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Referat II/6 Umwelt, Klima, Ländlicher Raum, Ernährung und Verbraucherschutz
Silke Franke
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Energie aus Biomasse – Ethik und Praxis
Die energetische Verwendung von Biomasse wird kontrovers diskutiert: „Tank oder Teller“ und „Vermaisung der Landschaft“ sind die medienwirksamen Schlagworte. Ist die Biomassenutzung eine zukunftsfähige Technologie? Dazu erörterte ein interdisziplinär besetztes Podium mit Fachleuten ethische Aspekte, kombiniert mit Perspektiven aus und für die Praxis.
Das Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum mit der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung fand dieses Jahr nicht in München statt: Das Technologie- und Förderzentrum (TFZ) im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe, ein weiterer kompetenter Partner, lud nach Straubing ein.
Dr. Bernhard Widmann, Leiter des TFZ: "Uns steht eine energetische Revolution bevor. Bis zum Jahr 2020 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien am Endenergiebedarf auf 18 Prozent erhöhen, bis 2050 sogar auf 60 Prozent“. Die Veränderungen in der Landschaft bewegt die Öffentlichkeit. Umso wichtiger ist eine sachlich geführte Kommunikation.
Bei den Diskussionen um Biotechnologien geht es letztendlich um Zukunftsvorstellungen und Gesellschaftsentwürfe – „das macht sie so konfliktreich“, bestätigte der Theologe Dr. Stephan Schleissing. Ein weiterer Aspekt sind kultur-historische Prägungen: „Weizen hat bei uns eine hohe Symbolkraft als Grundnahrungsmittel“. Der Geschäftsführer des Münchner Institutes Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) stellte in seinem Vortrag ein ethisches Diskussionsmodell vor, das eine Studie zu Energie aus Biomasse entwickelt hat. In christlicher Tradition sollte technischer und ökonomischer Fortschritt zur Schaffung von Gerechtigkeit beitragen – ein Ausdruck menschlicher Verantwortung für die Umwelt und die Mitmenschen. Ein Jeder ist dazu aufgefordert, die Auswirkungen seines Handelns zu reflektieren. Oft liegt die Problematik allerdings nicht auf der „Mikroebene“, also bei einzelnen Akteuren und Praktiken oder lokalen Entscheidungen, sondern vielmehr in der gesamten Lebensführung und internationalen Politiken.
Nach diesen nachdenklichen Ausführungen zeigten die weiteren Referenten auf, wie sie sich den Herausforderungen in der Praxis stellen. Hinter dem Begriff „ELKE“ steht die Abkürzung für extensive Landnutzungskonzepte für die Produktion nachwachsender Rohstoffe als mögliche Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen, erklärte Frank Wagener vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement in Trier schmunzelnd. Tagtäglich werden v.a. landwirtschaftliche Nutzflächen für Baumaßnahmen, Infrastrukturprojekte und die dadurch erforderlichen Kompensationsmaßnahmen umgewidmet. Das Forschungsprojekt versucht die Situation zu entschärfen, indem es das Prinzip „Naturschutz durch Landbau“ weiterentwickelt, so dass Ausgleichsflächen weiterhin landwirtschaftlich nutzbar wären. Interessant sind Mehrnutzungskonzepte, die Synergien zwischen Landbau, Naturschutz und Wertschöpfungsketten herstellen, z.B. „Agroforstwirtschaft“ oder „Kurzumtriebsplantagen“, die nicht nur zur Energiegewinnung, sondern auch zur Verbesserung der Gewässer im Sinne der anstehenden Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie beitragen.
Dass der Anbau von Kurzumtriebsplantagen (KUP) lohnt, konnte Dr. Frank Burger von der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft bestätigen. Schnellwachsende Bäume, etwa Pappel oder Weide, leisten auf landwirtschaftlichen Flächen hohe Zuwächse an Biomasse über einen langen Zeitraum. Die Ökobilanzierung - von der Flächenvorbereitung und Pflanzung bis hin zu Ernte und Produktion der Hackschnitzel - kann sich sehen lassen, wie aktuelle Daten zeigen.
Inzwischen gibt es auch regelrechte "Bioenergie-Regionen", die sich im Rahmen eines Bundes-Modellwettbewerbs (BMELV) bewährt haben. Straubing-Bogen etwa versteht sich als "Region der Nachwachsenden Rohstoffe" und blickt auf zahlreiche Maßnahmen zurück, wie Netzwerkmanagerin Laura Osterholzer berichtete. Weit über 100 Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Landwirtschaft, Medien- und Finanzwelt und Bevölkerung konnten für die Initiative gewonnen werden. Sie setzen sich für eine Optimierung der Biomasse-Stoffströme und für Wissenstransfer und Qualifizierung in dem Bereich ein.
Ein Partner, der die Gemeinden begleitet, ist das Amt für Ländliche Entwicklung. Roland Spiller, Leiter des Amtes in Niederbayern: „Die Energieberater an den Ämtern begleiten im Rahmen der Verfahren der ländlichen Entwicklung die Kommunen von der Planung bis zur Umsetzung, ob es um kommunale Energiekonzepte und Fördermöglichkeiten, um Bodenordnung und Erschließung oder Bürgerbeteiligung geht“.
Viele Bürger sind zwar für die Energiewende, aber bitte nicht „vor der eigenen Haustüre“. Mit solchen Problemen kämpft auch Ascha, doch die 1.550 Einwohner zählende Gemeinde weist Erfolge auf, die für sich sprechen: Die Stromerzeugung aus regenerativer Energie übersteigt den Verbrauch bei weitem, nämlich um 150%. Auch immerhin 62% des Wärmebedarfs wird aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt. Und - seit 2001 ist der Energieverbrauch um 44% gesunken. "Die Umsetzung geht nicht allein über Wissen - es braucht auch Phantasie“ so der Rat von Bürgermeister Wolfgang Zirngibl und weiter: „Wir machen auch mal Fehler, aber das ist gut so, denn gerade daraus haben wir viel gelernt und nun besuchen uns viele andere Gemeinden, um sich die Ergebnisse anzuschauen!".
Zur Veranstaltung ist eine Dokumentation geplant (Herbst 2012)
Weitere Informationen zur Veranstaltung unter: www.akademie-bayern.de
Buchhinweis: Zichy/ Dürnberger/ Formowitz/ Uhl: Energie aus Biomasse - ein ethisches Diskussionsmodell. Vieweg + Teubner, Reihe Studium 2011

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