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Referat II/6 Umwelt, Klima, Ländlicher Raum, Ernährung und Verbraucherschutz
Silke Franke
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Landhunger – Hungerländer
Fruchtbares Land wird zu einer begehrten Ressource, die den wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln, Futtermitteln und Bioenergie stillen muss. Unter dem Begriff „Land Grabbing“ breitet sich ein neues Phänomen aus: Nationalstaaten, Agrarkonzerne und Händler von Anlagefonds pachten im großen Stil Landflächen, um sich Ernten und Renditen zu sichern. Wie diese Entwicklungen zu beurteilen sind, diskutierten Experten am 14. Oktober 2011 in München.
925 Millionen Menschen leiden an chronischem Hunger (FAO, 2010). Besonders betroffen sind Frauen und Kinder. Sie leben überwiegend in ländlichen Gebieten, wie Alexa Emundts, Referentin für ländliche Entwicklung des Hilfswerks Misereor, erläuterte. Was ihre Familien als Kleinbauern, Viehhirten, Fischer oder Landarbeiter erwirtschaften, reicht nicht aus, um satt zu werden. Als Ursachen für die Ernährungskrise nannte sie u. a. ungünstige naturräumliche Voraussetzungen, nicht angepasste Produktionsmethoden, mangelnden Zugang zu Land und schlechte Infrastruktur. Der landwirtschaftliche Sektor viel auch in der Entwicklungshilfe viel zu lange vernachlässigt worden. Gerade die Kleinproduzenten würden u.a. durch die Welthandelsbedingungen benachteiligt. Afrika südlich der Sahara ist Nettoimporteur von Nahrungsmitteln und damit Preisschwankungen besonders empfindlich ausgesetzt.
Dr. Ernst Oliver von Ledebur relativierte die Rolle von Warenterminbörsen und Futures als feste Bestandteile der Agrarmärkte, die die Bestände vor Preisschwankungen sichern. Problematisch werde es erst, wenn sich Fehlinformationen aufschaukeln und Preisverzerrungen verursachen. Auch Spekulationsgeschäfte seien in der Regel "gutartig". Studien zeigen, so bestätigt der Experte des Johann Heinrich von Thünen-Instituts, dass hohe und volatile Rohstoffpreise im Wesentlichen durch veränderte Nachfrage nach zentralen Agrarrohstoffen entstanden sind. Das Wirtschaftswachstum in Schwellenländern wie auch die Expansion der Biotreibstoffe erwiesen sich als treibende Kräfte. „Der Energiemarkt hat den Getreidemarkt umstrukturiert“.
Prof. Dr. Regina Birner von der Universität Hohenheim widmete sich in ihrem Vortrag dem globalen Wettkampf um Land – „Land Grabbing“. Diese Form der Landaneignung durch Investoren findet v.a. in Ländern statt, in denen Hunger herrscht, etwa Äthiopien, Somalia, Mosambik, Mali und Indien. Investitionen könnten prinzipiell auch Chancen bieten, etwa durch höhere Produktivität sowie neue Einkommensmöglichkeiten, Nahrungsmittel (falls diese nicht in Export gehen), Einnahmen für den Staat und Technologie-Transfer. Den potenziellen Vorteilen stehen jedoch reale Risiken gegenüber, etwa Vertreibung von Kleinbauern, keine oder nur unzureichende Kompensationszahlungen, geringe Beschäftigungswirkung und Übernutzung der natürlichen Ressourcen. So lautete das Fazit der Expertin: „Es geht oft nicht nur um Land, sondern auch um die exklusiven Rechte für die Nutzung der Wasserreserven. Land Grabbing hat eine neue Dimension erreicht“.
Max Weichenrieder, Bezirkspräsident (Oberbayern) im Bayerischen Bauerverband, betonte in seinem Statement, dass nicht primär fremde Investoren den Hunger verursachen, sondern schwache Regierungen. „In diesen Ländern fehlt es an fundamentalen Voraussetzungen, wie Landrechten und Landmanagement, Beratung der Landwirte und Forschung, Aufbau verarbeitender Betriebe und Infrastruktur für den Marktzugang“.
Friedrich Wacker, Experte für Internationale Zusammenarbeit und Welternährung im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, berichtete über aktuelle Maßnahmen auf internationaler Ebene. So wurde von den G20-Agrarministern im Juni in Paris ein entsprechender Aktionsplan ausgearbeitet. Die Verbesserung der Nahrungsmittelsicherheit bleibt das übergeordnete Ziel. „Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass die Produktivität weltweit um 70 Prozent, speziell in den Entwicklungsländern sogar um 100 Prozent gesteigert werden muss“, so Wacker. Die Einführung von Vorsorge-Instrumenten sollen in den Entwicklungsländern Krisen abfedern helfen und die Politiken der verschiedenen Länder sollen in akuten Knappheitssituationen über ein neues „Rapid Response Forum“ besser koordiniert und aktiviert werden. Die Agrarminister sind auch entschlossen, für mehr Transparenz und Information auf den internationalen Märkten zu sorgen. „Inwiefern eine Regulierung der Finanzmärkte über Preis- und Mengenlimits erforderlich ist, wird just heute thematisiert“, verriet Wacker.
Private Investoren, die sich mit Land und Agrarrohstoffen beschäftigen, sollten nicht per se verteufelt werden, aber Regeln zum Wohle der Bevölkerung vor Ort sind unabdingbar, lautete das gemeinsame Fazit der Veranstaltung. Und so blicken alle gespannt auf die Ergebnisse des UN-Welternährungsausschusses, der in Rom tagt, um neue Leitlinien zu beraten.

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