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Nachhaltigkeit als (Über)Lebensprinzip
20 Jahre nach der ersten globalen UN-Umweltkonferenz in Rio blickte die Welt vom 20. bis 22. Juni 2012erneut nach Brasilien. Die Hoffnungen richteten sich auf eine nachhaltige Wende in der Umweltpolitik, im CO²-Verbrauch und in ressourcenschonender Energienutzung. Zwar gelang es vor 20 Jahren, Grundprinzipien zu formulieren, um die Folgen eines möglichen Klimawandels zu vermeiden bzw. zu reduzieren. Viele dieser Erwartungen auf konzertierte Aktionen seitens der Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer haben sich bis dato jedoch nicht erfüllt. Die Ziele bleiben unverändert: Die Welt muss den Wandel schaffen zu einer werteorientierten ökosozialen Marktwirtschaft als neuem globalem Ordnungsmodell. Zur Diskussion über Nachhaltigkeit als (Über)Lebensprinzip, das nicht nur in der Umweltpolitik, sondern auch in allen anderen Politikfeldern in gleicher Weise gilt, lud die Hanns-Seidel-Stiftung im Vorfeld des Rio-Gipfels am 18. Juni 2012 zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung in die bayerische Vertretung in Brüssel ein. Emilia Müller, die Bayerische Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, eröffnete die Konferenz. Das Impulsreferat hielt Alois Glück, Vorsitzender des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und Stv. Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung. An der anschließenden Podiumsdiskussion beteiligten sich Dr. Peter Grassmann, Vorstandsvorsitzender des Ökosozialen Forums e.V., Jean Saldanha, Politik- und Rechtsberaterin der Internationalen Allianz katholischer Entwicklungsorganisationen, und Dr. Jan Marco Müller, Büroleiter der Obersten Wissenschaftsberaterin des Präsidenten der Europäischen Kommission. Die Gesprächsleitung übernahm der Unternehmensberater und Medienexperte Ottmar Berbalk.
Globale Verantwortungsethik, Sachkompetenz, Engagement
Staatsministerin Müller betonte einleitend die Notwendigkeit einer Nachhaltigkeitsdebatte zur Bewahrung der Schöpfung für Kinder und Enkelkinder. Auch wenn Bayern erfolgreich wirtschaftliche Entwicklung mit Lebensqualität vereine, müsse man sich an Werten für morgen und übermorgen orientieren. Alois Glück zog aus seiner Analyse der modernen Gesellschaft den Schluss, dass viele heutige Lebensweisen nicht zukunftsfähig seien. Die fehlgeleitete innere Logik von Systemen führe zu falschen Werten, die Egoismen über das Gemeinwohl stellten. Ausschlaggebend für diese Entwicklung seien die Entkoppelung von Freiheit und Verantwortung, der Wandel von langfristigem zu kurzfristigem Handeln sowie das Unterbleiben einer Folgekostenabschätzung. Mit Blick auf die zunehmenden psychischen Krankheiten der Menschen und ihr Gefühl der Überforderung plädierte Glück dafür, es nicht bei geringfügigen Korrekturen zu belassen. Vielmehr müsse man eine zukunftsfähige Kultur entwickeln, die auf einer globalen Verantwortungsethik mit der Fähigkeit zur Selbstbegrenzung, auf Sachkompetenz und auf dauerhaftem Engagement beruhe. Der Begriff der Nachhaltigkeit sei schwer definierbar und gehe weit über ein ökologisches Leitprinzip hinaus. Die Kritik an einem höher, schneller, weiter sei zwar berechtigt, so Glück, doch warnte vor einem Umschlagen der früheren Fortschrittsgläubigkeit in Fortschrittsverweigerung. Nachhaltigkeit sei nicht gegen den Fortschritt gerichtet, sei kein Abschied von einer dynamischen Welt, fordere keine Verzichtsethik und müsse sich nicht für oder gegen Wachstum entscheiden. Allerdings müsse man einen souveränen Lebensstil finden, der dem Fortschritt eine andere, Ressourcen schonende Richtung gebe, dezentrale Strukturen stärke und die Würde des Menschen beachte.
Nachhaltigkeit durch Ko-Regulierung
Dr. Grassmann setzte dem Systemversagen in der Wirtschafts- und Finanzwelt ein Plädoyer für mehr Selbstregulierung und für von den jeweiligen Branchen selbst vereinbarte Wertekodices entgegen. Durch solche branchenspezifischen Selbststeuerungsmechanismen könne die Schwächung des weltweiten Ordnungsrahmens und die Überforderung der Politik ausgeglichen werden. Ein verpflichtender Wertekodex, dem der ehrbare Kaufmann als Leitbild zu Grunde liege, sei die richtige Antwort auf globale Vernetzung und die Komplexität von Problemen. Ko-Regulierungsmodelle in der Wirtschaft, so Dr. Grassmann, könnten Nachhaltigkeit als Wirtschaftsprinzip verankern. Auf diesem Weg, der die einzige Alternative zur Überlastung des Globus sei, komme Europa eine entscheidende Führungsrolle zu. Jean Saldanha beklagte das geringe Medieninteresse an der Rio-Konferenz, so dass das öffentliche Bewusstsein nicht ausreichend für globale soziale Ungerechtigkeiten sensibilisiert werde. Um den Herausforderungen für die Menschheit zu begegnen, sei die Welt zu konsequentem Handeln gezwungen. Der Druck der öffentlichen Meinung müsse die politischen Entscheidungen noch stärker beeinflussen. Die katholische Kirche und wertebasierte Normen fungierten als Orientierungshilfe für verantwortliches Handeln. Dr. Jan Marco Müller regte eine gesellschaftliche Debatte über neue Technologien an, um Wachstum und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Politik und Wissenschaft dürften sich nicht allein aufs Reagieren beschränken, sondern müssten pro-aktiv Lösungswege aufzeigen. Mit der Schaffung eines wissenschaftlichen Beratergremiums beim Präsidenten der EU-Kommission signalisiere Manuel Barroso, dass man auch in Zeiten einer Wirtschafts- und Finanzkrise nicht nur auf ökonomischen Sachverstand zurückgreifen dürfe. Abschließend stimmten die Referenten darin überein, individuelle und gemeinsame Handlungsoptionen nicht durch eine prinzipiell pessimistische Grundhaltung zu blockieren.

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