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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Arthur Eichengrün

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Arthur Eichengrün. War er der Entdecker des Wirtstoffes im Schmerzmittel Aspirin?

Im Jahr 2021 leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. Um das zu feiern, finden in der gesamten Bundesrepublik das ganze Jahr über Veranstaltungen statt. Ziel des Festjahres ist es, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus entgegenzuwirken.

Die Hanns-Seidel-Stiftung beteiligt sich an diesem Jubiläumsjahr mit vielfältigen Aktivitäten. Auch wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, das Judentum in Geschichte und Gegenwart als untrennbaren und prägenden Teil unseres Landes und unserer Gesellschaft erfahrbar zu machen. Als ein Baustein hierzu dient eine Reihe von Portraits jüdischer Persönlichkeiten, die in ihrem je eigenen Wirkungsbereich Bemerkenswertes und Bereicherndes geleistet haben. Auf diese Weise haben sie Deutschland im Allgemeinen und Bayern im Besonderen zu dem gemacht, was sie heute sind.

Arthur Eichengrün: War er der Wegbereiter des Aspirins?

Die Geschichte von Arthur Eichengrün (13. August 1867 – 23. Dezember 1949) begann in einer Zeit, in der es noch kein Deutsches Reich gab, in der die deutsche Chemieindustrie in ihren Kinderschuhen steckte und in der der Antisemitismus immer mehr um sich griff. Anfeindungen, Unsicherheiten, aber auch ein lebendiger Erfindergeist sollten Eichengrün sein gesamtes Leben begleiten.

Der Chemiker und Unternehmer Arthur Eichengrün entwickelte mit seiner Firma "Cellon-Laboratorium" in Berlin den Kunststoff Cellon, mit dem die Tragflächen von Flugzeugen im ersten Weltkrieg bespannt und Atemschutzmasken hergestellt wurden. Ob er auch den Wirkstoff im Schmerzmittel Aspirin erfunden hat, ist unter Experten umstritten.

HSS; Bayer AG, Bayer Archives Leverkusen

Jugend und Ausbildung

Es war Dienstag, der 13. August 1867, als Ernst Arthur Eichengrün in Aachen als erstes von vier Kindern des jüdischen Bekleidungshändlers Julius Eichengrün und dessen Frau Emma Friederica Meyer geboren wurde. Er besuchte das Königliche Gymnasium zu Aachen, das heute den Namen Kaiser-Karls-Gymnasium trägt. Das Buch „Julius Adolph Stockhardts Schule der Chemie“, das er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte, weckte Eichengrüns Interesse an der Naturwissenschaft. Schließlich begann er sein Chemiestudium an der Technischen Hochschule Aachen im Jahr 1885. Zur damaligen Zeit erschien eine Karriere in der aufstrebenden deutschen Chemiebranche als vielversprechend und lukrativ. Trotz der formaljuristischen Gleichstellung wurden Juden in vielen Branchen Steine in den Karriereweg gelegt. Eichengrüns beruflicher Werdegang sollte sich dennoch rasch als erfolgreich erweisen.

Aufstieg als Chemiker

Nach einem Aufenthalt an der Universität Berlin bei den Professoren August Wilhelm von Hofmann und Carl Liebermann, kehrte Eichengrün zurück nach Aachen, um dort seine Promotion vorzubereiten. Promoviert wurde er schließlich 1890 an der Universität Erlangen, weil die Technische Hochschule Aachen damals noch kein Promotionsrecht besessen hatte. Zunächst blieb er bei seinem Förderer Professor Alfred Einhorn, um gemeinsam an der Wirkung von Kokain zu forschen, und ging dann als Mitarbeiter von Professor Carl Graebbe nach Genf. Nach mehreren beruflichen Stationen und der Heirat mit seiner ersten Frau, Elizabeth Ferchheimer, eine Amerikanerin aus Portland (Oregon), mit der er vier Kinder haben sollte, landete Eichengrün 1896 bei Bayer in Leverkusen. Von diesem Zeitpunkt an konnte er seinen Forscherdrang, seine genaue Beobachtungsgabe und seine Experimentierfreudigkeit in produktive Bahnen lenken. Bis zu seinem Lebensende meldete er rund 50 Patente an.

Kontroverse um Entdeckung der „Acetylsalicylsäure“

Am bedeutendsten sollte sich zunächst Eichengrüns Entwicklung von Protargol erweisen. Dieses Medikament wirkt gegen Gonorrhoe, eine Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitete Geschlechtskrankheit. Heute noch weitaus bekannter ist das Schmerzmittel Aspirin. Doch hier gibt es eine Diskussion darüber, welche Rolle Eichengrün bei der Entdeckung des Wirkstoffes, der Acetylsalicylsäure, gespielt hat. Während Walther Sneader von der Universität Strathclyde in Glasgow der festen Überzeugung ist, dass es allein Eichengrüns Verdienst gewesen sei, den Wirkstoff von Aspirin zu entdecken, galt bislang Felix Hoffmann als Entdecker. Sneader jedenfalls ist sich sicher, dass Hoffmann, ein Mitarbeiter Eichengrüns, in dessen Auftrag Acetylsalicylsäure hergestellt hatte. Somit könnte man es als Gemeinschaftsprojekt betrachten.

Der Vorgang ist auch deswegen schwer nachvollziehbar, weil sich Eichengrün kurz darauf mit dem Cellon-Laboratorium Dr. A. Eichengrün in Berlin selbstständig machte und die Zeit bei Bayer wohl hinter sich lassen wollte. Der durchsichtige Kunststoff „Cellon“ wurde in vielen verschiedenen Bereichen eingesetzt, etwa bei der Bespannung von Flugzeugtragflächen im ersten Weltkrieg oder bei der Herstellung von Atemschutzmasken.

Ferienhaus auf dem Obersalzberg

Der Erfolg des Kuststoffes ermöglichte ihm zum einen, für seine Kinder zu sorgen, zum anderen konnte er 1915 das Ferienhaus Mitterwurf auf dem Obersalzberg erwerben, das er zuvor schon mehrere Jahre gemietet hatte. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde es immer schwieriger, die Produktion in Berlin aufrecht zu erhalten. Nach und nach fraß die Inflation das Barvermögen sowie das Eigentum an einer Villa in Grunewald auf. Das Ferienhaus am Obersalzberg blieb der Familie dennoch erhalten. Eichengrün konnte sein Cellon-Werk weiter betreiben und die Belegschaft weiter beschäftigen, wenngleich die finanzielle Situation deutlich schlechter wurde.

Eichengrün und seine zweite Frau, die Holländerin Madeleine Mijnssen, mit der er zwei weitere Kinder hatte, verbrachten die Sommermonate also am Obersalzberg in direkter Nachbarschaft zum Haus Wachenfeld, das Adolf Hitler, wohl ab 1925 (oder 1927) unter dem Decknamen „Herr Wolf“ gemietet hatte. 1927 heiratete Eichengrün zum dritten Mal: das langjährige Kindermädchen der Familie, Lucie-Henriette Gartsche. Sie verbrachten nachweislich ihre Sommerurlaube in direkter Nachbarschaft zu Adolf Hitler alias „Herr Wolf“.

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, durfte Eichengrün vor allem aufgrund seines exzellenten Rufes als Chemiker noch einige Jahre seine Geschäfte weiterführen, bis schließlich 1938 auch seine Firma „arisiert“ wurde. Er wurde verhaftet und eingesperrt, weil er sich weigerte, seinem Namen ein „Israel“ beizufügen, wie es Juden vorgeschrieben war. Dabei hatte sich Eichengrün bereits 1894 vom jüdischen Glauben abgewendet. Nachdem er sich ein weiteres Mal jener Forderung verweigert hatte, wurde er im Mai 1944 in das Konzentrationslager Theresienstadt verbracht.

Eichengrüns Vermächtnis

Eichengrün überlebte trotz seiner Zuckerkrankheit und zog nach der Befreiung nach Bad Wiessee an den Tegernsee. Es grämte ihn offenbar, dass die Entdeckung des Aspirin-Wirkstoffes nicht ihm, sondern seinem Mitarbeiter Felix Hoffmann zugeschrieben wurde. Eichengrün veröffentlichte 1949 noch einen Aufsatz, in dem er die Entdeckung für sich alleine reklamierte. Ein halbes Jahrhundert später setzte sich der Medizinhistoriker Walter Sneader von der Glasgower Universität für Eichengrüns Rechte ein. „Meine Hoffnung ist, dass der Mann, der wirklich für die Entdeckung von Aspirin verantwortlich ist, die Anerkennung bekommt, die er verdient“, sagte er dem SPIEGEL 1999.

Eichengrün verstarb einen Tag vor dem Heiligen Abend 1949. Immerhin: An seinem Grab in Bad Wiessee weist seit 2017 eine Gedenktafel auf Eichengrüns Erfindung hin. Seine ganze Lebensgeschichte mit all ihren persönlichen Erlebnissen, familiären Wendungen und beruflichen Erfolgen hätte darauf wohl kaum Platz.

Autor: Thomas M. Klotz, HSS

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