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Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 82: Homo Oecologicus, Menschenbilder im 21. Jahrhundert
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Stiftungspost Ausgabe 03 / 12
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Demographie als Faktor der Internationalen Politik

Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn

Am 22. April 2009 lud das Berliner Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in die Französische Friedrichsstadtkirche zum Vortrag des Bremer Gewaltforschers Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn ein. An diesem Abend stand die Frage im Mittelpunkt, inwieweit sich bestimmte demographische Strukturen auf das Konflikt- und Gewaltpotential von Gesellschaften auswirken können. Wie Ernst Hebeker, Leiter des Berliner Büros, bei seiner Einführung betonte, war es insbesondere Gunnar Heinsohn, der im deutschsprachigen Raum den Begriff des Youth Bulge mitgeprägt hat. Der Youth-Bulge-Ansatz erklärt zwischen- und innerstaatliche Gewaltausbrüche u.a. mit einer speziellen demographischen Struktur.

Das Phänomen des Youth Bulge bezeichnet eine überproportionale Ausstülpung an der Bevölkerungspyramide bei der Alterskohorte der 15- bis 24-Jährigen Männer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung (> 30-45  Prozent). Diese große Zahl von „überzähligen Söhnen“, die jung, erzogen und ernährt sind, aber aufgrund der rigiden Bedingungen einer traditionellen Gesellschaft als Zweit-, Dritt- oder Viertgeborene  keine Aussicht auf einen anerkannten Platz in der Gemeinschaft zu erwarten haben. Diese „überzähligen“ Söhne hungern nicht nach Brot, sondern nach Anerkennung und Status und sind im wahrsten Sinne des Wortes dafür auch bereit zu kämpfen. Denn während sich Nahrung, Bildung, Kleidung und medizinische Versorgung vergleichsweise schnell vermehren lassen, sind gehobene Positionen per definitionem nur begrenzt vorhanden.

Ausführlich legt Heinsohn seinen Ansatz vor dem Hintergrund der europäischen Kolonialgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg dar.

Erst die von den europäischen Machthabern willentlich herbeigeführte Bevölkerungsexplosion (durch „Verteufelung“ und Strafandrohung für die Hebammen) nach der Pestkatastrophe im 15. Jahrhunderte lieferte über Generationen hinweg Hunderttausende „überzähliger Söhne“, die als Soldaten für die überseeischen Eroberungen rekrutiert werden konnten. Diese demographische Asymmetrie gegenüber den indogenen Völkern sicherte die Überlegenheit der Europäer in Übersee und ohne nennenswerte Gefährdung der wirtschaftlichen Entwicklung zuhause. Mehr noch: Sie ermöglicht letztlich auch noch das Massentöten im Ersten Weltkrieg.

Aber auch mit Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit (El Salvador, Kolumbien oder der Elfenbeinküste) widerspricht Heinsohn der weit verbreiteten These, dass der Sieg über den Hunger in der Welt den Sieg über den Krieg bringe.

Auch religiöser Fanatismus ist für den Genozidforscher allein keine tragfähige Erklärung für Unruhen, Terror und Krieg. Religion fungiere allenfalls als ein möglicher „Brennstoff“ unter anderen, der ins Feuer des Youth Bulge gegossen werden kann, erläutert Heinsohn bildhaft. Religion entlastet in psychologischer Hinsicht den Kämpfenden, indem er sich in Gewissheit weiß, für eine wahrhaft gerechte Sache zu kämpfen. Dies gelte heutzutage genauso wie zu Zeiten der Kreuzritter.

Im zweiten Teil seines Vortrags beleuchtete Heinsohn auch die Bevölkerungsstrukturen im Mittleren Osten und den Staaten Iran, Irak, Palästina und Israel. In diesen Zusammenhang betonte Heinsohn, dass weniger das Handeln Israels für die Gewaltausbrüche in diesem Dauerkrisengebiet verantwortlich gemacht werden können als die Bevölkerungsentwicklung in den Nachbarstaaten Israels im Allgemeinen und in den Palästinenser Gebieten im Besonderen. Kritisch äußerte sich Heinsohn über die jahrzehntelange finanzielle Alimentierung der Palästinenser in den Flüchtlingsgebieten durch die europäischen Staaten. 

Im dritten Abschnitt beleuchtet Heinsohn die gegenwärtige globale Bevölkerungsentwicklung auf ihre Youth-Bulge-Gewaltpotentiale. Fest stehe, so Heinsohn, dass sich im 21. Jahrhundert die demographische Asymmetrie gänzlich zugunsten der Nicht-Europäischen Staaten auswirken werde mit entsprechend weit reichenden Auswirkungen für die europäischen Bemühungen zur Friedenssicherung. Bei aller technischen Überlegenheit stelle sich für die demographisch schrumpfenden NATO-Staaten die Frage: „Wie oft kann die NATO ihre einzigen Söhne oder einzigen Kinder in Todesgefahr schicken, um draußen zehn dritte und vierte Brüder vom Töten oder der Verschleierung ihrer Schwestern abzuhalten?“

Bereits jetzt sind die Bemühungen im Kampf gegen Terrorismus und der Stabilisierung von Afghanistan und Pakistan hiervon betroffen. Beide Staaten haben weltweit die größten Youth Bulges. Eine strategische Neuorientierung beim Umgang mit Youth-Bulge-Gewalt, so das Fazit Gunnar Heinsohns, ist unausweichlich.