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Referat II/2 Recht, Staat, Europäische Integration, Integrationspolitik und Dialog der Kulturen
Bernd Rill
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Die Schaffung der deutschen Einheit im Neunzehnten Jahrhundert
Für die Entwicklung einer modernen deutschen Staatlichkeit war das Neunzehnte Jahrhundert von herausragender Bedeutung. Viele Entscheidungen dieser Zeit wirken bis heute nach. Auch deshalb veranstaltete die Hanns-Seidel-Stiftung vom 20. bis 21. April 2010 in Kloster Banz eine Expertentagung zur „Schaffung der deutschen Einheit im Neunzehnten Jahrhundert“. Ziel war es unter anderem, die internationalen Implikationen einer großdeutschen Idee und das Verhältnis zu Frankreich genauer zu betrachten.

- Ulrich Muhlack
Prof. Dr. Ulrich Muhlack (em.), Universität Frankfurt, versuchte zunächst die Entstehung einer deutschen Nation zu skizzieren. Um von einer Staatsnation sprechen zu können, müsse ein politischer Wille zur Einheit vorherrschen. Diesen Willen erkannte Muhlack nur in Frankreich. In Deutschland hingegen sprach er von einer Kulturnation, die auf einer gemeinsamen Sprache und einer gemeinsamen Historie basiert. Dennoch habe die Französische Revolution eine Entwicklung angestoßen, die früher oder später auch zur deutschen Einheit führen musste.
Im Anschluss verglich Prof. Dr. Rainer S. Elkar, Universität der Bundeswehr München, die beiden Revolutionen in Deutschland von 1848 und 1989. Dabei konstatierte er, dass es sich bei der Revolution von 1848 in erster Linie um einen Kampf um die deutsche Einheit handelte, während es sich 1989 vor allem um eine Freiheitsbewegung gewesen sei.

- Günter Wollstein
Die Verträglichkeit eines Großdeutschlands für Europa erörterte Prof. Dr. Günter Wollstein (em.), Universität zu Köln. Der neu gegründete Nationalstaat sei von Anfang an skeptisch betrachtet worden. Einzig die Vereinigten Staaten und einige europäische Mittelmächte hätten diplomatische Beziehungen zu Großdeutschland aufgenommen. Besonders aber die europäischen Großmächte sahen die Entwicklung aufgrund einer möglichen Hegemonialstellung Deutschlands kritisch, so dass Wollstein nur eine geringe Chance auf die Akzeptanz einer großdeutschen Lösung sah.
Prof. Dr. Dieter J. Weiß, Universität Bayreuth, widmete sich der bayerischen Geschichte während der deutschen Einigung. Das Grundprinzip bayerischer Politik sei immer der Erhalt der eigenen Souveränität gewesen, verbunden mit einem Triasgedanken, der die gemeinsame Führung Deutschlands unter Österreich, Preußen und Bayern vorsah. Dennoch sei es vor allem Ludwig I. gewesen, der Bayern zu einem „Kulturkönigtum“ entwickeln wollte. Nicht erst unter Ludwig II. habe dann ein Prozess eingesetzt, der Bayern letztendlich in die Rolle eines Gliedstaates im Kaiserreich drängte.

- Friedrich-Christian Schroeder
Mit der Schaffung der deutschen Einheit war auch die Schaffung einer Rechtseinheit verbunden. Diesem Thema widmete sich Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich-Christian Schroeder (em.), Universität Regensburg. Die Justizreform wurde in drei Etappen vollzogen. Während im Norddeutschen Bund bereits 1851 mit dem Preußischen Strafgesetzbuch eine Rechtseinheit erreicht wurde, gelang dies im Süden erst 1870 durch Übernahme der preußischen Rechtsakte. Im Anschluss daran wurden die unterschiedlichen Gerichtsverfassungen vereinheitlicht, sodass ab 1879 ein vierstufiges Gerichtssystem vorherrschte. Als letzte Stufe trat 1900 ein einheitliches Bürgerliches Gesetzbuch in Kraft. Die Kraft einer solchen Justizreform sei bis heute nicht mehr erreicht worden, so Schroeder.
Bei der Analyse der deutschen Einheitsbewegung und dem italienischen Risorgimento kam Prof. Dr. Günther Heydemann, Universität Leipzig, zu dem Schluss, dass es oberflächlich viele Gemeinsamkeiten gäbe, wie etwa die Führungsrolle Preußens in Deutschland und Piemont-Sardiniens in Italien. Auch die internen Ausgangsbedingungen seien ziemlich ähnlich gewesen. Dennoch konnte er auch deutliche Unterschiede feststellen. Der Wandel in Italien sei von einem viel stärkeren ideologischen Anteil getragen gewesen. Während sich die deutschen Liberalen mehr der Machtpolitik von oben zuwandten, hätten es die italienischen Moderati geschafft, ein Bündnis zwischen Adel und Bürgertum zu schmieden, um die Einheit zu erreichen.
Die deutsche Identitätsfindung in der Auseinandersetzung mit Frankreich war Thema des Vortrags von Prof. Dr. Roland Höhne (em.), Universität Kassel. Viele Autoren dieser Zeit hätten eine ambivalente Sicht auf Frankreich. Einerseits eine stark frankophobe Haltung aufgrund einer langen territorialen, machtpolitischen und kulturellen Vorgeschichte und trotzdem auch teilweise Bewunderung für die neuen Ideen der Zeit. Dennoch sei von vielen die Französische Revolution aufgrund von Gewalt und Terror abgelehnt worden. Die deutsche Identitätsfindung habe in der Literatur durch Abgrenzung von Frankreich stattgefunden. Dennoch habe es in Deutschland auch immer wieder Minderheiten gegeben, die eine pro-französische Haltung einnahmen.
Prof. Dr. Peter J. Brenner, TU München, befasste sich mit den Kritikern der deutschen Einheit in der Literatur. Bereits früh habe es Forderungen nach deutscher Einheit gegeben. Nach 1871 jedoch wurde von Autoren wie Freytag, Storm oder Raabe immer wieder leise Kritik an der Ausführung des neu etablierten Systems laut. Zwar hätten sie sich immer die deutsche Einigung erhofft, jedoch geprägt von altständischen Vorstellungen und einem preußischen Staatsverständnis. So versuchten diese Autoren durch historische Romane, in der Geschichte ein Idealbild des deutschen Volkes zu finden und Traditionen, Sitten und Moral des Bürgertums als Grundlage der deutschen Einheit zu festigen.
Zum Abschluss der Tagung referierte Prof. Dr. Heinz Hürten (em.), Katholische Universität Eichstädt-Ingolstadt, über zentrifugale Kräfte im Kaiserreich. Durch Nichtintegration von Volksgruppen wie Dänen, Polen oder auch Elsässer seien diese Kräfte immer stärker erwachsen. Die deutsche Germanisierungspolitik in Polen oder auch der Sonderstatus von Elsass-Lothringen im Reich forcierten diese Entwicklung. Auch im Innern des Reiches habe es durch die sogenannten Reichsfeinde immer wieder zentrifugale Tendenzen gegeben. Dennoch habe keiner dieser Kräfte zu einer Sprengung des Reiches geführt, sondern zu einer Abschwächung und teilweisen Veränderung der Grundlagen, auf denen das Reich gegründet wurde.
Tagungsbericht "Die Schaffung der deutschen Einheit im Neunzehnten Jahrhundert"

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