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DDR-Regime
Eingesperrt im eigenen Land: 65 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer

Autorin/Autor: Dr. Alexander Wolf

In der Nacht zum 13. August 1961 begann die DDR, ihre eigenen Bürger einzumauern. Die Anlage, die damals entstand, richtete sich nicht gegen einen äußeren Feind, sondern gegen die eigene Bevölkerung. Eine Geschichte über Unterdrückung, Unmenschlichkeit, ihre Opfer und das, was von ihr geblieben ist.

Am Morgen des 13. Augusts 1961 begannen Soldaten und Bauarbeiter mit dem Bau der Berliner Mauer an der Bernauer Straße auf der Ostseite der Stadt.

© Kindermann/IMAGO/United Archives

Die Berliner Mauer war ein Bauwerk mit umgekehrter Logik. Festungen wurden zu allen Zeiten errichtet, um Feinde draußen zu halten. Diese Anlage sollte die eigenen Bürger vom „Rübermachen“ hindern. Wer die Unmenschlichkeit dieses Datums verstehen will, muss deshalb beides zusammen denken: den physischen Freiheitsentzug und den Anspruch des Staates auf das Innere der Menschen. Denn die DDR sperrte ihre Bevölkerung nicht nur ein, sie verlangte von ihr auch noch das Bekenntnis, dass dies zu ihrem Schutz geschehe. Der offizielle Name der Anlage „antifaschistischer Schutzwall“ war darum mehr als Propaganda. 

Flucht aus der DDR: Die Abstimmung mit den Füßen

Zwischen der Staatsgründung 1949 und dem Sommer 1961 verließen rund 2,7 Millionen Menschen die DDR, fast jeder sechste Einwohner. Es gingen überproportional die Jungen und die Qualifizierten: Etwa die Hälfte der Flüchtlinge war jünger als 25, unter ihnen Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Facharbeiter, die das Land am dringendsten gebraucht hätte. Nach der Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni 1953, an dem sich weit über eine Million Menschen in rund 700 Orten beteiligten und der mindestens 55 Todesopfer forderte, wusste jeder im Land, dass sich an den Verhältnissen durch Wahlen nichts ändern ließ. Also stimmte man mit den Füßen ab.

Mehr als 40 Jahre dauerte es, bis Deutschland wiedervereint wurde – ohne die friedliche Revolution der deutschen Bevölkerung am 9. November 1989 in Berlin wäre das nicht passiert.

© Kindermann/IMAGO/United Archives

Die innerdeutsche Grenze war bereits seit 1952 abgeriegelt. Im Zuge der Zwangsaussiedlungen aus dem Sperrgebiet, die das Regime intern „Aktion Ungeziefer" nannte – so sprach dieser Staat über seine Bürger – verloren mehr als 11.000 Menschen Haus und Heimat. Offen blieb allein Berlin mit seinen vier Sektoren: Wer die S-Bahn nach Westen nahm, war frei. Im Jahr 1960 gingen rund 199.000 Menschen, allein im Juli 1961 mehr als 30.000. Am 12. August 1961, dem letzten Tag vor der Abriegelung, registrierte das Notaufnahmelager Marienfelde noch einmal etwa 2.400 Ankömmlinge. Die DDR blutete demografisch und ökonomisch aus, und ihre Führung wusste es.

Walter Ulbricht wusste es so genau, dass er am 15. Juni 1961 auf die Frage einer westdeutschen Journalistin einen Satz sagte, der zum Inbegriff der politischen Lüge geworden ist: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" Niemand hatte ihn nach einer Mauer gefragt. Die Journalistin Annamarie Doherr hatte sich nach der Staatsgrenze am Brandenburger Tor erkundigt; das Wort Mauer brachte Ulbricht selbst ins Spiel, zwei Monate, bevor die Absicht Beton wurde.

International war der Weg da längst geebnet. Chruschtschow hatte im November 1958 ultimativ den Abzug der Westmächte aus Berlin verlangt und den Druck beim Wiener Gipfel im Juni 1961 gegenüber dem jungen Präsidenten Kennedy erneuert. Kennedy antwortete am 25. Juli mit drei Garantien: Präsenz der Westtruppen in West-Berlin, freier Zugang, Lebensfähigkeit der Stadthälfte. Bemerkenswert war, was fehlte. Ost-Berlin und die Bewegungsfreiheit der Ostdeutschen kamen nicht vor, und der einflussreiche US-Senator William Fulbright erklärte wenige Tage später öffentlich, er verstehe ohnehin nicht, warum die DDR ihre Grenze nicht längst schließe; das Recht dazu habe sie. In Moskau verstand man die Signale. Anfang August billigten die Staaten des Warschauer Pakts die Abriegelung, Ulbricht hatte freie Hand.

Die Nacht, in der ein Staat seine Bürger einschloss

Kurz nach Mitternacht am Sonntag, 13. August 1961, rückten Volkspolizei, Betriebskampfgruppen und Grenzpolizei aus; die Nationale Volksarmee sicherte im zweiten Ring, sowjetische Verbände standen in Bereitschaft. Die Einsatzleitung lag bei Erich Honecker. Innerhalb weniger Stunden waren die 155 Kilometer Grenze um West-Berlin, davon gut 43 Kilometer quer durch die Stadt, mit Stacheldraht gesperrt. Straßen wurden aufgerissen, Gleise gekappt, von den mehr als 80 innerstädtischen Übergängen blieben zunächst 13 offen, bald nur noch sieben. S-Bahn und U-Bahn wurden getrennt; unter Ost-Berlin fuhren westliche Züge seit diesem Zeitpunkt ohne Halt durch abgedunkelte Geisterbahnhöfe.

Das Brandenburger Tor wurde zum Symbol des Eisernen Vorhangs: Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief hier die Sektorengrenze zwischen dem sowjetischen und dem britischen Sektor, die kontrolliert wurde, aber noch passierbar war. Ab 13. August 1961, mit der Errichtung der Mauer, lag das Brandenburger Tor im streng bewachten Sperrgebiet der DDR.

© IMAGO/UIG

Was das für die Menschen bedeutete, lässt sich an einem einzigen Straßenzug ablesen. In der Bernauer Straße gehörten die Häuser zum sowjetischen Sektor, der Gehsteig davor zum französischen. In den ersten Tagen sprangen Bewohner aus den Fenstern in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr, bis die Fenster zugemauert und die Häuser geräumt wurden. Rund 50.000 Ost-Berliner, die im Westen arbeiteten, verloren über Nacht ihren Arbeitsplatz. Familien wurden auseinandergerissen, Verlobte, Großeltern und Kollegen voneinander getrennt, und niemand konnte sagen, für wie lange Am 15. August sprang der 19 Jahre alte Bereitschaftspolizist Conrad Schumann über den noch niedrigen Draht in den Westen; das Foto ging um die Welt, weil es zeigte, was selbst die Bewacher von diesem Staat hielten.

Der Westen protestierte scharf und tat wenig. Kennedys drei Garantien waren nicht verletzt, und in Washington galt intern die Formel, eine Mauer sei allemal besser als ein Krieg. Für die Weltpolitik mag das gestimmt haben. Für die Menschen dahinter begann eine 28 Jahre währende Gefangenschaft im eigenen Land.

Das DDR-Grenzregime: Vier Generationen Beton

Aus dem Draht der ersten Nacht wurde über die Jahre ein perfektioniertes System. Die letzte Ausbaustufe, die „Grenzmauer 75", bestand aus 3,60 Meter hohen Betonsegmenten mit aufgesetzter Rohrauflage; auf 106 Kilometern stand am Ende Beton, auf weiteren 66 Kilometern Metallgitterzaun. Dahinter lag der Todesstreifen: Signalzaun, Kfz-Sperrgraben, Hundelaufanlagen, Lichttrasse, geharkter Kontrollstreifen, Postenweg, dazu 302 Beobachtungstürme und 20 Bunker. An der fast 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze kamen Minenfelder mit mehr als 1,3 Millionen Minen und rund 60.000Selbstschussapparaten vom Typ SM-70 hinzu. Erst der 1983 maßgeblich von Franz Josef Strauß eingefädelte Milliardenkredit bewog die DDR, diese Splitterminen abzubauen; Ende 1984 waren die letzten Anlagen demontiert.

Die Berliner Mauer, eine Menschenfalle: Blick auf das Reichstagsgebäude im Juni 1989.

© Andreas Delhaes-Guenther/HSS; avd

Wie weit dieser Staat zu gehen bereit war, zeigte er 1985, als er die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße sprengen ließ, weil sie im Schussfeld des Todesstreifens stand. Ein Regime, das Kirchen sprengt, um freies Schussfeld auf die eigenen Bürger zu haben, hat über sich selbst geurteilt.

Auch das Töten wurde staatlich legitimiert. Das Grenzgesetz von 1982 erlaubte in Paragraf 27 den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtende. Ein interner Befehl von 1973, erst 2007 in einem Magdeburger Archiv gefunden, hatte die Richtung längst vorgegeben: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe." Das gelte, so heißt es dort weiter, auch dann, wenn Frauen und Kinder unter den Flüchtenden seien.

Die Todesopfer der Berliner Mauer

Mindestens 140 Menschen wurden nach den Forschungen der Stiftung Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet, darunter 101 Flüchtende. Hinzu kommen mindestens 251 Reisende, die vor, während oder nach den Kontrollen an Berliner Grenzübergängen starben, die meisten an Herzversagen. An der innerdeutschen Grenze dokumentiert das biografische Handbuch des Forschungsverbunds SED-Staat der Freien Universität Berlin von 2017 insgesamt 327 Todesopfer, Flüchtende ebenso wie Grenzsoldaten; über die Zuordnung einzelner Fälle wird in der Forschung gestritten. Über die Ostsee wagten nach dem Mauerbau rund 5.600 Menschen die Flucht, gut 900 kamen durch; 135 tödlich verlaufene Fluchtversuche sind namentlich belegt, weitere Menschen gelten bis heute als vermisst, und an den Grenzen anderer Ostblockstaaten starben 77 weitere. Zusammengenommen hat die Forschung damit mehr als 900 Todesopfer des DDR-Grenzregimes dokumentiert; einzelne Zählungen gehen darüber hinaus.

DDR-Checkpoint von Westberlin aus gesehen im Juni 1989.

© Andreas Delhaes-Guenther/HSS

Hinter den Zahlen stehen Gesichter. Ida Siekmann starb am 22. August 1961 beim Sprung aus ihrer Wohnung in der Bernauer Straße 48, einen Tag vor ihrem 59. Geburtstag. Der Schneider Günter Litfin wurde am 24. August 1961 im Humboldthafen erschossen; er war der Erste, der durch Schüsse an der Mauer starb. Der 18-jährige Maurer Peter Fechter verblutete am 17. August 1962 fast eine Stunde lang im Todesstreifen nahe dem Checkpoint Charlie, vor den Augen beider Seiten, und niemand half ihm. Im März 1966 erschossen Grenzposten die Kinder Jörg Hartmann, zehn Jahre alt, und Lothar Schleusener, dreizehn; den Familien wurde ein Unfall vorgelogen. Am Kreuzberger Gröbenufer ertranken in den siebziger Jahren mehrere West-Berliner Kinder in der Spree, darunter der achtjährige Cengaver Katrancı und der fünfjährige Cetin Mert, weil Retter aus dem Westen das Ost-Berliner Gewässer nicht betreten durften und die DDR-Boote zu spät kamen. Chris Gueffroy, zwanzig Jahre alt, wurde in der Nacht zum 6. Februar 1989 erschossen; seine Todesschützen erhielten eine Prämie und eine Auszeichnung. Der letzte Tote der Mauer, Winfried Freudenberg, stürzte am 8. März 1989 mit einem selbstgebauten Gasballon über Zehlendorf ab. Acht Monate später war die Mauer offen.

Dem stehen mehr als 5.000 geglückte Fluchten entgegen: durch die Kanalisation, in umgebauten Autos, über Drahtseile und durch mehr als 70 Tunnelprojekte, von denen der „Tunnel 57" im Oktober 1964 der erfolgreichste war. Jede dieser Fluchten war ein Urteil über den Staat, dem sie galt.

Der Zwang zum Bekenntnis

Die Mauer war nur der besonders sichtbare Teil des Systems. Wer den Versuch wagte und scheiterte, wurde bestraft, zunächst nach dem Passgesetz, ab 1968 nach Paragraf 213 des DDR-Strafgesetzbuchs wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“, in schweren Fällen mit bis zu acht Jahren Haft. Schätzungen zufolge wurden rund 75.000 Menschen deswegen verurteilt, in der Regel zu einem bis drei Jahren Gefängnis. Insgesamt geht die Forschung für die vier Jahrzehnte der DDR von 200.000 bis 250.000 politischen Häftlingen aus. Und sie machte aus ihnen ein Geschäft: Zwischen 1963 und 1989 kaufte die Bundesrepublik 33.755 politische Gefangene frei, für Waren und Devisen im Wert von rund 3,4 Milliarden D-Mark, dazu kamen etwa 250.000 bezahlte Ausreisen im Zuge der Familienzusammenführung. Ein Staat, der Menschen einsperrt und sie anschließend gegen Westgeld verkauft, betreibt Menschenhandel. Man muss es so nennen.

Ein Teil der Berliner Mauer mit Blick auf dem Fernsehturm „Alex“.

© pixelklex/Adobe Stock

Bewacht wurde das Innere von einem Apparat, der am Ende 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit und rund 189.000 inoffizielle Zuträger umfasste, ein Überwachungsgrad ohne Beispiel in der deutschen Geschichte. Doch die eigentliche Anmaßung reichte tiefer als jede Observation, denn der Staat beanspruchte das Bekenntnis. Die Jugendweihe mit ihrem Gelöbnis auf den Sozialismus wurde faktisch zur Pflicht; wer sie verweigerte, riskierte Abitur und Studienplatz. Ab 1978 stand Wehrunterricht auf dem Stundenplan der Schulen. Christen, Verweigerer und Unangepasste bezahlten mit ihren Lebenschancen, und bei Wahlen ohne Wahl wurden Zustimmungsraten von über 99 Prozent verkündet, von denen jeder wusste, dass sie erlogen waren, auch die, die sie verkündeten.

Václav Havel hat diesen Zustand das Leben in der Lüge genannt: Der Einzelne muss die Parolen nicht glauben, er muss sie nur mittragen, und genau darin liegt die Demütigung. Die Mauer verlief deshalb nicht nur an der Spree entlang. Sie verlief durch Schulen, Betriebe und Familien, und am Ende durch jeden Einzelnen, der täglich abwägen musste, wie viel Wahrheit er sich und seinen Kindern leisten konnte. Das ist der Kern der Unmenschlichkeit dieses Systems: Es genügte ihm nicht, den Körper festzuhalten. Es wollte auch die Zustimmung.

„Noch in 100 Jahren“

Am 19. Januar 1989 erklärte Erich Honecker, die Mauer werde „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben“. Zehn Monate später war sie Geschichte. Ungarn ließ ab dem 11. September 1989 DDR-Bürger nach Österreich ausreisen, die Prager Botschaft füllte sich, am 9. Oktober demonstrierten in Leipzig 70.000 Menschen, und niemand schoss. Am Abend des 9. November verlas Günter Schabowski eine neue Reiseregelung und stolperte über die Nachfrage nach dem Inkrafttreten: „sofort, unverzüglich“. Gegen 23.30 Uhr öffnete Oberstleutnant Harald Jäger an der Bornholmer Straße den Schlagbaum, weil der Druck der Menge nicht mehr zu halten war. Die Bürger, die man 28 Jahre lang eingesperrt hatte, holten sich ihre Freiheit in einer einzigen Nacht zurück, friedlich und ohne einen Schuss.

Was bis heute bleibt

Die materiellen Spuren der Teilung sind weitgehend beseitigt, die strukturellen nicht. Die ostdeutsche Wirtschaftskraft je Einwohner erreicht bis heute nur rund vier Fünftel des Westniveaus. Vollzeitbeschäftigte verdienten 2024 im Osten nach Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts durchschnittlich 3.973 Euro brutto im Monat, im Westen 4.810 Euro, eine Lücke von gut 17 Prozent. Noch größer ist der Abstand beim Vermögen, also genau dort, wo vier Jahrzehnte verhinderter Eigentumsbildung, Enteignung und Kollektivierung unmittelbar nachwirken: Der Median des Nettovermögens lag laut Sozialbericht 2024 in Ostdeutschland bei 43.400 Euro, in Westdeutschland bei 127.900 Euro, fast dem Dreifachen. Und in den Führungsetagen der Republik bleiben Ostdeutsche unterrepräsentiert. Der Elitenmonitor der Universitäten Leipzig und Jena zählte 2025 einen Anteil von 12,1 Prozent an den Spitzenpositionen bei rund 19 Prozent Bevölkerungsanteil; in der Wirtschaft sind es vier Prozent, in der militärischen Führung null.

Bei dem Vorhaben, den Sperrzaun in der Nähe des Checkpoint Charlie zu übersteigen und in den amerikanischen Sektor zu flüchten, erlitt der Ostdeutsche Peter Fechter lebensbedrohliche Verletzungen durch Schüsse von DDR-Grenzposten.

ZUMA Wire; IMAGO

Dazu kommt die demografische Hypothek. Die ostdeutschen Länder haben seit 1990 rund zwei Millionen Einwohner verloren; netto wanderten bis 2017 etwa 1,2 Millionen Menschen mehr ab als zu, erst seither hat sich der Trend gedreht. Wer heute über Unterschiede zwischen Ost und West spricht, über Löhne, Erbschaften oder Mentalitäten, spricht deshalb über Spätfolgen von Mauer und Diktatur, nicht über Eigenschaften der Menschen. Vierzig Jahre Planwirtschaft wirken länger nach, als 35 Jahre Aufbau Ost ihre Folgen tilgen konnten.

Der einfachste Test

Die Erinnerung hat ihre Orte: die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, das Notaufnahmelager Marienfelde, das frühere Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, die bemalten 1,3 Kilometer der East Side Gallery. Sie braucht aber mehr als Orte, denn die Zeitzeugen werden weniger und die Verklärung wird lauter. Wo immer es heißt, es sei ja nicht alles schlecht gewesen, genügt ein Blick auf die zugemauerten Fenster der Bernauer Straße und auf die Namen der Kinder vom Gröbenufer.

Der 13. August lehrt einen einfachen Maßstab, an dem sich jede politische Ordnung messen lassen muss: ob ihre Bürger gehen dürfen und dennoch bleiben wollen. Die DDR hat diesen Test 1961 vor aller Welt verweigert und damit ihr Urteil über sich selbst gesprochen, 28 Jahre bevor ihre Bürger es friedlich vollstreckten. Staaten, die ihre Bevölkerung einsperren, gibt es weiterhin, von Nordkorea bis Eritrea. Auch deshalb ist dieser Jahrestag keine Berliner Lokalgeschichte, sondern eine Erinnerung daran, was geschieht, wenn Macht mehr zählt als Freiheit und ein erzwungenes Bekenntnis mehr als ein Mensch. 65 Jahre danach ist die Mauer aus dem Stadtbild fast verschwunden. Die Pflicht, zu erklären, warum sie stand und wer an ihr starb, verschwindet nicht.

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