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Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair
Staatminister a.D, Senator E.h.
Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung
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Politik als Auftrag
Demokratie, Frieden und Entwicklung - unter diesen Dreiklang hat die Hanns-Seidel-Stiftung ihre Arbeit gestellt, in Bayern, in Europa und inzwischen in über 70 Ländern dieser Erde. Seit nunmehr 44 Jahren ist sie eine der erfolgreichsten Mittlerinnen zwischen Wissenschaft, Politik, Kultur und den Menschen vor Ort. Wer aber war der Mann, der dieser Stiftung seinen Namen lieh? Wer war Hanns Seidel?
Stabilität, Sicherheit, ein weltweit geachteter Rechtsstaat, politische Kultur, die auch die Fähigkeit zur kontroversen Debatte besitzt - was uns Heutigen selbstverständlich erscheint, war für die Deutschen der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts weit entfernt. Hanns Seidel, als Franz Wendelin Seidel 1901 in Schweinheim bei Aschaffenburg geboren, erlebte die Brüche und Verwerfungen jener düsteren Zeitläufte hautnah. Als Jurist war er früh ins Visier der braunen Machthaber geraten, wurde öffentlich als "Judenanwalt" geschmäht. Als Politiker der Bayerischen Volkspartei bezog er gegen die Nazis vehement Stellung. Grund genug für das Regime, Hanns Seidel zu verhaften.
"Schutzhaft" nannten sie zynisch diese Form des Kaltstellens politisch unliebsamer Zeitgenossen. Von Kollegen unterstützt, konnte Seidel fliehen. In Litauen fand er für einige Zeit Unterschlupf. Unter Auflagen konnte er seinen Beruf später zwar weiterführen, doch nicht für lange: Kurz nach dem Ausbruch des Weltkrieges wurde er trotz seines fortgeschrittenen Alters eingezogen und verbrachte die gesamte Kriegszeit an der Ostfront. In Schlesien geriet er schließlich in Gefangenschaft. Von den Amerikanern den Russen übergeben, rettete ihn ein zweites Mal die Flucht. Mit blutigen Füßen gelangte er wieder in die zerbombte Heimat.
Auf den Trümmern des Krieges begann Hanns Seidel eine der in Deutschland eindrucksvollsten Laufbahnen - nicht, weil er nach Macht strebte, sondern aufgrund seiner Erfahrungen im nationalsozialistischen Unrechtsstaat. Der Unterfranke wollte Bayern und Deutschland eine neue Düsternis im mörderischen Streit der extremen politischen Lager ersparen.
Innerhalb von zwei Jahren stieg Seidel zum Wirtschaftsminister und Mitglied der bayerischen Regierung auf. Sieben Jahre später kürte ihn die Christlich-Soziale Union zu ihrem Vorsitzenden. Nach drei Jahren intensiver Oppositionsarbeit gelang unter seiner Führung schließlich der Sturz der Viererkoalition. "Eine echte Meisterleistung", wie sich einer seiner Söhne heute erinnert. 1957 bestimmte ihn der bayerische Landtag zum Ministerpräsidenten.
Seidel war bestens geeignet, die tiefen Gräben im Land zu überbrücken. Er orientierte sich an Sachfragen, nicht an politischen Ideologien. Mit starkem Willen, Leidenschaft und enormer intellektueller Kapazität trieb er die Arbeit am ersten freien Gemeinwesen auf deutschem Boden voran. Seine Distanz befähigte ihn, strittige Fragen von gehobener Warte aus zu beurteilen. Viel über seine Haltung verrät eine Rede, die Hanns Seidel 1956 vor dem bayerischen Landtag hielt:
"Wer die politische Wirklichkeit aufmerksam betrachtet, kann nicht übersehen, dass die Idee eines freiheitlichen politischen Systems keineswegs als ein fester Erlebniswert im Bewusstsein unseres Volkes lebendig und wirksam ist. Gewiss sind Fortschritte gemacht worden, aber schon die Tatsache, dass wir gezwungen sind, uns immer mehr mit den Angriffen von Rechts und Links gegen dieses System zu beschäftigen, muss uns beweisen, wie sehr wir noch von politischer Bildung entfernt sind." Diese Sätze könnten fast als Gründungsimpuls für die Hanns-Seidel-Stiftung gelesen werden, zu deren Kernauftrag seit ihren Anfängen die "demokratische und staatsbürgerliche Bildung des deutschen Volkes auf christlicher Grundlage" zählt.
Hanns Seidel, der nicht nur führen konnte, sondern sich als gläubiger Christ auch selbst geführt sah, konnte "das schönste Amt der Welt" des Bayerischen Ministerpräsidenten nur bis 1960 bekleiden. Dann zwangen ihn gesundheitliche Gründe zum Rückzug. Ein Jahr später gab er auch das Amt des Parteivorsitzenden auf. Ein kleiner Trost: Wir verdanken dieser durch Krankheit erzwungenen Pause seine drei bis heute lesenswerten Bücher. Zwei von ihnen schrieb er unter größter Anstrengung im Krankenhaus, umringt von den geliebten Bücherstapeln.
Ein anderes wertvolles Erbe ist die Hanns-Seidel-Stiftung. Als sie ihre Arbeit aufnahm, war Hanns Seidel schon sechs Jahre tot. Doch mit seinem Charakter, seiner Haltung, seiner Arbeit hatte er all das vorgegeben, was bis heute den Kern der Hanns-Seidel-Stiftung ausmacht. Von Schülerzeiten an hatte sich Hanns Seidel mit dem humanistischen Bildungsgedanken eng verbunden, als dessen Kern er die Idee der selbstverantwortlichen, umfassenden Persönlichkeitsbildung verstand. Hinzu kamen seine Erfahrungen im Unrechtsstaat, sein Wissen um die Unschätzbarkeit von Stabilität, Demokratie, Gerechtigkeit und Sicherheit. Wie wenige seiner Weggefährten hat Hanns Seidel zudem grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Weltanschauung, Werten, Moral und politischem Handeln angestellt. Die Frage nach einer ethischen Fundierung der Politik ließ ihn zeitlebens nicht los.
Für Hanns Seidel lagen diese Überlegungen festgegründet in seinem christlichen Glauben katholischer Prägung. Dieser Glaube war ihm Richtschnur für alle wesentlichen Probleme der politischen Ethik. So wurde er zu einem Politiker, für den Toleranz nicht nur Duldung, sondern Achtung vor dem anderen war. Seiner Christlich-Sozialen Union sollte er 1960 ins Stammbuch schreiben:
"Die Glaubwürdigkeit und die Rechtfertigung einer solchen Partei hängen davon ab, ob in ihr ein unerschütterlicher Kern von Menschen tätig ist, der in der Politik nicht nur eine Gelegenheit zur Ausübung der Macht sieht, sondern von der Überzeugung durchdrungen ist, dass es keine Diskrepanz zwischen Weltanschauung und politischem Handeln geben darf, dass vielmehr Politik ein Auftrag ist, dessen Vollzug am Ende der Tage verantwortet werden muss. Je größer und zuverlässiger dieser Kern ist, desto weiter kann der Bogen gespannt werden, unter dem Menschen der verschiedensten Herkunft ihre politische Heimat finden können."
Einer Politischen Stiftung, die in Bayern, Deutschland und Europa Wissen und Werte vermittelt, die ihre weltweite Arbeit für Demokratie, Frieden und Entwicklung in ihrer Satzung ausdrücklich auf "christlicher Grundlage" ansiedelt und sich zum "christlichen Menschenbild" als Orientierungsmaßstab bekennt, steht der Namenspatron Hanns Seidel auch im fünften Jahrzehnt ihres Wirkens gut an.
Hans Zehetmair
Namensartikel im Bayernkurier im Doppeljubiläumsjahr 110. Geburtstag und 50. Todestag Dr. Hanns Seidels

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