Kontakt
Forschungsstelle Umwelt und Klima, Ländlicher Raum, Ernährung und Verbraucherschutz
Silke Franke
Tel.: 089 1258-226 | Fax: -469
E-Mail: franke@hss.de
Publikationen
Aktuelle Veranstaltungen
Internationale Dekade der Biodiversität

- Naturschutz ist kein Luxusthema
Das international vereinbarte Ziel, den Verlust an Artenvielfalt und Lebensräumen bis Ende 2010 deutlich zu verringern, wurde nicht erreicht. Naturschutz ist allerdings kein Luxusthema. Die Wirtschaft hängt von den Ökosystemen ab. Welche Hoffnungen dürfen an die Entwicklung einer ressourcenschonenden Wirtschaft geknüpft werden? Die so genannte „Grüne Wirtschaft“ (Green Economy) wird auf dem Erdgipfel der der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung nächstes Jahr in Rio ein Schwerpunkt sein.
Namhafte Experten aus verschiedenen Fachrichtungen beschäftigen sich am 7. April 2011 im Konferenzzentrum München mit dem Spannungsfeld von Umwelt und Wirtschaft.

- Peter Höppe
Wie verletzlich der Mensch gegenüber den gewaltigen Kräften der Natur ist, wurde deutlich, als Peter Höppe, Georisiko-Experte der Münchner Rückversicherungsgesellschaft, seine Daten zeigte. Dramatische Bilder erinnerten etwa an die Hitzewelle in Russland (Juni 2010), die Überschwemmungen in Pakistan (Juli 2010) und Australien (Dezember 2010) sowie an die Erdbeben in Japan, das just an diesem Tag erneut von einem Erdbeben heimgesucht wurde. Es sind Katastrophen, die Todesopfer fordern und Schäden in Milliardenhöhe verursachen. „NatCat“ ist die weltweit umfassendste Datenbank für Naturkatastrophen. Sie hat allein für das Jahr 2010 960 Ereignisse erfasst. „Die Naturkatastrophen der letzten Jahre stellen in Bezug auf Häufigkeit, Intensität und verursachte Schäden neue Rekorde auf“, so Höppe. Dass uns die Katastrophen so schwer treffen, liegt an anhaltendem Bevölkerungswachstum, steigendem Lebensstandard (und damit steigenden Werten) und der Tatsache, dass sich Menschen und Unternehmen zunehmend ausgerechnet in Risikoräumen, etwa Erdbebengebieten oder Küstenzonen, niederlassen. Ein weiterer Faktor aber sind die Änderungen der Umweltbedingungen. Höppe: „Der Klimawandel wurde im Weltwirtschaftsforum 2011 in Davos als eines der größten Risiken bezeichnet“.

- Bernd Hansjürgens
Dass Umwelt und (wirtschaftliche) Entwicklung zusammenhängend betrachtet werden müssen, war auch das Thema der weiteren Vorträge. Denn auch der Verlust von Biodiversität und Ökosystemen stellt für den Menschen und die Wirtschaft ein Risiko dar. „Es ist wichtig, dass wir die Leistungen, die die Natur für den Menschen erbringt, erkennen und ihren Wert zu schätzen wissen“, erläuterte der Umweltökonom Bernd Hansjürgens. Er verdeutlichte dies am Beispiel der Korallenriffe, ein Ökosystem das verletzlich und bedroht ist. Dabei leben hier 25 Prozent aller Fische. Die Korallenriffe dienen zur Wasserreinigung und Klimaregulierung, dem Küstenschutz sowie für Erholungs- und Tourismuszwecke. Ihre Leistungen stellen einen volkswirtschaftlichen Wert dar. Die internationale Studie "Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität" (TEEB-Studie von englisch The Economics of Ecosystems and Biodiversity) hat genau diesen Aspekt anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt. Forscher haben weltweit Daten gesammelt und für Unternehmer, Politiker und Bürger aufbereitet, damit diese den Wert der Natur in ihrem Alltagshandeln besser berücksichtigen können. „Die Resonanz ist sehr positiv, nun geht es aber darum, dass die Erkenntnisse auch Konsequenzen haben“, so Hansjürgens in seiner Zusammenfassung. Als Beispiel nannte er bessere Ziele, Indikatoren und Berichtsysteme.

- Beate Jessel
Der ökonomische Ansatz der TEEB-Studie dürfe aber nicht dazu verleiten, die Natur nur mehr nach ihrem „Gebrauchswert“ zu beurteilen, mahnte Beate Jessel, Präsidentin des Bundesames für Naturschutz. Die Natur erfüllt so viele Funktionen, dass man ihren Gesamtwert gar nicht erfassen und ökonomisch oder monetär wiedergeben kann, so ihre Überzeugung. Eine Wertedebatte müsse daher auch die ethischen Komponenten, etwa „Gerechtigkeit“ und „Glück“ einbeziehen. Bewertungen sind letztendlich ein Instrument der Selbstreflexion - Jessel: „Sie helfen, unsere Beziehungen zur Natur zu überdenken - letztlich hat ökonomisch nur das einen Wert, was auch gesellschaftlich einen Wert hat!“

- Harald Luksch
Ein leichtes Spiel, die Teilnehmer sowohl vom Eigenwert als auch von wirtschaftlichen Wert der Natur zu überzeugen, hatte Harald Luksch, Professor am Leonardo da Vinci-Zentrum der TU München. Er führte die Zuhörer in die faszinierende Welt der Bionik ein. Hier versuchen Wissenschaftler, die Konstruktions- und Entwicklungsprinzipien biologischer Systeme zu verstehen und sie technisch nachzubauen. „Warum macht es Sinn, die Natur so genau zu studieren? Ganz einfach: Weil die Evolution bereits viele Ideen getestet hat!“, so sein Argument. Ameisen etwa schaffen es, stets den kürzesten Weg zwischen zwei Orten zu finden. Der so genannte Ameisenalgorithmus wird inzwischen im Paketdienst eingesetzt. Die Klette wiederum war Vorbild für den heute an vielen Kleidungsstücken eingesetzten Klettverschluss. Derzeit arbeitet die TU München an den Einsatz für den metallischen Bereich. „Es gibt noch unendlich viele, geniale, unentdeckte Lösungen“, so Luksch in seinem Resümee, „die Biodiversität ist ein gewaltiger Ideenpool, wir müssen ihn uns erhalten“.
„Jeder kann etwas leisten“, lautete die Überzeugung von Edgar Endukaitis. Er hat die internationale Initiative "Biodiversity in Good Company" (Biodiversität in guter Gesellschaft) koordiniert, die sich explizit direkt an die Privatwirtschaft richtet. Über 40 Unternehmen aus Deutschland, Japan, Brasilien, der Schweiz und Südafrika verpflichten sich darin freiwillig, die Auswirkungen ihrer Unternehmensaktivitäten auf die biologische Vielfalt zu analysieren, sich messbare und realistische Ziele zu setzen und über ihre Aktivitäten öffentlich zu berichten. Die Mitglieder haben sich teilweise sogar überraschend hohe Standards gesetzt, berichtete Endrukaitis. Er weiß auch, dass es für die Unternehmen oft nicht leicht ist, diesen Anspruch allen Mitarbeitern und Kunden zu vermitteln. Was sie motiviert, ist nicht nur der Image-Gewinn und die Aussicht auf eine höhere Ressourcenproduktivität und Effizienz – in Zeiten steigender Rohstoffpreise ein wichtiges Argument – sondern auch das Gefühl, in einem „exklusiven Kreis von Vorreitern zu sein“. Nun geht es aber darum, solche Initiativen auch in die Breite zu bringen, wünschte sich Endrukaitis zum Schluss. Und dafür brauche es technische Normen (etwa ISO, EMAS, GRI) und Beratungsangebote. Dies bestätigten auch die anderen Referenten, darunter Seidenspinner von der Flughafen München GmbH.
Die eingangs gestellte Frage: „Hoffnungsträger Grüne Wirtschaft?“ ließ sich insgesamt also eher verhalten beantworten. Der bewusstere Umgang mit den Ressourcen ist ein langer Weg, den alle Akteure gehen müssen. „Es ist ein Prozess. Wir sollten daher lieber von Greening Economy sprechen“, brachte es Beate Jessel auf den Punkt.
Weitere Infos
Edgar Endrukaitis: "Biodiversität in guter Gesellschaft: Die Business and Biodiversity Initiative"
Bernd Hansjürgens: "Was ist der ökonomische Wert der Natur?"
Peter Höppe "Was kosten Naturkatastrophen die Wirtschaft"
Beate Jessel: "Wert und Inwertsetzung von Biologischer Vielfalt"
TEEB-Berichte "Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität"
Handbuch Biodiversitätsmanagement - Ein Leitfaden für die betriebliche Praxis

Themen


