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Referat III/6 Familie, Frauen, Senioren, Religion und Gesellschaft, Integration
Dr. Bok-Suk Ziegler
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Lebenswelt der deutsch-türkischen Migranten
Am 31. Oktober 1961 wurde mit der Türkei das Anwerbeabkommen zur Behebung der defizitären Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt geschlossen. 2011 jährte sich der Jahrestag der Unterzeichnung des Abkommens zum 50. Mal. Aus diesem aktuellen Anlass fand vom 28. bis zum 30. Oktober 2011 in Wildbad Kreuth ein Seminar statt, in dem die Lebenswelt der deutsch-türkischen Migranten erläutert und darüber diskutiert wurde.

- Andreas Goldberg
Zuerst blickte Dr. Andreas Goldberg, Geschäftsführer der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, auf die Anfänge zurück, als nach einem komplizierten und – wie später zum Ausdruck kam – zum Teil entwürdigenden Auswahlverfahren zahlreiche türkische Männer nach Deutschland kamen, um – so war es geplant – nach einem oder zwei Jahren wieder in die Türkei zurückzukehren. Dies erwies sich bald aus mehreren Gründen als nicht realistisch und deshalb nicht durchführbar. Vielmehr kam es zum Nachzug der Familien, und inzwischen sind die Türken der ersten Generation und ihre Nachfahren Teil der deutschen Lebenswelt. Trotzdem sind sich beiden Seiten noch nicht grundlegend und befriedigend nahegekommen. Eingehend und engagiert hatten schon in der Vorstellungsrunde die Teilnehmer ihre persönlichen Erfahrungen geschildert, häufig positive, aber auch manche enttäuschenden. Die Gründe für diesen Lauf der Migrationsgeschichte galt es zu eruieren, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen.
Des Weiteren behandelte Dr. Goldberg die letzten Jahrzehnte, in denen aus der Gesellschaft mit Gastarbeitern eine Gesellschaft mit Einwanderern wurde, wobei gerade bei den Einwanderern aus der Türkei eine starke Affinität zur Heimat erhalten blieb. Dennoch – dies hat sein Institut in zahlreichen Befragungen festgestellt – entwickelte sich keine Parallelgesellschaft (was ja immer wieder behauptet worden war). In Nordrhein-Westfalen leben 34 Prozent aller Gastarbeiter-Einwanderer (etwa 600.000). Die allerwenigsten der „Deutsch-Türken“ - nämlich kontinuierlich weniger als fünf Prozent - lehnen grundsätzlich Kontakte zu den Deutschen ab. Jedoch gibt es etwa 14 Prozent „Segregierte“ (die also kaum Kontakte haben), was im Wesentlichen an mangelnden Deutschkenntnissen und geringer beruflicher Qualifikation liegt. Wie viel sich im Laufe der Zeit geändert hat, zeigt die Zahl der 70.000 türkischen Unternehmer in Deutschland, von denen einer unter den Seminarteilnehmern war, der junge Rechtsanwalt Emre H., der die Anwesenden während des Seminars über viele wichtige und erhellende Facetten des neueren deutschtürkischen Lebens aufklären konnte.

- Mirjam Orthen
Dazu trug auch Mirjam Orthen bei, eine Studentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, die als Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters einen eigenen Kurzfilm beisteuerte, der die Gefühlswelt vergleichbarer Jugendlicher behandelt. Schon von diesem Film waren die Anwesenden stark beeindruckt, da er Einblicke lieferte, die den Außenstehenden sonst verborgen bleiben. Dies war auch in dem zweiten Film, „Almanya - Willkommen in Deutschland“ (Regie: Yasemin Samdereli), der Fall, in dem das Leben eines Gastarbeiters und seiner Familie der ersten Jahre berührend dargestellt ist.

- Elif Duygu Cindik
Dr. med. Elif Cindik, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie aus München, Deutsch-Türkin, dank ihrer Ausbildung souverän in der deutschen, der türkischen und der englischen Sprache, einzige deutsch-türkische Psychiaterin in Bayern und gefragte Expertin für Fragen im deutsch-türkischen Zusammenleben, sprach über ihre Erfahrungen im allgemeinen und im medizinischen Bereich. Sie brachte viele hilfreiche Einzelerkenntnisse hervor: Beispielsweise werden die traditionellen Werte des Herkunftslandes in der Diaspora bewahrt, denn die Menschen bleiben häufig auf dem Stand, auf dem sie ausgewandert sind. So seien die Türken in Deutschland häufig „traditioneller“ als in der Türkei. Oder: Der Wille zur Alltagsbewältigung ist bei allen gleich, hier wie dort. Und häufig haben die Menschen hier bessere Vorsätze als zuhause, denn sie wollen etwas schaffen, wollen erfolgreich sein. Alles in allem viele interessante Erkenntnisse und Hinweise, wofür sich die Teilnehmer des Seminars herzlich bedankten.

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