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Referat III/6 Familie, Frauen, Senioren, Religion und Gesellschaft, Integration
Dr. Bok-Suk Ziegler
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Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Europa
Seit Beginn der 60er-Jahre wächst der Anteil der Muslime, vor allem türkischer Herkunft, in Deutschland stetig. Die erste Generation kam im Zuge der Arbeitsmigration, die zweite nach dem Anwerbestopp als “Familiennachzug”. Nach der neuen repräsentativen Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge leben mittlerweile 4,3 Mio. Muslime in Deutschland. Der Islam ist in Deutschland zur drittgrößten Religionsgemeinschaft nach den beiden großen christlichen Kirchen geworden. Gleichzeitig sind heute viele Muslime ihrem Glauben tiefer verbunden als Teile der Christenheit. Deshalb sind die säkularisierten Gesellschaften Europas, vor allem die deutsche Gesellschaft und Politik, dringend aufgefordert, durchdachte politische, gesellschaftliche und religiöse Konzepte und Handlungsstrategien zu entwickeln. Aus diesem Anlass veranstaltete die Hanns-Seidel-Stiftung vom 19. bis zum 21. März 2010 in Wildbad Kreuth ein Seminar zum Thema „Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Europa“.

- Islamwissenschaftler Carsten Polanz von der Universität Bonn
Im ersten Teil beschäftigte sich der Bonner Islamwissenschaftler Carsten Polanz ausführlich mit der Unterscheidung zwischen islamischen und christlichen Glauben sowie dem Islamismus, dem politischen Islam. Polanz sprach von der Höherordnung von Koran und islamischem Gesetz (Scharia). Dies bedeutet, dass in den islamischen Ländern Menschenrechte an sich, losgelöst von den religiösen Werten der islamischen Offenbarung, tatsächlich nicht existieren. Innerhalb des vom Koran und vom islamischen Gesetz gesteckten Rahmens können sie jedoch gewährt werden.
Dem säkularisierten Europäer, geprägt von Aufklärung und der Trennung von Kirche und Staat, fällt es entsprechend schwer, nachzuvollziehen, dass in einem Land die Richtlinien für Politik, Wirtschaft und das private und öffentliche gesellschaftliche Leben stark von religiösen Werten vorgegeben werden. Islamische Menschenrechtserklärungen gleich welcher Art behalten stets bei, dass die islamische Religion die oberste Autorität darstellt. Sie können daher nur insofern Menschenrechte garantieren, wie der Islam geachtet und seine Prinzipien nicht verletzt werden. Das bedeutet gleichzeitig die Beschränkung der Rechte aller Nichtmuslime. Daher gilt: Rechte im vollen Umfang genießt im islamischen Gebiet nur der Muslim, denn er ist staatsloyaler Bürger. Nichtmuslime haben verminderte Rechte, sind Bürger zweiter Klasse, so der Islamwissenschaftler.

- Imam Sidigullah Fadai, Islamwissenschaftler und Imam der afghanischen Gemeinde München
Der zweite Teil des Seminars beschäftigte sich mit den Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens zwischen Christen und Muslimen. Zuerst berichtete der Imam der afghanischen Gemeinde in München, Sidigullah Fadai, von seinen Erfahrungen in Deutschland. Imam Fadai sagte, dass er keinen Konflikt mit dem Grundgesetz habe und als deutscher Staatsbürger würde er sich immer zuerst an das deutsche Gesetz halten. An der Schlussdiskussion nahm auch der Theologe Dr. Andreas Renz, Fachreferent für Ökumene und Interreligiösen Dialog vom Erzbischöflichen Ordinariat München, teil.

- Andreas Renz, Fachreferent für Ökumene und Interreligiösen Dialog vom Erzbischöflichen Ordinariat München
Alle Beteiligten waren sich darüber einig, dass die Anerkennung des Grundgesetzes durch alle Bürgerinnen und Bürger die primäre Voraussetzung für eine gelingende Integration und das friedliche Zusammenleben ist. Die Inhalte des klassischen islamischen Rechtssystems (Scharia) widersprechen dem modernen Menschenrechtskonzept und damit dem Grundgesetz, besonders im Bereich der Religionsfreiheit, der Stellung der Frau und im Strafrecht, und dürfen deshalb in Deutschland nicht geduldet werden. Fundamentalistische Kräfte im Islam wollen dieses Rechtssystem gesellschaftlich durchsetzen, reformierte Gelehrte – leider noch in der Minderheit – dagegen streben nach einer kritischen Weiterentwicklung und Anpassung des islamischen Rechts ans modernen Menschenrechtskonzept. Die politische Führung und die Gesellschaft sollen diese Reformkräfte stärken, so dass der Islam von Innen aus reformiert werden kann.
Die Diskussion durch das ganze Seminar verdeutlichte die Aktualität des Themas und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit komplexen Fragen, die im Zeitalter der Globalisierung alle Menschen, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit, betreffen.
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