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Christliche Werte in Europa

Generalbischof Damian, Katharina von Schnurbein, Alois Glück und Charles-Michel Geurts

Die Situation der Christen in der Welt gibt Anlass zur Sorge. Irak, Ägypten, Tunesien, Nigeria, die Philippinen und Pakistan waren in den letzten Monaten Orte der Gewalt und terroristischer Anschläge gegen christliche Minderheiten. In Resolutionen verurteilten das Europäische Parlament und der Rat der Außenminister diese Übergriffe und riefen zu einem entschiedenen Vorgehen auf, um die Religionsfreiheit als Menschenrecht auch in diesen Ländern zu schützen. Die Europäische Union wird in ihrem Eintreten für christliche Minderheiten von ihren eigenen Werten geleitet. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind fundamentale Errungenschaften in unserem gemeinsamen Kultur- und Werteraum. Doch die Kirche ist heute in der Krise. Viele Gläubige wenden sich von der Amtskirche enttäuscht ab und treten aus, der aktuelle Vertrauensverlust verstärkt die Tendenz abnehmender Bindungen an die kirchliche Ordnung. Auf diese Herausforderung muss die Kirche mit Reformen antworten, mit einem offenen Diskurs über Wege zu Gott und über plurale Werte in einer modernen Welt. Aus dem Bekenntnis zu christlichen Werten in Europa folgt die Prämisse, diese Werte auch zu Faktoren der Außenbeziehungen der EU zu machen. Der neue Europäische Auswärtige Dienst wird ein wichtiges Instrument zur Umsetzung dieses Anspruchs sein. Die epochalen Veränderungen in Nordafrika bieten die Chance, die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie zu beweisen sowie die religiöse Toleranz in demokratischen islamischen Gesellschaften zu verankern.

Neue Religiosität und intensive Wertediskussion

Christliche Werte in Europa waren am 23. Mai 2011 das Thema einer Veranstaltung der Hanns-Seidel-Stiftung in Brüssel. Hauptreferenten des Abends in der Bayerischen Vertretung waren Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und stellvertretender Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, sowie der portugiesische Europaabgeordnete Mario David, Delegationsleiter im Europäischen Parlament für die Beziehungen zu den Maschrek-Staaten. An der von der Europaexpertin Katharina von Schnurbein moderierten Podiumsdiskussion beteiligten sich Generalbischof Damian, Oberhaupt der koptischen Christen in Deutschland, und Charles-Michel Geurts vom Europäischen Auswärtigen Dienst. In seinen einführenden Worten erinnerte Markus Ferber, Vorsitzender der CSU-Europagruppe im Europäischen Parlament, an die christlichen Werte der Humanität, Solidarität und Subsidiarität, woraus der Auftrag zu einer werteorientierten Außenpolitik folge. Das Auslassen christlicher Feiertage in einem kürzlich erschienenen Schülerkalender der Europäischen Kommission sei ein schwerer Fehler gewesen.

Präsident Glück korrigierte die früher gängige These von der fortschreitenden Säkularisierung moderner Gesellschaften, indem er auf den globalen Trend zu einer neuen Religiosität verwies. Dies werde als Gefahr des Fundamentalismus und Fanatismus wahrgenommen, auch wenn sich darin nur das Bedürfnis nach innerer Orientierung offenbare. Das Ausgreifen der Religion wirke auf das Verhältnis zwischen Staat und Religion zurück, das im Westen eher auf dem französischen Modell einer Trennung des Staates von der Religion basiere oder auf dem amerikanischen Modell der Sicherung der Religionsfreiheit durch den Staat. In Deutschland seien Staat und Religion getrennte Welten, deren Betätigungsfeld durch Gesetz geregelt sei. Leider werde das Menschenrecht auf Religionsausübung nicht überall geachtet, die Christen seien die weltweit am meisten verfolgte Gruppe. Die aktuelle Hochkonjunktur von Wertedebatten sei auch eine Konsequenz der Verunsicherung durch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Aus der Definition von Werten müssten Leitbilder und Prioritäten für den gesellschaftlichen Ressourceneinsatz formuliert werden, die ihre Widerspiegelung in Aktionen, Strukturen und Institutionen fänden. Solidarität und Subsidiarität als die grundlegenden Ordnungsprinzipien der Gesellschaft sollten die Verpflichtung zu einem Engagement für Menschen begründen. Die große ethische Herausforderung, so der ehemalige Landtagspräsident resümierend, bestehe heute in der Umsetzung eines nachhaltigen Lebensstils mit der Bereitschaft zu Selbstverzicht und Selbstbegrenzung. Die Religion gebe hierfür Kraft und leiste unersetzliche Beiträge.

Universitalität der Menschenrechte

Mario David
Generalbischof Damian

Mario David appellierte eindringlich daran, das jüdisch-christliche Erbe auch zur prägenden Leitlinie des europäischen auswärtigen Handelns zu machen. Christliche Toleranz gebiete Respekt vor individuellem Glauben, fordere diese Freiheit auf reziproker Grundlage aber auch von anderen Religionsgemeinschaften ein. Trotz der religiösen und kulturellen Heterogenität in Europa hätte sich die EU nach Meinung des EVP-Vizes David in ihrem Verfassungsvertrag auf einen Gottesbezug und die Erwähnung der christlichen Tradition einigen sollen.

Bischof Damian führte erschütternde Beispiele der Repressionen an, denen die christliche koptische Minderheit in Ägypten ausgesetzt sei. In der Regel seien die Täter sogar vor Strafverfolgung geschützt, da es sich um Übergriffe gegen „Ungläubige“ handle, die in einem islamischen Staat wie Ägypten oftmals nur nachlässig geahndet würden. Im Zentrum der europäischen Nahost-Politik sollten vermehrte Anstrengungen zur Ausbildung toleranter Imame stehen. Ägypten habe die größte Universität im arabischen Raum und müsste zur Förderung der demokratischen Reformen jetzt zu einem prioritären Partnerland der EU-Nachbarschaftspolitik werden.

Der EU-Diplomat Geurts verwies auf den aktuellen Lissabon-Vertrag, der die europäischen Werte als Grundlagen der Außenbeziehungen definiere. Die Würde des Menschen bringe das europäische Verständnis von der Universitalität der Menschenrechte unmissverständlich zum Ausdruck. Daher erwähne die EU in Resolutionen nicht nur Gewaltakte gegen Christen, sondern verurteile auch die Unterdrückung anderer Glaubensrichtungen. In der Durchsetzung des Prinzips religiöser Toleranz als integraler Bestandteil der Menschenrechte sei die EU auf den klugen Einsatz ihrer soft power angewiesen, zu deren wichtigstem Element die öffentliche Diplomatie zähle. Die stärkere Konditionalisierung der EU-Außenbeziehungen bedeute, dass Menschenrechte einen höheren Stellenwert gewännen und letztlich die Kluft zwischen Worten und Taten in der europäischen Politik verringert werde.