr. Michael Kilchling (Foto: Renovabis)
Sehr beeindruckend für die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer war "Lauras Geschichte". Die aus Rumänien stammende Laura schilderte bewegend ihren Leidensweg von der Zwangsprostitution bis hin zu den Jahren ihres erlittenen Traumas. Durch die Möglichkeit einer posttraumatischen Behandlung ist sie in der Lage wieder ein normales Leben zu führen. Der Therapeut Dr. Bjoern Nolting von der LWL- Universitätsklinik in Dortmund, der auch Laura betreute, schilderte, welche traumatischen Folgen die erlebten physischen und psychischen Grausamkeiten bei Opfern von Frauenhandel haben können. Opfererfahrungen ließen oftmals das Selbst- und Weltverständnis zerbrechen und könnten einen Kontrollverlust und Autonomieverlust bedingen. Der "Fall Laura" stellt einen Idealfall der Traumatherapie dar, denn die Patientin konnte in mehrjähriger Behandlung ihre traumatischen Erinnerungen überwinden.
Vertreterinnen von Opferschutz- und Beratungsorganisationen (SOLWODI, JADWIGA) wiesen in diesem Zusammenhang jedoch zurecht darauf hin, dass keineswegs alle Opfer des Frauenhandels eine solche Chance erhielten, sehr oft scheitere eine wünschenswerte Behandlung an den Finanzen. Fragen nach Sozialleistungen, nach dem Aufenthaltsstatus und Verständigungsschwierigkeiten seien die primären Probleme der Opferbetreuerinnen. Die anwesenden Juristen betonten einhellig, dass im Prozess der Strafverfolgung geschulte Betreuerinnen und Betreuer außerordentlich wichtig für die persönliche Begleitung der Opfer sind.

- Prof. Adolf Gallwitz (Foto: Renovabis)
Prof. Adolf Gallwitz, Polizeipsychologe an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen, betonte, dass das Phänomen der Zwangsprostitution viel zu wenig bekannt sei und demzufolge zu wenig ernst genommen werde. Unterstützt würde dies von den geringen Fallzahlen der Statistiken der Strafverfolgungsbehörde, die sicherlich nicht der Realität entsprächen. Seiner Meinung nach hat das Prostitutionsgesetz ("Legalisierung der Prostitution") von 2002 Deutschland zu einem "Sextouristenland" gemacht.
Bei der Beurteilung der Prostitution als gesellschaftliches Phänomen betonte er des Weiteren, dass die Differenzierung von Legalisierung und Kriminalisierung des Sexgeschäftes zu kurz komme. Sein Wunsch an die Riege der Polizei und Richter war, neben beruflicher Distanz und Professionalität die Zeugin als Mensch und als Opfer wahrzunehmen; an die Politiker, auch dafür zu sorgen, dass die gemachten Gesetze umgesetzt werden und an die Gesellschaft ganz allgemein ehrlich zu sein, hinzuschauen und weniger Doppelmoral walten zu lassen.

- Staatssekretärin Melanie Huml (Foto: Renovabis)
Am Ende der Tagung konnte das Fachpublikum in einer Diskussion mit Melanie Huml, Staatssekretärin im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Frauen, unter der Moderation von Prof. Ursula Männle unterschiedliche Themen erörtern. Vorwiegend wurden finanzielle Aspekte der Opferbetreuung angesprochen. Weitere Themen waren die Freierbestrafung und Anfragen zu Änderungen im Prostitutionsgesetzt. Von Seiten der Staatssekretärin wurde eine sorgfältige Prüfung der Anfragen versprochen. Außerdem stellte sie ihr persönliches Engagement, sich für die Thematik des Frauenhandels einzusetzen in Aussicht.
Für Interessierte stehen die Reden von Landtagsvizepräsidentin Barbara Stamm, der Staatssekretärin Melanie Huml, der Vortrag des Therapeuten Bjoern Nolting sowie ein Tagungsbericht zum Download zur Verfügung.

- Laura (Foto: Renovabis)

- Dr. Bjoern Nolting (Foto: Renovabis)

Themen
