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Umbruch in der arabischen Welt – Aufbruch für die Demokratie

Rund 150 Gäste folgten interessiert der Podiumsdiskussion
Christian Ruck, stv. Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

Seit dem Beginn des Umbruchs in Tunesien,die Initialzündung für den sogenannten „Arabischen Frühling“, sind fast zwei Jahre vergangen. Mit der Demokratisierungsdebatte in Nordafrika und im Nahen Osten, die neue Dimensionen erlangt, beschäftigte sich ein Expertengespräch der Akademie für Politik und Zeitgeschehen am 7. November 2012 in Berlin.

Mit den Worten von Kofi Annan ausgedrückt, „lassen sich gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung nicht trennen.“ Mit welchen Maßnahmen die deutsche und europäische Entwicklungspolitik dabei erfolgreich sein könnte, erörterten unter der Moderation von Christine Hegenbart führende Experten im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema „Umbruch in der arabischen Welt – Aufbruch für die Demokratie? Entwicklungspolitische Handlungsoptionen Deutschlands und der EU“.

Mit einem Impulsreferat eröffnete Dr. Christian Ruck, MdB und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, die Diskussion. Seiner Meinung nach blieben die Erwartungen und Hoffnungen einer raschen Veränderung der dortigen Umstände leider unerfüllt. Die weitere Entwicklung vor Ort sei unvorhersehbar. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler schätzt den „Arabischen Frühling“ als Risiko und Chance zugleich ein, die Deutschland und auch andere westlichen Länder unzureichend genutzt hätten. Mit den Worten „Deutschland hat bis jetzt zu viel Bescheidenheit ans Tageslicht gebracht“, unterstrich Ruck die Notwendigkeit einer stärkeren Präsenz im arabischen Raum.

Das derzeitige Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und der MENA Region sei nach Ruck kein zukunftsfähiges Modell mehr. Die bestehenden Importhemmungen von landwirtschaftlichen Gütern in die EU brächten große Nachteile mit sich. Ein kompakteres und kohärentes Vorgehen im Außenhandeln der Europäischen Union sei somit unentbehrlich, könne jedoch nur Hand in Hand mit einer Vertragsreform erzielt werden.

Bernd Eisenblätter, Christian Ruck, Wolfgang Mayer, Christine Hegenbart, Jan Rielander (v.l.n.r.)

Für Dr. Bernd Eisenblätter, der 15 Jahre die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) leitete, hat Deutschland auf die Entwicklungen in der Region „too late, too little and not concrete enough“ reagiert. Europa habe hierbei eine große Chance versäumt und gerade Deutschland hätte stärker neben entwicklungspolitischen Maßnahmen auch auf wirtschaftliche Instrumente setzten sollen.
Der arabische Raum mit einem Bevölkerungsanteil der unter 25-Jährigen von 60 Prozent sei einer der jüngsten der Welt. Demzufolge sei es nicht überraschend, dass sich die arabischen Revolten unter anderem an der Frage der Erwerbslosigkeit von Jugendlichen entzündeten. Auch deshalb schätzte Eisenblätter die Notwendigkeit der zukünftigen politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Nahen und Mittleren Osten als sehr hoch ein, mahnte jedoch zur Vorsicht hinsichtlich zu optimistischer Erwartungen einer schnellen wirtschaftlichen Modernisierung in der Region.
Jan Rieländer, Afrikaökonom am Entwicklungszentrum der OECD in Paris, unterstützte diese Aussagen. Da in den arabischen Ländern bis zum Jahr 2025 51 Millionen Arbeitsplätze benötigt würden, müsse man gezielter und kompakter Unterstützung für die Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen liefern. Deutschland könne hierzu sein Modell des wirtschaftlichen Erfolgs, das duale Ausbildungssystem, beisteuern. Dadurch könne – wie bereits in Asien – die strukturelle Anpassung der dortigen akademischen und fachlichen Bildungsstätten unterstützend begleitet werden.

Des Weiteren definierte Rieländer zwei Hauptprobleme, die stark mit den kulturellen Voraussetzungen vor Ort zusammenhängen: den unzureichenden Zugang zu Finanzprodukten und die örtliche Korruption. Zudem sei auch aufgrund fehlender Sicherheit die Attraktivität der MENA Region für internationale Investoren sehr niedrig. Dies gilt vor allem auch im Bereich des Public Private Partnership (PPP), durch den privates Kapital und Fachwissen zur Erfüllung staatlicher Aufgaben mobilisiert werden soll. Aus dieser Problemanalyse ergeben sich mehrere Ebenen für eine engere Zusammenarbeit zwischen den westlichen und den MENA Ländern, wie die Förderung von Beschäftigungsmaßnahmen und erleichterte Kreditzugänge für Unternehmen. Auch sei die Errichtung eines stabilen Rechtsrahmens, in dem ausländische Investitionen aufleben könnten, unabdingbar.

Über die Demokratieprozesse im Nahen Osten und Nordafrika dürfe man jedoch nicht zu schnell urteilen, argumentierte Wolfgang Mayer, der bis vor einem Jahr das Projektbüro der Hanns-Seidel-Stiftung in Kairo leitete. Ägypten könne durchaus seiner Rolle als Trendsetter im Nahen und Mittleren Osten wieder gerecht werden. Um die positive Beeinflussung der gesamten Region zu unterstützen, müsse jedoch auf die speziellen Gegebenheiten und Ansatzpunkte jedes Landes eingegangen werden. Dabei müssten die jüngsten Ansätze in den arabischen Staaten des gemeinsamen Austausches und der Vernetzung untereinander unterstützt werden, um „das heranwachsende demokratische Pflänzchen erblühen zu lassen“.
 
In der Diskussion wurde noch einmal deutlich, dass die Entwicklung in der arabischen Welt eine maßgebende Rolle für eine friedliche Nachbarschaft und wirtschaftliche Prosperität Europas spielt. Dies unterstreicht die Wichtigkeit, die Demokratisierung vor Ort voranzutreiben und durch einen robusten Aufbau zentraler Institutionen, die widerstandsfähig gegen Korruption und Machtmissbrauch sind, zu unterstützen. Neben kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolgen sei es notwendig, sich auf eine langfristige politische und kulturelle Ermächtigung zu konzentrieren und auch die aus freien Wahlen hervorgegangenen Parteien als Verhandlungspartner anzusehen. Dabei dürfe nicht mit zweierlei Maß gemessen werden, wie es Christian Ruck in seinem Abschlusswort ausdrücklich betonte. Jedem müsse es erlaubt sein, „Schiffbruch zu erleiden und der Gesellschaft zu ermöglichen, somit ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln“.