Kontakt
Referat II/5 Technologie, Medien und Kultur, Jugend und Gesundheit
Prof. Dr. Siegfried Höfling
Tel.: 089 1258-246 | Fax: -469
E-Mail: hoefling@hss.de
Publikationen
Aktuelle Veranstaltungen
Jugendliche als Grenzgänger
23. Jugendforum: Lebenswelten Jugendlicher II

- Teilnehmer des 23. Jugendforums
Während sich das Jugendforum „Lebenswelten Jugendlicher I“ am 10. November 2009 mit dem Verhältnis virtueller Welt zur realen Welt Jugendlicher auseinandersetzte, ging es am 20. April 2010 um Jugendliche, die von ihren Lebensformen her eher als Grenzgänger zu bezeichnen sind. Es wurde postuliert, dass sich Jugendliche als Grenzgänger in vielen Lebensbereichen erfahren, um ihre Grenzen auszuloten und andere Möglichkeiten der Wirksamkeit zu erproben. Jugendliche wollen ihre eigene Welt, keine Welt der Kinder, aber auch keine Welt der Erwachsenen. Deshalb entwickeln sich immer neue Subgruppen mit neuen Symbolen und Verhaltensweisen (Hip-Hop, Punk, Skinheads, Gothic, Emo, Skater, Metaller usw.). Jugendliche finden heute ein Überangebot an Subkulturen vor. Die meisten Subkulturen sind an sich unproblematisch, gefährlich für den Jugendlichen ist einzig die Radikalisierung und Isolierung einer Subkultur. Viele Subkulturen ereilen heutzutage das Schicksal der Kommerzialisierung. Jugendkultur wird somit Teil der Konsumgesellschaft.
Im Einzelnen behandelte das 23. Jugendforum die Themen:
- Moslemische Jugendliche im Spannungsfeld von Religion und Alltag
- Spiritualität im Web 2.0
- Jugendliche und Jugendarrest
- Jugendliche im Heim
Ein großes Bedürfnis aller Jugendlichen ist, akzeptiert zu werden. Auch bei vollständiger Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen spielt Akzeptanz eine große Rolle. Akzeptanz erhält der Jugendliche in der Gruppe der Gleichgesinnten, denn kein Jugendlicher ist für alle Jugendfragen kompetent. Das Mitteilungsbedürfnis Jugendlicher ist daher sehr groß, wobei Jugendliche hier wieder die virtuelle Welt bevorzugen. Während sich Jugendliche in der realen Welt oft als Grenzgänger erleben, nützen sie die virtuelle Welt des Web 2.0 in seiner Anonymität, Hierarchielosigkeit und Offenheit, um ihre Probleme mitzuteilen oder Erfahrungen auszutauschen, um Probleme wirksamer bewältigen zu können. Das Internet scheint ihnen eine Möglichkeit zu sein, mit Gleichaltrigen eine Quasi-Partizipationskultur zu entwickeln.
So tauschen sich Jugendliche auch über spirituelle Fragen aus. Sie verstehen das Internet als übergeordnete Instanz der Menschlichkeit, sagt der Regisseur und Medienkünstler Horst Konietzny. In Netz finden sie Gemeinschaft – gleich eines virtuellen Klosters – in der sie beten können (Beten online; touch me gott). Sie können einen virtuellen Andachtsraum aufsuchen oder Ruhe und Meditation finden. Wenn es um spirituelle Fragen und persönliche Notlagen geht, erscheint es den Jugendlicher im virtuellen Raum einfacher zu sein, sich zu äußern, da die Hemmschwelle niedriger ist. Jugendliche beklagen, dass es oftmals sehr schwierig ist, in die geschlossenen Gruppen von Pfarrgemeinden Eingang zu finden, besonders dann, wenn man neu ist. Dennoch ersetzt der virtuelle Austausch nach Meinung der Jugendlichen nicht das reale seelsorgerische Gespräch.
Da das Internet einen offenen Raum darstellt, lässt sich auch mit allen „Grenzgängern“ Kontakt aufnehmen. Einblick in die Innenwelten arrestierter Jugendlicher gibt das Projekt MIJA der Hochschule München (ca. 500 Straffällige seit 2008 wurden bislang betreut). Dem Jugendarrest als freiheitsentziehender jugendstrafrechtlicher Sanktion liegt ein Erziehungsgedanke zu Grunde: Dem delinquenten Verhalten soll Einhalt geboten werden. Der Jugendliche bzw. Heranwachsende soll zur „Besinnung“ gebracht werden bzw. einen „Denkzettel“ erhalten. Die Klienten sind oftmals von starken familiären und sozialen Problemlagen belastet. Bei der Bearbeitung ihrer Probleme sollen sie unterstützt werden. Der formale Haftalltag erzeugt seelische Isolations- und Einsamkeitserlebnisse. Die „künstliche Krise“ muss adäquat begleitet werden. Kunstaktivitäten erweisen sich als probate Angebote für Jugendliche im Arrest. Die gegenwärtige Situation und die persönliche Lebenslage können reflektiert, Gefühle und Gedanken können ausgedrückt werden. Kunst ist ein gesellschaftlich legitimierter „Raum“ um (symbolisch) Innerpsychisches gestalterisch umzusetzen – gewissermaßen „an Grenzen zu gehen“, ohne dabei „real“ Grenzen zu verletzen. Neben dem „Dampf abgelassen“ können Zukunftsperspektiven spielerisch entwickelt werden. Die Angebote reichen von bildender Kunst (Collagieren, Malerei), über Musik (digitale Musik- bzw. Textproduktion) und Literatur (z.B. Poetry Slam) bis zu Tanz bzw. Choreographie (HipHop). In einem Rap-Text wird z.B. der Arrestalltag eines Jugendlichen verarbeitet, Gefühle ausgedrückt und Konsequenzen bzw. Zukunftsimpulse formuliert. Bei der Projektarbeit erfahren die jungen Menschen Wertschätzung für ihr (konstruktives) Tun und Erleben: „Ich kann etwas, was andere Menschen interessiert.“ Dies kann den weiteren Entwicklungsverlauf positiv beeinflussen. Ziel der studentischen Projekte ist es, die künstlerischen Ergebnisse publik zu machen (z.B. Ausstellungen, Buchveröffentlichung, Internet). Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind ihre Produkte (Gedichte/Texte, Songs, Bilder usw.) bleibende Zeugnisse erfolgreichen Handelns.
Resozialisierung im Heim kann ebenfalls dazu dienen, mit den Welten der Erwachsenen, der Jugendlichen und ihren Subkulturen anders umzugehen, sofern sich die Heimleitung einer Partizipationskultur verschreibt. Die Erzieher des Clemens-Maria Kinderheim verstehen sich als „Auf dem Weg Bringer“ und helfen Kindern und Jugendlichen gemeinsam zu handeln. Ihr Konzept der Selbstwirksamkeit sieht das Gremium des Kinder- und Jugendrats vor, der von der Heimleitung mit einer bestimmten Wirkungsmacht ausgestattet wird, Kinder- und Jugendinteressen zu Gehör zu bringen und gegebenenfalls durchzusetzen. Bei der Umsetzung müssen die erlebten Grenzen dementsprechend ausgehalten und bewältigt werden. Dies geschieht in demokratischer Manier. Dabei sichtbar gewordene Entwicklungsrückstände können durch therapeutische Maßnahmen aufgeholt werden.
Jugendliche mit Glaubensrichtung „Islam“ fühlen sich in Deutschland durchaus integriert und akzeptiert. Unter der Leitung von Frank de Bruin stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Lehrgangs des Euro-Trainings-Centre (ETC) e.V. in München ihre täglichen Aktivitäten im Rahmen des Islams vor. Die Befolgung von Regeln des Korans wird allerdings unterschiedlich gehandhabt und variiert unter den Jugendlichen von einer offenen, toleranten Einstellung bis hin zu striktem Nachleben. In der eigenen Peergroup gibt es so gut wie keine Schwierigkeiten. „Während des Ramadans gehe ich beispielsweise trotzdem mit den anderen zu McDonald mit, aber ich esse und trinke nichts. Meine Freunde fragen dann, warum, und ich erkläre dies. Das passt und ist ok.“

Themen
