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Referat II/2 Recht, Staat, Europäische Integration, Integrationspolitik und Dialog der Kulturen
Bernd Rill
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Religiöse Implikationen des Nahostkonfliktes
Während alle Welt gespannt verfolgt, wie Mahmud Abbas die Anerkennung Palästinas als Staat und Vollmitglied der Vereinten Nationen betreibt, hat sich eine Expertentagung der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Problematik des Nahostkonfliktes in grundsätzlicher, über die Tagesaktualität hinausgehender Weise, gewidmet.
Bei einer Expertentagung vom 21. bis 22. September 2011 im Bildungszentrum Wildbad Kreuth wurde die religiöse Komponente in den Mittelpunkt gestellt: Jerusalem ist allen drei monotheistischen Religionen heilig, den Christen, Juden und den Moslems. Zentral ist der Tempelberg, auf dem einst der Tempel Salomons gestanden hatte, und auf dem nach der islamischen Eroberung die muslimischen Heiligtümer des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee errichtet worden sind. Soll es zum Frieden zwischen Juden und Moslems kommen, so müsste dieser ermöglichen, dass die Juden ihren Tempel wieder errichten, nach dem sie sich seit fast zwei Jahrtausenden sehnen, und gleichzeitig den Moslems signalisieren, dass dies keine Provokation bedeutet. Vielmehr sollen die Juden ihre Qualifikation als „Auserwähltes Volk“ in dem Sinne definieren, dass sie auserwählt sind, dem Nahen Osten den Frieden zu bringen. Dies hat zur Voraussetzung eine Heilung der Traumata, die Juden und Moslems historisch erfahren haben, und die ihr Verhältnis zueinander in Spannung halten: bei den Juden die unendlichen Verfolgungen in der Vergangenheit mit dem Gipfelpunkt im Holocaust, bei den Moslems ihre Wahrnehmung, in der modernen Welt gegenüber dem Westen in politischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Nachteil geraten zu sein. Wenn beide Glaubensgemeinschaften sich darauf besinnen, dass sie beide „Kinder Abrahams“ sind (auch die Christen sind hier einzubeziehen), gewinnen sie die religiöse Grundlage, von der ausgehend Versöhnung stattfinden kann.
In der Diskussion, die von Angehörigen aller drei involvierten Konfessionen geführt wurde, ergab sich als hauptsächlicher Kritikpunkt: man könne allenfalls Traumata einer Einzelperson behandeln, nicht aber die ganzer Kollektive. Bis jetzt habe die Einbeziehung religiöser Gesichtspunkte den Nahostkonflikt eher verstärkt als gemildert. Eine definitive Friedensregelung sei, wenn überhaupt, so von säkularen Politikern zu erwarten, nicht von religiösen Kräften. Dagegen steht: da niemand die weitere Entwicklung des israelisch-arabischen Konfliktes zuverlässig voraussagen kann, ist es gerechtfertigt, seine religiöse Komponente als wichtiges Element einer möglichen Lösung ernst zu nehmen. Es gibt so viele unvorhergesehene Sprünge und Brüche in der Weltgeschichte, dass es den Zeitgenossen nicht ansteht, zukünftige Optionen von der Hand zu weisen, weil man sie im Augenblick für unwahrscheinlich hält.

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