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Referat II/6 Umwelt, Klima, Ländlicher Raum, Ernährung und Verbraucherschutz
Silke Franke
Tel.: 089 1258-226 | Fax: -469
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Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 82: Homo Oecologicus, Menschenbilder im 21. Jahrhundert
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Stiftungspost Ausgabe 03 / 12
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Gerechtigkeit für alle Teilräume

Welche Entwicklungsperspektiven haben die Regionen?

Ausgangspunkt für das Thema des diesjährigen gemeinsamen Sommerkolloquiums der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und der Hanns-Seidel-Stiftung war das Staatsziel "gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilräumen". Dieser Anspruch bewegt landesweit die Menschen, v. a. dann, wenn das Thema auf die Gegenpole „leistungsstarke Kernzentren versus entwicklungsschwache Peripherie“ zugespitzt wird. Tatsächlich ist Bayern durch seine kleinräumige Vielfalt charakterisiert. Welche Entwicklungsstrategien werden den spezifischen Eigenarten und Herausforderungen gerecht?

Holger Magel
Alois Glück
Holger Magel

Hochkarätige Experten aus den Reihen der Landes- und Kommunalpolitik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft kamen am 20. Juli 2011 in das Konferenzzentrum München, um der ethischen Dimension der Raumplanung und Landesentwicklung nachzugehen. Alois Glück, stv. Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, und Holger Magel, Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, begrüßten die Referenten und Tagungsteilnehmer.

Ausgelöst durch die Veränderungen infolge des demographischen Wandels und durch den Verteilungskampf um Ressourcen stellt sich die Frage der Gerechtigkeit heute zunehmend auch unter räumlichen Aspekten. Was muss passieren, damit Bayern seine Spitzenposition beibehalten kann? Dass die Antworten das Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen verletzen können, zeigten die Reaktionen auf die Vorschläge des Zukunftsrates Bayern. Aber „jegliches Nachdenken über Strategien ist zu begrüßen, und sei es nur als Trotzreaktion“, meinte Glück. Auch Magel hakte nach: „Meines Erachtens werden die geistigen Grundlagen und Hintergründe in der aktuellen Landespolitik viel zu wenig reflektiert und bewusst oder unbewusst auf akademischen Boden und auf Akademieebenen verschoben. Wir wollen hier eine Brücke schlagen und laden zum Dialog ein“.

Martin Lendi
Martin Schneider

Martin Lendi, Schweizer Rechtsphilosoph und ausgewiesener Experte der Raumplanung, brachte „unbequemen Wahrheiten“ mit. Er bemängelte, dass die Raumplanung primär auf das Zweckrationale ausgelegt ist, weswegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Kauf genommen würden. Das allein könne es aber seiner Meinung nicht sein. Planung als richtungsweisende Auseinandersetzung mit der Zukunft setzt für Lendi voraus, dass sie sich einer sorgfältigen, gewissenhaften Auseinandersetzung nicht nur mit dem Sachdienlichen, sondern auch mit dem ethisch Gebotenen stellt. Was die Chancengleichheit von Teilräumen angeht, so stellte Lendi - für die Schweiz - fest: „Knappe Mittel geben immer einen Rechtfertigungsgrund für Prioritäten ab. Größe findet bei ehrlicher Betrachtung mehr Beachtung. Das ist politische Realität. Die einst anvisierte Gleichwertigkeit für alle Teilräume dürfte bald gefährdet sein“. Die unterschiedlichen Ebenen von gleichsam innerstaatlichem Ausgleich und internationalem Wettbewerb stellen hohe Anforderungen. Es ist Aufgabe der Politik, so Lendi, die aufkommenden Probleme der Belastung planerisch und realisierend zu meistern. Die Gratwanderung zwischen dem Zweckmäßigen und dem Gebotenen, bleibe dabei niemandem erspart, „weder den Planenden, noch den Gesetzgebern, wie auch nicht jenen, die aus der Politik heraus räumliche, lebensräumliche Mehrwerte für die Lebensqualität schaffen“.

Martin Schneider, Diözesanrat der Katholiken der Erzdiözese München und Freising, beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der sozialethischen Perspektive. Die räumliche Herkunft könne man – anlog zu John Rawls Gerechtigkeitskonzept – als „unverdienten Nachteil“ sehen, da sie die Menschen willkürlich mit unterschiedlichen Voraussetzungen ausstattet. Gerechtigkeit im Sinne von Chancengerechtigkeit sucht dann, einen Ausgleich dieser unterschiedlichen Ausgangsbedingungen herzustellen. Eine Gleichwertigkeit, merkte Schneider an, sei seiner Meinung nach jedoch nicht zu erreichen, wenn allseits das Wachstumsparadigma vorherrsche. Räumliche und soziale Ungleichheiten stehen zudem in einem Wechselverhältnis, sie sind immer gleichzeitig Konstitution und Bedingung durch bzw. für das Handeln“. Neben der materiellen Ausstattung und dem sozialen Milieu bestimmt auch das Image die Entwicklungschancen einer Region. Welche Perspektive sehen die Menschen vor Ort? Statt Regionen über begriffliche Etikettierung zu schwächen, sollten sie lieber befähigt werden, ihre Region selbständig und selbstbewusst zu entwickeln.

Mark Michaeli, Jürgen Aring, Alois Glück, Holger Magel, Stephan Reiß-Schmidt und Peter Siegert

Wie die Situation ist, und nicht wie sie sein soll, das zeigt der so genannte „Zukunftsatlas“ der Prognos AG anhand von Karten und Statistiken auf. „Wir wollen die Zukunftschancen einzelner Regionen abschätzen – wie sind die Chancen und Risiken verteilt?“, erläuterte der Regionalentwicklungsexperte Holger Bornemann. Für die Analyse wurden Indikatoren wie demographische Entwicklung, soziale Lage und Wohlstand, Arbeitsmarkt und Innovationen herangezogen. Dabei zeigt sich, dass Bayern zu den Bundesländern mit den größten Disparitäten zwischen den einzelnen Regionen gehört. Dennoch sollte keine Region einfach abgeschrieben werden, das sei wenig zielführend. Die Karten des Zukunftsatlas verdeutlichen, dass auch viele ländliche Regionen gute Zukunftschancen haben. Bornemann plädiert dafür, regionsspezifische Konzepte zu entwickeln. Grundlage sollten aber nicht die klassischen administrativen Abgrenzungen der Regionen in Landkreise und Bezirke sein und auch nicht raumstrukturelle Einteilungen in Leistungszentren mit bestimmten Ausstattungsmerkmalen. Dies greift Bornemann zu kurz. Er empfiehlt vielmehr flexible Zuschnitte.

Viele weitere Aspekte wurden in der anschließenden Diskussionsrunde erörtert. Ziel ist, mit allen Regionen eine Diskussion anzustoßen – allerdings keine um Gewinner und Verlierer, da war man sich einig, sondern vielmehr um die Chancen, die sich etwa durch Solidarität auftun. Räume sortieren sich auch immer wieder neu, mit ungeahnten Entwicklungsmotoren. „Wir müssen mehr Spielräume schaffen und entwerferisch denken“, so der Appell der Diskutanten.

Holger Bornemann "Die Zukunftsfähigkeit der bayerischen Regionen im Prognos-Zukunftsatlas"