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Referat III/6 Familie, Frauen, Senioren, Religion und Gesellschaft, Integration
Dr. Bok-Suk Ziegler
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20 Jahre Deutsche Einheit: Kirche und Gesellschaft
Das Seminar „Die gesellschaftspolitische Entwicklung und die Bedeutung der Kirchen im vereinten Deutschland“ bildete den Abschluss einer Reihe von Veranstaltungen, die das Bildungswerk der Hanns-Seidel-Stiftung 2010 zum Thema „20 Jahre Deutsche Einheit“ durchführte. Das Seminar fand vom 19. bis 21. November 2010 in Wildbad Kreuth statt.
Dabei ging es um die Rolle der Kirchen in Ost- und Westdeutschland vor der Wiedervereinigung, den Beitrag der Kirchen – besonders der Kirchen in der ehemaligen DDR – zur Erlangung der Einheit und ihre Weiterentwicklung in den letzten 20 Jahren. Es überraschte nicht, dass das Geschehen in den Kirchen vor der Vereinigung in Ost und West grundlegend unterschiedlich war. Es war ebenfalls nicht neu, dass 1989 die Kirchen in der ehemaligen DDR als „Forum der politischen Bewegung“ eine größere Rolle spielten als die im Westen. Neu und vielfach überraschend waren die Weiterentwicklung der Kirchen nach 1989 und die bis heute fortbestehenden Unterschiede zwischen Ost und West. So ist die Zahl der Mitglieder auch nach der Wiedervereinigung weiterhin stark gesunken, im Osten – trotz der vorher schon bedeutend geringeren Zahl – noch stärker als im Westen und in der evangelischen Kirche stärker als in der katholischen. Befragt nach der Zukunft des Christentums sprach der Referent des abschließenden Vortrags von „kognitivem Pessimismus und habituellem Optimismus“.

- Jürgen Henkel
Dr. Jürgen Henkel, Gemeindepfarrer aus Oberfranken, Publizist und Rumänienexperte, beschäftigte sich mit der anderen gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR und mit den Möglichkeiten der dortigen Kirchen, die sich ständig verschlechterten. Während noch 1950 etwa 90 Prozent der Menschen einer der großen Kirchen angehörten, waren es 1989 kaum noch 30 Prozent (25 evangelisch, vier katholisch). Nach dem Bau der Mauer 1961 hatte sich die EKD geteilt. Im Osten entstand der „Bund der evangelischen Kirchen in der DDR“, der in den Folgejahren durch manchen Anpassungsversuch („Kirche im Sozialismus“) Schlimmeres zu verhindern versuchte – eine zweischneidige Entwicklung. Eine andere Stellung hatte die katholische Kirche. Sie war – mit ihrem historisch bedingt wesentlich kleineren Bevölkerungsanteil – die „Kirche im fremden Haus“, zumal der Vatikan der DDR die Anerkennung verweigert hatte und die Aufgaben der Bischöfe von „apostolischen Administratoren“ wahrgenommen wurden.
Bernd Drößler, Jurist und Theologe aus Erfurt, schilderte die kirchenfeindliche Politik der DDR, die auf eine „Kultur der Religionslosigkeit“ hinzielte. Um den großen Kirchen zu schaden, hatte man 31 kleine, staatspolitisch unbedeutende Religionsgemeinschaften zugelassen, z.B. die Mormonen, um eine positive Reaktion aus Amerika zu bewirken. Anders als erwartet, gab es nach 1989 durch die „Kirchensteuerverweigerer“ und die Abwanderung vieler Arbeitskräfte in den Westen eine regelrechte Austrittswelle aus den Kirchen (wiederum stärker aus der evangelischen als aus der katholischen). Dennoch wirkten die Kirchen politisch stark mit, z.B. in der Hochschulpolitik, der Familienpolitik, dem Privatschulrecht, der Asylpolitik, nicht zuletzt durch die christliche Religionszugehörigkeit der jeweiligen Ministerpräsidenten.
In seinem zweiten Beitrag beschäftigte sich Pfarrer Dr. Henkel mit dem gegenwärtigen Zustand der Kirchen und erwähnte die von Papst Benedikt XVI. beklagte „Diktatur des Relativismus“ und die Auswüchse ständig zunehmender Individualisierung in den vergangenen Jahrzehnten. Erst die einschneidenden Geschehnisse des 11. September 2001 und der Wirtschaftskrise 2008/2009 lenkten das Interesse wieder auf die christliche Ethik und das christliche Menschenbild als notwendige Grundlagen der Politik in Deutschland und in Europa.

- Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann, Politikwissenschaftler und Publizist aus Bonn, räumte zunächst mit der irrigen Ansicht auf, dass die Wiedervereinigung schuld an der hohen Zahl der Konfessionslosen sei. Er erläuterte die Gründe für die abnehmende Nähe selbst der Kirchenmitglieder zu ihrer Kirche (der evangelischen noch deutlicher als der katholischen) und die von der Realität abweichende Wahrnehmung der Kirchen in den Medien. Machten die Gründerväter der Republik nach dem Zweiten Weltkrieg das Christentum zur Grundlage der Verfassung, so erweise sich heute der Werteverfall als Folge der Abnahme des religiösen Ethos. Politik- und Staatsverdrossenheit, Individualisierung und Frustration sind unter Bindungslosen und Atheisten weiter verbreitet als unter Christen. Deshalb ist das Christentum wichtig für die Zukunft, ja unverzichtbar. Aktuelle Bestrebungen in Teilen der Politik, das Staatskirchenrecht der Verfassung zu verändern oder abzuschaffen, müssen entschieden zurückgewiesen werden – im Interesse gerade dieses demokratischen Staates und der Freiheit. Denn die Menschenrechte sind „illegitime Kinder des Christentums“, auch wenn es lange gedauert hat.

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