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Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 82: Homo Oecologicus, Menschenbilder im 21. Jahrhundert
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Starke Frauen Starke Worte. Im Gespräch mit Charlotte Knobloch

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern
(v.l.n.r.) Charlotte Knobloch, Stephanie Heinzeller (Moderation), Peter Witterauf

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, war am 19. November 2012 zu Gast bei "Starke Frauen Starke Worte". Über 90 Damen und einige Herren waren im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung zusammen gekommen, um mehr über das Leben und Wirken von Charlotte Knobloch zu erfahren.

Der Hauptgeschäftsführer der Hanns-Seidel-Stiftung, Dr. Peter Witterauf, eröffnete die nunmehr elfte Veranstaltung dieser Reihe. Er beglückwünschte Charlotte Knobloch nachträglich zum 80. Geburtstag und ließ die entscheidenden Stationen ihres Wirkens kurz Revue passieren: Seit 1985 ist Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, von 2003 bis 2011 war sie Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses, seit 2005 ist sie Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses und Ehrenbürgerin der Stadt München. Von 2006 bis 2010 war Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem sie bereits seit 1997 als Vizepräsidentin vorstand. 2010 wurde sie mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Zu Beginn des Gesprächs erkundigte sich die Moderatorin Stephanie Heinzeller bei Charlotte Knobloch nach der aktuellen Lage in Israel und der entgegengebrachten Solidarität. Knobloch antwortete, dass ihr die Situation der Menschen in Israel Kummer und Sorge bereite, denn durch die Raketeneinschläge in unmittelbarer Nähe von Tel Aviv habe die Bedrohungslage eine neue Stufe angenommen. Mehrmals täglich telefoniere sie mit ihrer Tochter, die in Tel Aviv als Ärztin arbeitet. Wir alle wünschten uns, so Knobloch, diese unerträgliche Situation würde bald aufhören. Mit Blick auf die internationale Solidariät sagte Knobloch, sie wünsche sich bisweilen in der deutschen Bevölkerung und den Medien mehr Empathie für die Menschen in Israel und mehr Verständnis für die einzigartige geopolitische Situation Israels. Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sei es schwer zu ertragen, wenn Israel als einziger demokratischer Staat in der Region einseitig kritisiert werde. Knobloch fügte hinzu, dass die internationale Staatengemeinschaft irre, wenn sie glaubte, diese Situation beträfe nur Israel. Der Terror richte sich gegen alle, die bewusst und wehrhaft in freiheitlich-demokratischen Systemen leben wollen.

Charlotte Knobloch, Stephanie Heinzeller
Im Oktober 2012 erschienene Biographie "In Deutschland angekommen"

Anschließend wollte die Moderatorin Details aus Knobloch's bewegter Vergangenheit erfahren. Knobloch schilderte daraufhin ihren Lebensweg eindringlich: Sie wurde 1932 als Tochter des angesehenen Rechtsanwalts Fritz Neuland in München geboren. Ihre Mutter, die zum Judentum konvertiert war, trennte sich 1936 aufgrund des starken sozialen und behördlichen Drucks vom Vater. Knobloch blieb beim Vater, den Platz der Mutter nahm die Großmutter ein. Als der Vater mit ihr und der Großmutter 1939 in die USA auszuwandern wollte, war es zu spät. Ihre Großmutter kam 1944 im KZ Theresienstadt um, ihr Vater überlebte als Zwangsarbeiter. Sie selbst überlebte den Holocaust in einer kleinen mittelfränkischen Gemeinde als vermeintlich uneheliche Tochter der streng katholischen früheren Hausangestellten ihres ausgewanderten Onkels. Nach der Befreiung durch die US-Armee kehrte sie nur widerwillig mit dem Vater nach München zurück. 1951 heiratet sie den Kaufmann Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Die Geburt ihrer drei Kinder durchkreuzte ihre Auswanderungspläne in die USA, doch die gepackten Koffer standen noch Jahrzehnte auf dem Speicher, so Knobloch. Erst 2003, nach der Grundsteinlegung für das Jüdische Zentrum in München packte sie die Koffer endgültig aus. Denn die neue Hauptsynagoge und das Gemeindezentrum im Herzen Münchens sind für sie das bauliche Symbol für die gelungene Heimkehr des Judentums in Deutschland. Sie ist dankbar, dass sie erleben und daran mitarbeiten darf, dass jüdisches Leben wieder zu einem anerkannten, selbstverständlichen Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden ist. Die Einweihung der neu erbauten Münchner Synagoge am 9. November 2006 war einer der wichtigste Tage in ihrem Leben. Den Anblick der brennenden Synagoge am 9. November 1938 in München wird Knobloch dennoch nie vergessen.

Charlotte Knobloch hat viel erlebt und noch mehr bewegt. Seit Jahrzehnten warnt sie als leidenschaftliche freiheitliche Demokratin vor dem Rechtsradikalismus und anderen menschenverachtenden Ideologien, vehement fordert sie ein NPD-Verbot. Gleichzeitig spricht sich Knobloch für einen „aufgeklärten Patriotismus“ aus. Sie appeliert an die Jugend in der Bunderepublik, sich politisch zu engagieren, stolz auf die Errungenschaften der letzten sechs Jahrzehnte zu sein und entschlossen für die freiheitlich-demokratischen Grundwerte einszustehen. Unermüdlich setzt sie sich für die Aussöhnung zwischen Juden und Nicht-Juden und den interreligiösen Dialog ein. Generationenübergreifend kämpft sie gegen das Vergessen und wirbt für politisches und gesellschaftliches Engagement.

Charlotte Knobloch ist eine starke und mutige Frau. Ihr Wirken hat maßgeblich zur Emanzipation in der jüdischen Gemeinde beigetragen. 1981 kandidierte sie erstmals für den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die ihr Vater wieder mit aufgebaut und jahrelang geleitet hatte. 1985 wurde sie als erste Frau Präsidentin einer jüdischen Großgemeinde. Seither wurde sie bei allen im vierjährigen Turnus abgehaltenen Wahlen in ihrem Amt bestätigt, zuletzt am 18. Juli 2012.

Wir wünschen Charlotte Knobloch weiterhin viel Kraft für ihr unermüdliches Engagement und danken ihr für dieses tief bewegende Gespräch!