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Referat II/5 Technologie, Medien und Kultur, Jugend und Gesundheit
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Literatur und Theater - wozu?

Jürgen Seeger (Foto: BR/Ralf Wilschewski)

Literatur und Theater haben heutzutage starke Konkurrenz durch die Informations- und Eventindustrie. In einem Gespräch gingen am 18. Juli 2011 die Theaterfachleute C. Bernd Sucher und Jürgen Seeger der Frage nach Sinn und Bedeutung von Literatur und Theater nach.

Für die Theatermacher stellt sich die Frage nach dem „Wozu“ nicht. Theater muss sein, sagte der Überraschungsgast der Abendveranstaltung, Schauspieler Thomas Loibl. Er verstehe zwar, dass Kultur- und Haushaltspolitiker diese Frage stellen müssen, weil die finanzielle Seite öffentlich immer diskutiert und kontrolliert werden muss. Die Frage, wozu Sport, insbesondere wozu Fußball, werde nicht in dieser Häufigkeit und Dringlichkeit aufgeworfen, obwohl hier durchaus größere Kosten für öffentliche Haushalte anfallen. Bernd Sucher, ein leidenschaftlicher Verfechter kultureller Bildung, ergänzte, dass für ihn Literatur und Theater quasi den Stellenwert von Lebensmitteln hätten. Sie sind Mittel, die zum menschlichen Leben unverzichtbar wären. Insbesondere das Theater sei eine Schule des Sehens für alle Fragen des menschlichen Seins. Er verwies auf das antike Modell von Demokratie. Im Stadtstaat Athen herrschte Theaterpflicht, der Theaterbesuch wurde bezahlt. Die Athener Bürger waren als Ganzes möglicherweise gebildeter als die Bürger in den heutigen Demokratien.

Die Antworten auf die Frage, wozu Literatur und Theater, hörten sich dann nicht so griffig an, wie wir es uns in unserem eintrainierten Mittel-Zweck-Denken wünschen. Herausgearbeitet wurde im Gespräch zwischen Bernd Sucher, Jürgen Seeger und Thomas Loibl der Wert der Bildung. Das Bildungspotenzial des Bürgers muss in heutiger Zeit verstärkt aktiviert und gefördert werden und dieses  gelinge nur über die Stärkung der Kontakte zu Literatur und Theater. Bildung schaffe den Zusammenhalt zwischen den Menschen, das achtsame und friedliche Miteinander und letztlich sichere Bildung den Wohlstand von heute und trage zum Wohlstand von morgen bei. Eigentlich müssten die Bürger auf „die Straße“ gehen, wenn ein Theater von der Schließung bedroht werde. Die Bedeutung von Literatur und Theater werde allerdings in der Bevölkerung nicht im notwendigen Maße gesehen. Vermutlich müssten erst alle Theater schließen, wie einige Theatermacher provokant formulieren, damit der „nährende“ Wert allgemein erkannt werde. Treffende Aussagen über den Wert von Literatur und Theater kamen aus dem aufmerksamen Publikum: „Literatur und Theater helfen, Gedanken zu denken, die man sonst nicht denkt, Gefühle zu fühlen, die man schon lange nicht gefühlt hat, systemische Zusammenhänge erkennen, die ansonsten verborgen blieben.“ Literatur und Theater könnten sogar therapeutisch wirken und seelisches Leid lindern helfen.

C. Bernd Sucher

Das Podium war sich einig, dass die Lust auf Literatur und Theater, oder gar die Leidenschaft oftmals erst geweckt werden müsse. Dieser Aufgabe müssen sich die Kulturvermittler (Eltern, Lehrer, Autoren, Kritiker, Theatermacher, etc.) schon früh stellen. Es gibt auch kaum mehr ein Theater, das nicht über ein pädagogisches Kinder- und Jugendprogramm verfügen würde. Die Vermittlungsbemühungen könnten dabei jedoch kreativer gestaltet werden, meinte Thomas Loibl. Jürgen Seeger und Bernd Sucher erzählten denn auch, dass bereits in früher Kindheit ihre Leidenschaft für das Theater, die Musik und die Literatur entfacht worden war. Ob es ohne (sanften) Zwang gehen könne, Kinder zum Lesen klassischer Literatur zu bewegen, wie Bernd Sucher forderte, wird aus dem Auditorium, in dem Lehrer über ihre engagierten und manchmal frustrierenden Kulturvermittlungsversuche berichteten, unterschiedlich beurteilt. Manchmal würden stark „Event“-lastige Theateraufführungen, das zuvor in der Schule mühsam erarbeitete Literaturwissen erschüttern. Schüler und Lehrer seien bei der Vermittlung von literarischen Stücken eher konservativ und stehen sprachlichen Vereinfachungen, aber auch banalen Regietheaterkonzeptionen kritisch gegenüber. Einig waren sich Zuhörer und Akteure der Veranstaltung, dass die Aneignung klassischer Literatur ein gewisses Ausmaß an Aufmerksamkeit und Disziplin erfordere. Die Leidenschaft und Lust ergebe sich erst durch intensive Arbeit mit dem „Stoff“. Hier stehe man in Konkurrenz mit einer „Event-Kultur“ und der weit verbreiteten Konsumhaltung, die auch durch die neuen Medien intensiviert werde.

Ob Medien aber helfen können, Literatur und Theater besser zu vermitteln, wurde eindeutig bejaht, wenn auch hier weitere, differenzierende Anstrengungen unternommen werden müssten. So ist die Fernsehsendung des Bayerischen Rundfunks „Suchers Leidenschaften“ erfolgreich, weil sogar zu mitternächtlichen Sendezeit noch 100.000 Zuschauer erreicht werden konnten (das entspricht ca. 100 Theateraufführungen). Generell aber könne Fernsehen die Magie des Theaters, das kollektive Erleben einer Aufführung, die letztlich zu einem unmittelbaren Selbsterfahrungserleben stimuliere, nicht vermitteln. Mediale Vermittlung hat seinen Wert in der Dokumentation einer Aufführung, um sich zu informieren, sich Kenntnis über eine bestimmte Inszenierung an einem bestimmten Aufführungsort zu verschaffen.

Bleibt noch ein besonderer Kulturvermittler: Der Kritiker. Auch er könne, so Bernd Sucher, der früher Theaterkritiken für die Süddeutsche Zeitung schrieb, nicht mehr die Entschlüsselungsarbeit leisten, die notwendig wäre, um die Bedeutung bzw. den Wert einer Aufführung dem Leser zu vermitteln. Das Feuilleton einer Zeitung wurde im letzten Jahrzehnt systematisch gekürzt, dem Journalisten stehen meist nur wenige Zeilen für seine Kritik zur Verfügung. Die Meinungsvielfalt der Kritiker wurde ebenfalls eingeschränkt, da unterschiedliche Qualitätszeitungen immer öfter die Kritik eines einzigen Journalisten veröffentlichen.  Auch hier sei die Konkurrenz zum Internet spürbar geworden.

Die kulturelle Vermittlungsarbeit bleibe auch in Zukunft von zentraler Bedeutung. Hier müssten die Bemühungen nochmals verstärkt werden. Vor allem die Kommunen müssten weiter davon überzeugt bleiben, dass Theater oder die Gemeindebibliothek keine freiwilligen Leistungen seien, die man in Zeiten knapper Kassen, zurückfahren könne. Die derzeitige finanzielle Situation der deutschen Theater sei aber im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer noch zufriedenstellend.

Zum Anfang der Veranstaltung konnte sich das Publikum überzeugen, welche Wirkung ein professioneller Vortrag der Kurzgeschichte „Das Bettelweib von Locarno“ von Heinrich von Kleist entfalten kann. Der Schauspielerin Lilly Gropper von der Theaterakademie August Everding gelang eine wunderbare emotionale Vermittlung einer relativ unbekannten Erzählung und sie erntete dafür auch den verdienten Applaus.

Jürgen Seeger schloss die Veranstaltung mit einem Zitat von Bertolt Brecht: „ ... den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ (Der gute Mensch von Sezuan, Epilog).