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Auftrag und Chance der deutschen Sprache in einer globalisierten Welt
In der Wahrnehmung der meisten Deutschen hat ihre Muttersprache in den letzten Jahren eine Statusminderung erfahren. Wie ist es es um die Zukunft und die Perspektiven der deutschen Sprache bestellt? Wie kann Sprache in einer Gesellschaft, die sich sprachlich immer weiter ausdifferenziert, Kultur schaffen und Identität prägen? Welche Verantwortung kommt der Politik für den Schutz und die Pflege der deutschen Sprache zu? Welchen Auftrag und welche Chance hat die deutsche Sprache in der globalisierten Welt? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortrags von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert.
Mit Blick auf die Statistiken hat die deutsche Sprache den ersten Platz in Europa inne: Mit knapp 100 Millionen Sprechern ist Deutsch die meistgesprochene Muttersprache in der Europäischen Union. Darüber hinaus zählt Deutsch zu den wichtigsten zehn Sprachen auf der Welt. Diesem überwiegend positiven Befund steht allerdings die „gefühlte“ Zukunft der deutschen Sprache diametral entgegen. Die moderne Sprachkritik adressiert den nicht zu leugnenden, überbordenden Gebrauch von Anglizismen in weiten Lebens- und Sprachbereichen. Der Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair, betonte in seinen einführenden Worten vor über 200 Zuhörern, dass die Zukunft des Deutschen darin liege, sich in einem vielsprachigen Europa und einem zunehmenden mehrsprachigen Deutschland zu behaupten.
„Natürlich hat Deutsch eine Zukunft“, so Prof. Dr. Norbert Lammert, „aber interessant und spannend ist: Welche?“ Diese Frage sei allerdings nicht einfach zu beantworten.
Lammer zitierte Hans-Georg Gadamers kluge Bemerkung, „erst mit der Sprache geht die Welt auf“, um zu verdeutlichen, welche überragende Bedeutung Sprache für unser Verhältnis zur Welt hat. Sprache ist der Modus, in dem sich unser Denken gestaltet. Sie ist Mittel und Form sozialer Identität und Voraussetzung für die Erhaltung und Überlieferung der Kultur und des gesamten Wissens.
Lammert wies darauf hin, dass die deutsche Sprache das prägende Element deutscher Identität darstelle. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid (2011) ist für 43 Prozent der Bundesbürger die deutsche Sprache das entscheidende Kriterium nationaler Identität, gefolgt von der gemeinsamen Geschichte und den ähnlichen Werten (35 Prozent bzw. 14 Prozent).
Im globalen Kontext geht die Bedeutung des Deutschen immer weiter zurück: 875 Millionen Menschen sprechen Mandarin, 486 Millionen Hindi, aber nur 100 Millionen Deutsch. Auch die Zahl der Menschen, die Deutsch lernen, hat abgenommen. Waren es vor 50 Jahren noch etwa 17 Millionen, sind es heute nur noch 14,5 Millionen. Letzteres liege nicht nur daran, dass in der Vergangenheit Mittel für die Sprachförderung im Ausland gestrichen worden sind, sondern auch an mangelndem Problembewusstsein in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.
„Und wer sollte sich für den Stellenwert, den Rang und die Zukunftsperspektive unsere Sprache einsetzen, wenn nicht wir?“, fragte Lammert. Dies gelte nicht nur, aber auch für die Politik in Bund und Ländern. Denn Politik sei für Sprache nicht zuständig, wohl aber mitverantwortlich. mehr Engagement sei vor allem notwendig um die Bedeutung des Deutschen als Wissenschaftssprache und Amtssprache der EU zu fördern.
Lammert plädiert dafür, Deutsch als Landessprache in der Verfassung zu verankern. Dies sei nicht zwingend notwendig. Doch merkte Lammert an, dass es für ihn unter den inzwischen 58 Änderungen und Ergänzungen des Grundgesetzes seit 1949 keine fünf Änderungen gäbe, die es an „Bedeutung und Rang mit der Sprache als Mittel der Selbstverständigung und der Identität eines Landes aufnehmen können.“
Abschließend verwies der Bundestagspräsident auf einen Satz von Rainer Kunze, über den es sich nachzudenken lohne: „Ohne die deutsche Sprache könnte die Menschheit manches nicht denken, das zu denken möglich ist.“ Mit dem Untergang der deutschen Sprache ginge die Welt vermutlich nicht unter, sicher aber ein wichtiger, wesentlicher Teil unserer Kultur – und eben nicht nur der deutschen Kultur. Die Pflege und Förderung der deutschen Sprache ist daher für Lammert Chance und Auftrag und nicht nur ein nationales Anliegen.

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