„1976 Deutschland vor der Entscheidung – Freiheit oder Sozialismus“
Am 19. Juni 1975 war Helmut Kohl als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU nominiert worden. „1976 Deutschland vor der Entscheidung – Freiheit oder Sozialismus“ – unter diesem Motto fand am 8. Mai 1976 der Wahlkongress der CSU in der Bayernhalle des damaligen Münchner Messegeländes (bis zur Eröffnung der Messe München in Riem am 12. Februar 1998 befand sich die Messe seit 1964 auf der Münchner Theresienhöhe). Er bildete den Auftakt zum Wahlkampf gegen die seit dem 16. Mai 1974 amtierende Bundesregierung aus einer Koalition von SPD und FDP, geführt von Helmut Schmidt.
Sozialismus in Bonn – die Praxis seit 1969
Am 8. Mai 1976 um 12:30 Uhr begann die Veranstaltung mit einer Begrüßung durch den damaligen Generalsekretär Gerold Tandler. Ihm folgte der Vortrag des Bundestagsabgeordneten Richard Stücklen mit dem Titel „Sozialismus in Bonn – die Praxis seit 1969“. Den Sozialismus schilderte er als die größte Bedrohung der Freiheit in Deutschland und zeichnete ein Bild der SPD als radikalisierte, sozialistische Partei. Die FDP in der Regierung, so Stücklen, sei „kein echter Bremser des sozialistischen Zuges. Dafür ist sie viel zu sehr bloßes Anhängsel der SPD. Sie kann zwar hinsichtlich ihrer politischen Absichten nicht mit der SPD in einen Topf geworfen werden. Sie ist es aber, die der SPD erst dazu verholfen hat, den sozialistischen Zug ins Rollen zu bringen. Die FDP mag sich daher zur Zeit wahlkampfbedingt so sehr von der SPD wegprofilieren, wie sie will, sie haftet für den beschrittenen sozialistischen Weg voll mit.“ (BTW 1976 : 22, Stücklen S. 19 f.).
Plakat für die Bundestagswahl 1976
CSU; ACSP; HSS, ACSP, Pl S : 2542
Der Griff des Sozialismus nach der persönlichen Freiheit
Anschließend referierte der Soziologe Prof. Dr. Helmut Schoeck von der Universität Mainz über den „Griff des Sozialismus nach der persönlichen Freiheit“. Er befasste sich mit der Theorie, dass, obwohl der Sozialismus versagt habe, er immer noch zahlreiche Anhänger im Westen finde und fragte: „Was aber bleibt in einer solchen Lage für westliche Sozialisten einzig und allein übrig, wenn sie weiterhin an den Sozialismus glauben wollen? Sie müssen das Bedrohliche und im Grunde Widerwärtige in der Propaganda, der Militärpolitik des Ostens verdrängen, ja, am Ende, in eine bewundernswerte Leistung umdeuten.“ (BTW 1976 : 22, Schoeck, S. 2). Schoeck sprach von der Selbsttäuschung der Sozialisten, die behaupten würden, der verwirklichte Sozialismus im Osten sei nur deshalb eine „so wenig anziehende, eine so kläglich dahinwurstelnde Wirtschaftsverfassung, weil es die kapitalistischen Länder in der freien Welt noch gibt.“ Durch diese Theorie, so Schoeck, würden die Sozialisten zu einer Praxis getrieben, an der „die soziale Marktwirtschaft allmählich ersticken müsste.“
Auf Schoeck folgte der tschechisch-deutsche Schach-Großmeister Ludek Pachmann (1924-2003) mit seinem Vortrag „Wo der Wille schwindet, schwindet auch die Hoffnung“. Pachmann hatte 1972 die Tschechoslowakei verlassen, 1975 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und engagierte sich politisch unter anderem für den Vorsitzenden der CSU, Franz Josef Strauß. Bei dem Wahlkongress sprach er in der Rolle desjenigen, der sich gegen den Sozialismus und für die Freiheit entschieden hatte und stellte fest: „Der Traum ist längst ausgeträumt. Der Wohlstand blieb aus. Statt einer höheren sozialen Gerechtigkeit wurde eine tiefere, viel schlimmere soziale Ungerechtigkeit eingeführt. Statt Freiheit kam Unterdrückung.“ (BTW 1976 : 22, Pachmann, S. 1).
Den Abschluss des Wahlkongresses bildete eine Grundsatzrede von Franz Josef Strauß: „Deutschland vor der Entscheidung“. Dabei stellte er die Grundlagen in der Politik der Union dar, die es zu bewahren galt: demokratischer Rechtsstaat, parlamentarische Demokratie und Soziale Marktwirtschaft. Neben der grundsätzlichen Auseinandersetzung und der Frage des Wahlkampfes „Freiheit oder Sozialismus?“, kam Strauß auch auf die Finanz-, Bildungs- und Außenpolitik zu sprechen, ehe der Wahlkongress um 16 Uhr endete. Es hatte sich gezeigt, dass ein harter, polarisierender Wahlkampf bevorstand, denn, so hieß es im Wahlprogramm der CSU 1976: „Bei dieser Wahl geht es um das Schicksal Deutschlands und Europas. Jeder Bürger muß sich dieser grundsätzlichen Entscheidung bewusst sein.“ (https://www.csugeschichte.de/media/user_upload/Programm_BTW_1976.pdf)
Programm für den CSU-Wahlkongress am 8. Mai 1976
CSU; HSS, ACSP, BTW 1976 : 22
Freiheit statt Sozialismus
Einen ähnlichen Slogan wie die CSU präsentierte die CDU auf ihrem Wahlparteitag am 24. Mai 1976 in Hannover. Bei ihr hieß es nicht „Freiheit oder Sozialismus“, sondern „Freiheit statt Sozialismus“. Zu Beginn des Wahlkampfes stieß der Slogan bei der Bevölkerung und Teilen der CDU/CSU-Anhängern auf Ablehnung. Bei einer Umfrage im Mai 1976 gaben 65 Prozent an, ihnen gefiele diese Parole nicht. Allerdings gaben 56 Prozent der Westdeutschen bei einer Befragung im Juli 1976 an, sie fänden es besonders wichtig, dass verhindert werde, „dass sich bei uns ein Sozialismus in der Art der DDR durchsetzt.“. Auch stieg die Zustimmung zu dem politischen Ziel „Verhindern, dass kommunistische Einflüsse in Europa vordringen“ von 51 auf 59 Prozent. Dabei trauten die meisten Wähler der CDU/CSU die größeren Kompetenzen zu.
Die SPD reagierte: Helmut Schmidt bezeichnete den Wahlkampf der Unionsparteien unter anderem als „politische Umweltverschmutzung“ und „rhetorischen Bürgerkrieg“. In Wahlspots der SPD wurden Ausschnitte aus Werbefilmen der CDU gezeigt und von Helmut Schmidt als „Angstmacherei“ kommentiert. Eine Plakatserie der SPD stand unter dem Motto „Von Freiheit verstehen wir mehr“.
Das Wahlergebnis
Bei der Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 erhielten CDU und CSU gemeinsam 48,6 Prozent der Stimmen, was einen Gewinn von 3,7 Prozent gegenüber der Wahl 1972 darstellte. In Bayern kam die CSU auf einen Anteil von 60 Prozent. Dies entsprach einem bundesweiten Anteil von 10,6 Prozent und war das bis dato beste Wahlergebnis bei Bundestagswahlen. Die SPD verlor 3,2 Prozent und kam insgesamt auf 42,6 Prozent. Die FDP verlor nur 0,5 Prozent und erreichte 7,9 Prozent. Die Ergebnisse von SPD und FDP reichten aus, um die bisherige Regierungskoalition fortzuführen, zumal die FDP sich bereits frühzeitig auf eine Fortsetzung der Koalition mit der SPD festgelegt hatte. Die Union hatte ihr Wahlziel, den Regierungswechsel, zwar nicht erreicht, jedoch hatte Sie Wählerstimmen hinzu- und ihre Spitzenstellung im Parlament zurückgewonnen. Inwiefern Slogan „Freiheit oder Sozialismus“ zum Erfolg der CSU beitrug, ist allerdings kaum nachvollziehbar.
Mehr zum Wahlkampf 1976 erfahren Sie im „Kalenderblatt“ des Deutschlandfunks vom 8. Mai 2026:
Mehr zu den Wahlkämpfen der CSU erfahren Sie unter:
https://www.csu-geschichte.de/wahlen
Weiterführende Literatur:
- Huber, Martin: Die Bundestagswahlkämpfe der CDU/CSU als Oppositionsparteien 1972, 1976, 1980, 2002, München 2008.
- Jackob, Nikolaus (Hrsg.): Wahlkämpfe in Deutschland. Fallstudien zur Wahlkampfkommunikation 1912-2015, Wiesbaden 2007.
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