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Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 82: Homo Oecologicus, Menschenbilder im 21. Jahrhundert
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Stiftungspost Ausgabe 03 / 12
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Starke Frauen Starke Worte. Im Gespräch mit Luitgard Wiest

Daniela Arnu im Gespräch mit Luitgard Wiest

Die stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Ursula Männle eröffnete die nunmehr neunte Veranstaltung der Reihe Starke Frauen Starke Worte. Über 70 Damen und einige Herren waren im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung zusammen gekommen, um mehr über das Leben und Wirken von Dr. Luitgard Wiest zu erfahren.

Moderatorin Daniela Arnu stellt zu Beginn des Gesprächs entscheidende biographische Schlüsselfragen: Frau Wiest, Sie haben in Paris Fremdsprachen studiert, gingen dann aber 1960 als Stewardess nach Addis Abeba? Was war geschehen? Und wie kamen Sie von dort zur Dermatologie, wo Sie doch eigentlich nie Ärztin werden wollten? Das stimmt, Ärztin wollte Luitgard Wiest ursprünglich nicht werden, doch ihre Erfahrungen in Äthiopien ließen sie nicht mehr los. Aber der Reihe nach: Wiest’s Mutter war im Zweiten Weltkrieg die einzige Ärztin einer Kleinstadt und hatte kaum Zeit für sie und ihre vier Geschwister. Aufgrund dieser Erfahrung wählte Wiest einen anderen Weg und studierte Fremdsprachen an der Sorbonne. Als der Vater unerwartet stirbt, muss sie ihren Studienaufenthalt in Paris selbst finanzieren und erhält den Tipp, dass Ethiopian Airlines ab sofort Stewardessen sucht. So kam sie 1960 als Stewardess nach Addis Abeba. In ihrer Freizeit lernt sie Amharisch und begleitet deutsche Ärzte auf Impftouren ins Landesinnere. Dabei wird ihr bewusst, wie viel man dort als Ärztin bewirken kann. Sie beschließt Medizin zu studieren, um in Äthiopien helfen zu können. Nach erfolgreicher Promotion in Heidelberg löst sie ihr Versprechen ein und kehrt 1970 als Ärztin im Auftrag der GTZ zurück nach Äthiopien. Mittlerweile ist sie Mutter einer 3-jährigen Tochter und unverheiratet. Zur damaligen Zeit hatten „uneheliche“ Kinder noch einen Amtsvormund und so musste Wiest per Gerichtsverfahren klären lassen, ob sie ihr Kind nach Äthiopien mitnehmen darf. Aufgrund der verschärften Sicherheitslage wird sie 1972 nach Deutschland zurückbeordert. Ihr ehemaliger Doktorvater überzeugt sie davon, sich bei ihm in Heidelberg zur Fachärztin der Dermatologie ausbilden zu lassen. In dieser Zeit wird auch ihr Sohn geboren. Heute begleitet er sie auf Kriseneinsätze nach Afghanistan.

Susanne Schmid (l.), Ursula Männle, Luitgard Wiest und Moderatorin Daniela Arnu

Und wie kamen Sie nach München und speziell zur ästhetischen Dermatologie? so die Anschlussfrage der Moderatorin. Nach München kam Wiest 1977 eher zufällig, weil sie dort eine Hautarzt-Praxis gegenüber der Oper übernehmen konnte. Viele Künstler gehörten zu ihren Patienten und trugen Wünsche nach Hautverjüngung an sie heran. Damals waren ästhetische Hautbehandlungen noch als „unsittlich“ verpönt, doch inspiriert von amerikanischen Kollegen wendet Wiest 1992 als Erste in Deutschland Botox zur Faltenbehandlung an. Mittlerweile ist sie eine ausgewiesene internationale Expertin und widmet sie bewusst auch den Opfern ästhetischer „Fehlbehandlungen“.

Frau Wiest, in München betreiben Sie eine Praxis, die sich auf ästhetische Korrekturen spezialisiert hat und in Somalia behandeln Sie Kriegsverletzungen und Lepra. Was treibt Sie an und wie können Sie diese beiden Welten miteinander vereinbaren? wollte Arnu wissen. Die Triebfeder zu helfen ist die Dankbarkeit, in Deutschland geboren zu sein und einen Beruf erlernt zu haben, der dies auch ermöglicht, so Wiest. Seit 1980 schließt sie bewusst drei Monate im Jahr ihre Praxis um für „Cap Anamur“ in Krisengebieten zu helfen. Ihre Einsätze führten Sie immer wieder nach Äthiopien, Angola, Mosambik, Tschetschenien, Afghanistan und Somalia. Erst im Januar 2012 hat sie für vier Wochen in einem Krankenhaus in Mogadischu gearbeitet. Sie war quasi die einzige Dermatologin für 13 Millionen Somalier. – Als Al-Shabaab-Milizen auf der Kinderstation eine Bombe zündeten, hat sie weitergearbeitet, erzählt sie.

Wie können Sie all das Leid ertragen? Haben Sie keine Angst? erkundigt sich die Moderatorin. In solchen Situationen hat man keine Zeit nachzudenken, man funktioniert einfach, so Wiest. Hinzu kommt, dass sie als Kind den Krieg miterlebt hat. Bis zum sechsten Lebensjahr war Krieg für sie Lebenstatsache.

Wann stoßen Sie an ihre seelischen und körperlichen Grenzen? fragt Arnu am Ende der Veranstaltung. Im Angesicht von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden die Grenzen des Erträglichen weit überschritten, so Wiest. –
Cap Anamur hilft sofort, effektiv und unbürokratisch und auch dort, wo keine Infrastruktur vorhanden ist. Wenn sie tagelang arbeite ohne sich waschen zu können, dann stößt sie an ihre körperlichen Grenzen, fügt Wiest hinzu. Aber ein tiefes Urvertrauen und Gottvertrauen helfen ihr, dies alles zu ertragen.

„Die Kraft erwächst aus den Aufgaben, vor denen man steht!“ resümiert Luitgard Wiest.