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Antisemitismus im digitalen Raum: Neue Narrative und Codes

Autorin/Autor: Jonas Mages

Antisemitismus im Netz kommt oft ohne das Wort „Jude“ aus: Ein Saftpäckchen-Emoji, das englisch „juice“ und „Jews“ verbindet, oder “271k”, zu lesen als 271.000 und gemeint als angebliche Opferzahl der Schoa, genügen Eingeweihten, weil sie die Erzählung dahinter kennen, während technische Kontrollen solche Zeichen oft übersehen. Solche Codes sind Umwegkommunikation, und diese ist bereits älter als das Netz. Weil offene Judenfeindschaft in der Bundesrepublik Sanktionen mit sich bringt, weicht sie in Andeutungen aus, ein Antisemitismus, der öffentlich schweigt und privat weiterlebt, wie ihn Werner Bergmann und Rainer Erb als Kommunikationslatenz beschrieben haben. Der Code verbirgt die Botschaft vor Außenstehenden und verbindet die Eingeweihten. Neu ist im Netz, dass der Umweg eine zweite Instanz täuschen muss, die automatische Kontrolle. So wie auf TikTok das Trauben-Emoji für „rape“ steht, um Sperren zu umgehen, steht das Saftpäckchen für „Jews“. Der jüdische Bezug bleibt für Unwissende unklar, und für Filter ebenso.

Warum automatische Filter antisemitische Codes übersehen

Dass die Moderation kaum zwischen antisemitischen und harmlosen Beiträgen unterscheidet, zeigte 2026 das Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft an TikTok. Von den als antisemitisch oder potenziell antisemitisch eingestuften Beiträgen war zwei Monate später circa ein Viertel nicht mehr abrufbar, von den unverdächtigen unter denselben Hashtags aber fast genauso viel. Ob TikTok oder die Verfasser selbst löschten, lässt die Studie offen. Woran technische Maßnahmen aber scheitern, zeigt ein Test der Perspective API, eines Google-Werkzeugs, das Kommentaren einen Giftigkeitswert zuweist. An 3.600 deutschen Beiträgen erkannte es offenen Antisemitismus meist, versagte bei Andeutungen aber oft, stufte Kritik an Antisemitismus mitunter als giftiger ein als diesen selbst, und sobald Codes wie „Globalisten“ das Wort „Juden“ ersetzten, sanken die Werte. Die Filter prüfen Wörter. Antisemitismus besteht aber aus Erzählungen, deren Wörter austauschbar sind. Damit zeigen sich die Grenzen automatischer Inhaltsmoderation bei verschlüsselten antisemitischen Botschaften

Vier alte Erzählungen hinter den neuen Codes

Theodor W. Adorno nannte den Antisemitismus 1951 „das Gerücht über die Juden“, Samuel Salzborn beschreibt ihn als Weltanschauung, die die Gesellschaft erklären will. Ein solches Weltbild geht jeder Erfahrung voraus und kann jedes neue Zeichen aufnehmen. Vier Formen werden wir in diesem Text unterscheiden: der christliche Antijudaismus, der moderne, der sekundäre und der israelbezogene Antisemitismus. Sie überlagern einander, und jede findet im Netz eigene Zeichen. Was als neues Narrativ erscheint, etwa QAnon, ist meist eine alte Erzählung in neuem Gewand. Die digitalen Codes verändern sich, während die dahinterliegenden antisemitischen Verschwörungsmythen häufig auf älteren Erzählmustern beruhen.

Antijudaismus: von der Ritualmordlegende zu QAnon

 

Der christliche Antijudaismus warf Juden die Schändung geweihter Hostien und Ritualmord vor. Die Ritualmordlegende, die 1475 in Trient zur Hinrichtung der Männer der jüdischen Gemeinde nach erfolterten Geständnissen führte, lebt im „Adrenochrom“-Mythos der US-Verschwörungsbewegung QAnon fort, der auf Telegram von geopferten Kindern und einer verjüngenden Substanz erzählt. Das Saftpäckchen ersetzt dabei nur das Wort, die Erzählung liefert der Kontext: In einem von der Jenaer TikTok-Studie dokumentierten Clip trinkt eine „Elite juce (Emoji) trinkt das Blut unserer Kinder."

Moderner Antisemitismus: Verschwörungsmythen von der Krake bis zu den „Globalisten“

Der moderne Antisemitismus des 19. Jahrhunderts machte aus der religiösen Feindschaft eine rassistisch aufgeladene Weltanschauung von jüdischer Weltherrschaft. Der Krake, zu dem eine NS-Karikatur Winston Churchill samt Davidstern machte, trägt heute auf X den Kopf des US-Investors George Soros und steht für dieselbe Vorstellung heimlicher Macht. Begriffe wie „Ostküstenkapital“, eine Chiffre für angeblich jüdische Finanzmacht, oder in bestimmten Zusammenhängen „Globalisten“ nehmen dieselbe Vorstellung auf, ohne Juden zu nennen. Dieselbe Erzählung dient gegensätzlichen Lagern, wie die Publikation „Versteckte Botschaften“ des Bundesamts für Verfassungsschutz zeigt: ein Video aus der Neuen Rechten führt Angela Merkels Aufstieg auf die Rothschilds zurück, ein Islamist zeichnet muslimische Staatschefs als Schutzschilde „der Juden“. Dass dieses Weltbild tötet, zeigte 2022 der Anschlag von Buffalo: Der rechtsextreme Täter machte in seinem sogenannten Manifest Juden zu Drahtziehern eines „großen Austauschs“ der weißen Bevölkerung und erschoss zehn Schwarze Menschen.

Sekundärer Antisemitismus: Holocaust-Relativierung in Memes und Zahlencodes

Der sekundäre Antisemitismus nach 1945 wehrt Schuld ab und richtet sich gegen die Erinnerung an die Schoa, etwa als „Schuldkult“. Die Zahl 271, zu lesen als 271.000, soll die Gesamtzahl der ermordeten Juden sein und beruht auf der gezielten Fehldeutung unvollständiger Sterbeunterlagen. Der sogenannte Judenstern mit dem Aufdruck „ungeimpft“ auf Corona-Protesten verharmloste die NS-Verfolgung, indem sie mit Pandemiemaßnahmen gleichgesetzt wurde. Ironie, Memes und gewollte Mehrdeutigkeit sichern die Urheber ab, auf Nachfrage war es ein Scherz: Das ist klassische Umwegkommunikation gegen soziale Ächtung, nur mit anderen Mitteln. Solche Zahlencodes und Memes sind Beispiele dafür, wie Holocaust-Relativierung im digitalen Raum verbreitet werden kann.

Israelbezogener Antisemitismus und die Grenze zur Kritik

Der Bundesverband RIAS dokumentierte 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle, gut zwei Drittel davon israelbezogen, 2.314 im Netz. Hier ist die Unterscheidung von Kritik und Antisemitismus am umstrittensten, und sie verläuft nicht entlang einzelner Wörter. So lässt sich das Bild eines blutbefleckten Klassenzimmers mit der Frage „NIE WIEDER… FÜR WEN?“ als Versuch lesen, die Erinnerung an die Schoa gegen Israel zu wenden, oder als Klage über Gleichgültigkeit gegenüber palästinensischem Leid. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hält beide Lesarten für möglich. Auf einen Kern können sich aber selbst die sonst konkurrierenden Definitionen von der IHRA über das Nexus Document bis zur Jerusalem Declaration verständigen: Kritik an israelischer Politik wird nicht durch ihre Schärfe antisemitisch, sondern dort, wo sie klassische antisemitische Bilder auf Israel überträgt, Jüdinnen und Juden weltweit für das Handeln der israelischen Regierung haftbar macht oder ihnen das Recht abspricht, in Israel als Gemeinschaft zu leben. Wo diese Grenze überschritten ist, wird auch „Zionist“ zum Kampfbegriff und Ersatzwort für „Jude“, eindeutig im rechtsextremen Szene-Kürzel „ZOG“ („Zionist Occupied Government“). Wie verbreitet die Übertragung von Israel auf „die Juden“ ist, zeigt die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024: Knapp jeder sechste Befragte (15,6 Prozent) stimmte der Aussage zu, durch die israelische Politik würden ihm die Juden immer unsympathischer. 

Was Bildung gegen antisemitische Codes im Netz leisten kann

Wissen allein immunisiert nicht gegen Antisemitismus, stärkt aber die Fähigkeit, antisemitische Projektionen zu erkennen und zurückzuweisen. Gemeint ist weniger ein Vorrat an Codes, der mit jeder Modewelle veraltet, als die Kenntnis der verschiedenen Erzählungen, an denen sich jedes neue Zeichen prüfen lässt. Für den Unterricht heißt das, nicht das Zeichen zum Thema zu machen, sondern die Erzählung dahinter, also wer angeblich die Fäden zieht und welches alte Bild darin steckt. Hinzukommen muss, was Zentralrat der Juden und Kultusministerkonferenz 2016 empfahlen, ein lebendiges Bild jüdischer Gegenwart und Begegnungen auf Augenhöhe. Die Kosten tragen bislang die Betroffenen: Laut EU-Grundrechteagentur schränkte schon vor dem 7. Oktober 2023 jede vierte befragte jüdische Person in Deutschland wegen Online-Antisemitismus ihre Teilnahme an Diskussionen im Netz ein. Und wer sich zurückzieht, kann nicht widersprechen. Die Ächtung, der die Codes ausweichen, kann nur wirken, wenn die Mehrheit sie erkennt und widerspricht. Der Widerspruch ist deshalb Aufgabe von Schulen, Plattformen und Mehrheit, nicht Pflicht derer, die gemeint sind

Kontakt

Leiter Bildungsangebote und Fachreferent für Antisemitismusprävention und jüdisches Leben an der Europäischen Janusz Korczak Akademie (EJKA) in München: Jonas Mages
Extern
Leiter Bildungsangebote und Fachreferent für Antisemitismusprävention und jüdisches Leben an der Europäischen Janusz Korczak Akademie (EJKA) in München