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Roma in Europa und Ungarn

- Zóltan Balog, Lívía Jároka, MdEP, Daniel Strauss
Dass es bei der Berlinale nicht ausschließlich um Glamour und Vergnügen geht, es durchaus Raum für gesellschaftspolitische Diskussionen gibt, zeigt der Film „Csak a szél“ (engl. Titel „Just the wind“) des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf. Der Wettbewerbsfilm, der thematisch die Angriffe rechtsradikal Gesinnter gegen Roma in Ungarn in den Jahren 2008 und 2009 aufgreift, feierte seine Weltpremiere am 16. Februar 2012 in Berlin. Im Nachgang der Premiere lud der ungarische Botschafter gemeinsam mit dem Hauptstadtbüro der Hanns-Seidel-Stiftung zu einer Diskussionsrunde mit den Thema „Roma in Europa und Ungarn – ist das ein Problem?“ in die ungarische Botschaft in Berlin ein. Die Runde um Zoltán Balog, dem ungarischen Staatsminister für soziale Integration, Lívia Járóka, MdEP und erste Roma Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Herbert Heuss, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentralrates der Sinti und Roma, Daniel Strauß, Antiziganismusforscher, und Moderator Ernst Hebeker diskutierte über die Botschaft des Films im Einzelnen und die Lage der Roma in Europa und Ungarn generell.
„Csak a szél“ schildert bedrückend einen Tag im Leben einer fiktiven Roma-Familie, deren Alltag bestimmt ist von Gewalt und wiederkehrenden Übergriffen durch rechtsradikale Gangs. Man träumt von einer Ausreise nach Kanada zum dort lebenden Vater, um der Brutalität des Lebens in Ungarn entkommen zu können. Die Podiumsteilnehmer, Teile davon selbst Roma, zeigten sich einerseits erfreut, dass sich ein Film dieser Problematik annehme. Und dennoch bestand Skepsis über die Wirkmächtigkeit von Fliegaufs Werk unter den Diskutanten. So bemerkte Zoltán Balog, dass der Film zwar gegen Klischees arbeite, sie aber vielmehr auch bediene. Die Roma werden eindimensional als arm und depressiv dargestellt; sei man sozial besser gestellt, sei man kein Roma mehr. Der Schwerpunkt des Films liege auf einer alles überschattenden Gewalt, was für eine komplexe Darstellung der Roma-Problematik in seinen Augen nicht ausreicht. Auch Antiziganismusforscher Daniel Strauss empfand, dass das Bild der im Film gezeigten Roma in Ungarn nicht jenes wiederspiegle, das er kenne. Ferner entstehe durch den Film der Eindruck, man könne es als Roma nur im Ausland schaffen, Armut und Gewalt zu entkommen. Die Lösung für ein besseres Leben muss aber im Nationalstaat selbst gefunden werden. So sei der Film gut gemeint, verfehle aber seine Wirkungsabsicht. Herbert Heuss meint, dass es dem Medium Film durchaus gelingen könne, komplexe Themen wie jene der Roma-Situation darzustellen. Das gelänge, sobald Rassismus im Spiel sei, aber nur auf einer persönlichen, nicht aber politischen Ebene.
Sowohl der Titel der Diskussion und die darin enthaltene Frage, ob Roma ein Problem seien, als auch die Wirkungsabsicht des Films, nämlich auf das Problem der Roma aufmerksam zu machen, führen natürlicherweise dazu, die Debatte auf die Situation der Roma-Minderheit in Ungarn und Europa auszuweiten. Lívia Járóka sieht es als ihre Aufgabe, Missverständnisse über Roma aufzuklären und das basierend auf historischen Hintergründen und Fakten. Bei der Aufklärung helfe die Roma-Strategie der Europäischen Union. Insgesamt gehe es dabei nicht um die Behandlung der Roma als Roma, sondern darum, für eine Bevölkerungsgruppe, die in ganz Europa von sozialem Wohlstand abgeschnitten ist, Möglichkeiten zu schaffen. Schlüsselbegriffe dabei sind Beschäftigung, Schaffung von Wohnraum und Bildung. Menschenrechtliche Fragen müssen in Zukunft auch von der wirtschaftlichen Seite angegangen werden. In pragmatischer Art schilderte Járóka, dass es für alle Mitgliedsstaaten der EU aus volkswirtschaftlicher Sicht, denkt man an Bevölkerungszahlen der Minderheit, Altersstruktur und damit verbundener Rentenforderungen etc., für die Mitgliedsstaaten fünfmal günstiger sein wird, Roma zu integrieren als es nicht zu tun. Um das zu erreichen, bedarf es aber nicht nur einer Lösung von „oben“ sondern komme es auf gemeinsame Ansätze an. Dabei gelte es, auf allen Ebenen Hindernisse abzubauen. Die ungarische Regierung ist bei der Integration in den letzten zehn Jahren dabei einen wichtigen Schritt gegangen, wie Balogh schildert. Fortschritte hat die derzeitige Regierung in Ungarn damit gemacht, indem sie bewusst Probleme ansprach, die man normalerweise aus Gründen der „Political Correctness“ nicht benannte. Ziel war es, einen Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen man eine freie Diskussion führen und man auf die Menschen, die Roma ablehnen (in Ungarn geben immerhin 70 % der Bevölkerung an, Roma abzulehnen) zugehen könne. „Wenn wir mit den Leuten nicht reden, verlieren wir sie an extremistische Kräfte“, so Balogh.
Insgesamt bleibt, trotz aller bisherigen Bemühungen seitens der Europäischen Union und der ungarischen Regierung, die Erkenntnis, dass man zukünftig Maßnahmen effektiver umsetzen muss und es auf administrativer Ebene Umstrukturierungen bedarf, um Hilfen wirksamer und nachhaltiger einsetzen zu können. Die Diskussion zeigte aber auch, dass die Problematik der Lebensumstände von Roma von der ungarischen Politik wahrgenommen wird, nicht die Roma als ethische Minderheit selbst. So bleibt zu hoffen, dass die Politik der Integration von allen Seiten weiterverfolgt wird. „Csak a szél“ erhielt übrigens am Samstag den Großen Preis der Berlinale Jury.

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