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Ist die Mittelschicht in Gefahr?

Das Podium: Randolf Rodenstock, Gabriele Stauner, Moderatorin Karin Kekulé, Paul Nolte  und Alexander Hagelüken
Das Podium: Randolf Rodenstock, Gabriele Stauner, Moderatorin Karin Kekulé, Paul Nolte und Alexander Hagelüken

„Die Mittelschicht ist einem fortwährenden Wandel unterworfen – vom Untergang ist sie dabei aber nicht bedroht“ lautete die Kernbotschaft der Podiumsdiskussion am 22. Juli 2010 zum Thema „Ist die Mittelschicht in Gefahr?“

Dennoch sieht Gabriele Stauner, Vorsitzende der Christlich Sozialen Arbeitnehmerschaft, Anzeichen für eine Erosion der Mittelschicht und warnt in diesem Zusammenhang vor einer Entsolidarisierung der Gesellschaft: „Unsere Mittelschicht ist der Garant für den sozialen Frieden in unserem Land, um den uns viele beneiden.“ Angst vor dem Abstieg, häufig als typisch deutsches Phänomen bezeichnet, sei dabei nicht nur negativ zu sehen: „Angst ist auch ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein für sich und andere“, so Stauner. Als Arbeitnehmervertreterin fordert sie, dass das Regelarbeitsverhätnis ein unbefristetes, voll sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis bleiben muss, um den Arbeitnehmern die notwendige Sicherheit zu bieten.

Erwartungsgemäß etwas anders sieht das Randolf Rodenstock, der als Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) die Arbeitgeberseite vertritt. „Ich kann heute als Arbeitgeber keine Sicherheit bieten, die ich selbst nicht mehr habe.“ Auch für Unternehmer sei die Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit stark gewachsen, so dass sie entsprechend flexibel reagieren müssten. Zur Stärkung der Mittelschicht setzt Rodenstock auf drei Faktoren: Wachstum, Entlastung bei den Lohnabgaben, insbesondere Verminderung der kalten Progression und Investitionen in Bildung. Hier, so der Arbeitgeberpräsident, müsse sich der Staat künftig stärker beteiligen, da vielen Eltern die Erziehungskompetenz abhanden gekommen ist. Er fordert deshalb, frühe Betreuung und Förderung sowie den Ausbau von Ganztagesschulen.

Podiumsdiskussion mit den Experten

Obwohl schon häufig totgesagt, hat sich die Mittelschicht nach Einschätzung des Historikers Paul Nolte bis heute als ziemlich robust erwiesen. Die Mitte hat sich über die Jahrhunderte durch manche Krise laviert, ohne dabei ernsthaft in Gefahr einer Auflösung geraten zu sein. Die aktuelle Sorge sieht Nolte darin begründet, dass die Mittelschicht nicht mehr so stark expandiert wie es nach dem zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte der Fall gewesen war. Nach einem starken Anstieg ist sie in den 1980er Jahren in eine Plateau-Phase eingetreten die, von leichten Schwankungen abgesehen, bis heute anhält. Durch den gesellschaftlichen Aufstieg qualifizierter Facharbeiter fehlt heute zudem der Puffer zwischen Mittelschicht und Armut, den es lange Zeit gegeben hatte.

Auch durch die Hartz IV Reformen sieht der Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung, Alexander Hagelüken, die Angst vor dem sozialen Niedergang heute weiter verbreitet. Während sich gerade ältere Arbeitnehmer früher durch mehrere Jahre Arbeitslosengeld abgesichert fühlten, ginge der Abstieg heute wesentlich schneller, so Hagelüken.

Bei der anschließenden Publikumsdiskussion wurde deutlich, dass Existenz- und Zukunftsängste heute nicht mehr auf die sozialen Randgruppen beschränkt bleiben, sondern längst in die Mitte der Gesellschaft ausstrahlen.

Um die unterschiedlichen Meinungen und Aussagen zu vertiefen und festzuhalten, gibt die Hanns-Seidel-Stiftung im Herbst ein Schwerpunktheft der Politischen Studien mit Beiträgen der Podiumsteilnehmer heraus. Bei Interesse senden Sie bitte eine E-Mail an ref0207@hss.de. Wir werden Sie dann rechtzeitig über den Erscheinungstermin informieren.